Jahrgang 2 Nr. 8 vom 23.02.2002
 

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Eine Vision für Istanbul

Ali Bulac

Zuerst erschienen in Zaman vom 13.02.02. Übersetzung Stefan Hibbeler

Sollte sich für die Zukunft Istanbuls eine städtische Vision entwickeln, ist es unausweichlich, daß sie auf einer Perspektive von 50 Jahren beruhen wird. Dazu ist auch erforderlich, daß alle auf die Stadt bezogenen Strategien und Politikentwürfe in ihren Zielen auf einem klaren Konzept beruhen.

Der erste Punkt in Verbindung mit einer Vision für Istanbul ist zu unterstreichen, daß von nunan diese aus alter Zeit stammende Siedlungseinheit kein Industriezentrum sein wird. Istanbuls physisches Wachstum hat offensichtlich seine Grenzen erreicht, eigentlich sogar schon lange überschritten. Danach kann Istanbul nur noch für solch grundlegenden Aktivitäten wie Handel, Finanz, Bildung, Wissenschaft, Kommunikation, Tourismus und Sport als Zentrum fungieren.

Als zweiter Punkt bleibt festzuhalten, daß Istanbul seine besonderen Probleme hat. Das konfrontiert sie mit krankhafteren und schwerer zu lösenden Problemen als andere Städte mit vergleichbaren Eigenschaften. Eine Spitzenstellung unter diesen Problemen nimmt dabei die anhaltende Zuwanderung in die Stadt ein mit ihren hohen Folgekosten für die Stadtstruktur, die Architektur und die physisch-soziale Stabilität der Stadt. Alleine dieses Problem ist ein Hindernis für eine dauerhafte Stadtplanung und deren Verwirklichung. Ein für eine bestimmte Bevölkerungszahl und Baudichte entworfener Plan muß spätestens nach zwei Jahren nach physischen und sozialen Kriterien grundlegend geändert werden und bleibt hinter den formulierten Zielen zurück. Es ist unmöglich, in einer Siedlung oder einem Stadtviertel mit einem Bevölkerungsanstieg, der 15 % erreicht und keinem vorher festgelegten Plan folgt, Stabilität zu erreichen oder eine qualifizierte Entwicklung fortzusetzen.

Als dritten Punkt kann über Istanbul gesagt werden, daß trotz des anhaltenden Wachstums der Stadt und der Instabilität von Regionen und Plätzen die Herstellung der physischen Infrastruktur weitgehend als abgeschlossen gelten kann.

Zu der problembeladenen Perspektive der Stadt gehört auch der schmerzliche Kontrast zwischen dem sozio-ökonomischen Zentrum der Stadt und der historischen Halbinsel und die aufgrund der asymetrischen Lebensräume entstehenden unterschiedlichen Lebensstile, die einander interessenlos gegenüberstehende Erwartungen hervorbringen. Mit anderen Worten: Unter den 12 Millionen Einwohnern der Stadt, die man auch als 'Istanbuler' bezeichnet, in ihrer Zusammensetzung aus unterschiedlichen Gesellschaftlichen Schichten einen Schnittpunkt einer gemeinsamen Stadtkultur zufinden, ist unmöglich.

Die durchgeführten Untersuchungen zeigen, daß das Bewußtsein, 'Istanbuler' zu sein, schwach ausgeprägt ist. Ein großer Teil der Stadtbevölkerung sieht sich nicht einmal als Istanbuler - von einem Konsens zur Stadtkultur gar nicht zu sprechen. Das führt zu folgender Schlußfolgerung: Während die technischen und physischen Dienste im großen Stil weitergeführt werden und deren Erweiterung geplant wird, müssen Plattformen entwickelt werden, die die unterschiedlichen Bevölkerungsschichten aufnehmen. Von diesen Plattformen ausgehend muß eine beteiligungsorientierte Planung zur Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt und zur Entwicklung der Stadtkultur ausgehen.

Gäbe es eine bewußte Zugehörigkeit zu Istanbul, so hätten die Einwohner und insbesondere die verantwortlichen Akteure längst dafür gesorgt, daß die letzte Entscheidung der Regierung (die Kürzung der Finanzmittel der Stadt, S.H.) zurückgenommen wird. Die verantwortlichen und eigentlichen Akteure sind wie beim Habitat II Forum herausgestellt, Individuen, Nichtregierungsorganisationen und die Wirtschaftswelt. Weil diese Akteure sich selbst nicht als verantwortlich oder als handlungsfähig sehen, konnte diese Regierung aus einer aus den 1930er Jahren stammenden Tradition, lokale Verwaltungen als nachgeordnete Behörden anzusehen heraus, und dementsprechend mit keiner Reaktion der demokratischen Öffentlichkeit rechnend, eine solche Entscheidung treffen.

 

 

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