Jahrgang 2 Nr. 8 vom 23.02.2002
 

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„Die Türkei"

von Walter Helbling

Wie oft haben Sie diesen Satz auch schon gehört? „Wir verbrachten unseren Urlaub in der Türkei, es war super." Bei exakterem Nachfragen reduziert sich dieses Super auf die dargebotenen Dienstleistungen des 5-Sterne-AI-Hotels, auf eine geführte Jeep-Safari und einen organisierten Ausflug nach Pamukkale mit Einkäufen in einem Teppich- und einem Schmuckgeschäft. Ja, so kann man die Türkei natürlich sehen: Wunderschöne Strände, moderne und funktionierende Hotels und ein sensationelles Preis-Leistungsverhältnis. So „kennt man" also nach Spanien, Griechenland, Tunesien nun auch die Türkei, kann ein Häkchen in die lange Liste der bereisten Länder hinsetzen und die nächsten Urlaubsprospekte bestellen.

Mit jedem Urlaub verbinden sich auch Erinnerungen. Oft sind diese musikalischer Natur. In der Disco wurde jeden Abend mehrmals ein Hit abgespielt. Innert zwei Wochen hatte sich diese Melodie im Ohr festgesetzt. Zurück in Europa beginnt die Suche in Chats, Foren und Musikgeschäften nach besagter CD. Endlich gefunden, oft gehört und später abgelegt im CD-Rechen, so wie der Video und die Fotos im Album. Das war die Türkei.

Erlauben Sie, dass ich bei diesem „kenne ich nun" am Beispiel der Musik etwas verweile. Können Sie mit dem Begriff Sanat müzik etwas anfangen? Das ist dieses „Gejaule", unterstützt von einem ganzen Orchester, wird aufgeführt in Konzertsälen und vor allem am TV zu besonderen Festtagen wie dem Kurban Bayram, dem islamischen Opferfest, welches wir gerade begehen. Sagt Ihnen der Name Muza Eroglu etwas? Er ist ein Meister der Saz und spielt für unsere Ohren eintönig traurige Lieder. In der Türkei kennen ihn alle. Noch erstaunlicher: Seine Lieder sind Volksgut. Egal wohin Sie gehen werden, in einen versteckten Winkel Antalyas oder in ein abgelegenes Dorf: Sie werden einen Sazspieler finden und mit ihm das Publikum, welches entweder andächtig zuhört oder ergriffen mitsingt.

Kennen Sie Sezen Aksu ? Sie ist die eigentliche Pop-Ikone der Türkei. Auf meisterhafte Art und Weise gelingt es ihr immer wieder, typisch Türkisches und so genannte Weltmusik miteinander zu verschmelzen. Für sie gilt, was ich für Muza Eroglu gesagt habe. Egal wo Sie sein werden, diese Lieder sind Volksgut. Daneben schreibt sie durchaus kommerzielle Songs und verhilft damit ehemals unbekannten Künstlern wie Tarkan, Nilüfer oder Yasar zum grossen Durchbruch. Das Fragespiel liesse sich fortsetzen: Haluk Levent, ein Vertreter der so genannten Halk müzik; Livaneli, der Liedersänger und Politiker; Özdemir Erdogan und Orhan Hakalmaz, beide Meister in der Interpretation regionaler traditioneller Lieder und begnadete Künstler.

Musik widerspiegelt die Seele eines Volkes. So betrachtet ist die Türkei ein ungemein vielschichtiges, farbiges Land. Tiefe Trauer und überschäumende Freude liegen sehr nahe beisammen. Gleichzeitig war die Musik für mich ein erster entscheidender Punkt, mich intensiver auf die Türkei einzulassen, einfach irgendwo sitzen zu bleiben, das Fremde an mich heran zu lassen, mich von der Stimmung tragen zu lassen. Heute ist türkische Musik aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Dabei handelt es sich nicht um das Auffrischen von Erinnerungen, sondern um das Tanken von Energie, um das „sich mal treiben lassen". Diese vielfältigen Musikstile sind ein Gewinn in meinem Leben.

Hinter der Musik stehen Menschen, sei es als Künstler oder als Zuhörer. Das Kennenlernen , das „sich wieder begegnen" hatte bei mir oft mit Musik zu tun, Musik als Türöffner. Heute sind daraus Freundschaften entstanden, die Musik steht im Hintergrund.
Musik ist Kultur. Gemessen an der musikalischen Vielfalt der Türkei muss also die Kultur innerhalb des Landes ebenfalls sehr vielschichtig sein, manchmal sogar im Widerspruch stehen. Musik ist ja nur EIN Bestandteil von Kultur, da wäre die lange Geschichte, die Traditionen, das Essen, die verschiedenen Klimas innerhalb der Türkei, welche die Menschen ebenfalls sehr prägen. Gemeinsam ist jedoch allen Regionen ein sehr enges familiäres Netz, welches an sich auch ein Stück türkische Kultur darstellt. Alleine zu diesem Thema liesse sich wohl eine ganze Ausgabe der Istanbul-Post füllen....


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Eine Medienkritik

 

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