Jahrgang 2 Nr. 7 vom 16.02.2002
 

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Ein türkischer Rambo - ein Hürriyet-Interview mit einem Akteur des Susurluk-Skandals

Über das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit ist viel diskutiert worden. Kulturelle Werke - seien es Filme, Erzählungen, Gemälde oder Symbole - dienen der kollektiven Selbstverständigung. Mit anderen Worten: sie helfen uns, unser Handeln sinnvoll zu erleben. Sie sind dabei zugleich Mittel und Triebfeder. Ich mußte daran denken, als ich das Interview mit Ayhan Carkin, ehemaliges Mitglied einer polizeilichen Sondereinheit, in der Hürriyet vom 10. Februar las.

Ayhan war als Mitglied einer Sondereinheit in der Terrorismusbekämpfung eingesetzt. Zu seinen Aufgaben gehörte es, in den Bergen im Osten der Türkei Terroristen zu jagen. Später wurde er in Istanbul eingesetzt. Dabei hat er - auch wenn er keine konkrete Zahl angibt - Dutzende "Terroristen" getötet. Er stellt sich da als jemand, der "den Krieg" gesehen hat: es gibt den Feind, der ohne zu zögern tötet. Töten erfolgt nach Regeln - "Er oder Ich". Dabei spielt das Geschlecht keine Rolle - es ist die Waffe, die den Ausschlag gab. Ayhan zufolge erfolgt aber auch das Töten innerhalb von Grenzen: wer sich ergibt, wird gefangen genommen, wer Widerstand leistet, getötet.

Zu den Hauptwürfen gegen die Angeklagten im Susurluk-Skandal gehörte, daß staatliche Stellen Kontakte zu Verbrechern, genauer gesagt, zum organisierten Verbrechen unterhalten haben. Dies war durch den Tod von Abdullah Catli offenkundig geworden, saß dieser doch beim Autounfall von Susurluk mit falschen Papieren zusammen mit einem Polizeioffizier und einem Abgeordneten im selben Wagen. Ayhan Carkin leugnet seine Freundschaft zu Catli nicht. Er erklärt, daß niemand ihm einreden könne, Catli sei ein schlechter Mensch gewesen.

Nach wie vor erklärt Carkin, nur auf Anweisung gehandelt zu haben. Der Autounfall von Susurluk war noch in weiterer Hinsicht ein Unfall: die ganze "Abteilung" ist "unter die Räder gekommen". Nun werde das Ereignis zum Vorwand genommen, um zu ihren Lasten, die eigene schmutzige Wäsche zu waschen. Aber er sagt auch: "Ich bin stolz, auf die Dienste, die ich geleistet habe."

Die Interviewerin, Ayse Arman, schildert, wie merkwürdig es sie berührt hat, mit einem Menschen zu sprechen, der viele andere Menschen getötet hat. Sie fragt nach. Fragt nach der Psychologie des Tötens. Aus diesem Teil des Interviews sprechen neben dem Ehenkodex vor allem Entwurzelung. "Im Augenblick der Operation arbeitet mein Kopf intensiver, geordneter. Ich bin ein Mann, der weiß was er tut. Vielleicht ist es das, was ich will. Schauen Sie, auch daß sage ich. Die Operation ist der Moment, in dem ich mich am besten fühle. Selbst heute würde ich wieder in die Berge ziehen ..."

Wenn Carkin selbst schon einen Film zur Verdeutlichung seiner Erfahrungen heranzieht, so fallen mir weitere Filme ein: Amerikanische Filme nach dem Vietnam-Krieg - Kriegsveteranen, die mit ihren Kriegserfahrungen versuchen, ein neues Leben zu beginnen. Von diesen Erfahrungen los zu kommen, ein "bürgerliches Leben" zu akzeptieren, wenn man bereits alle Regeln hinter sich gelassen hatte, kann nicht einfach sein.

Der Krieg gegen die PKK hat mehr als 30000 Tote gekostet. Er ist auf beiden Seiten mit äußerster Erbarmungslosigkeit geführt worden. Seine Verarbeitung steht wohl noch am Anfang. Die juristische Behandlung ist noch nicht abgeschlossen. Die physische Rehabilitation und die Rückkehr der Vertriebenen ist noch nicht abgeschlossen. Unter solchen Umständen fällt es schwer, die Erfahrungen kollektiv zu verarbeiten. Das macht die Bewältigung für jeden einzelnen umso schwerer. Es wird gut sein, sich daran zu erinnern, wenn man über die türkische Politik nachdenkt.

 

 

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