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Goldgrube Tourismus ?Walter Helbling Langsam setzt sie sich in Bewegung, die Karawane der Sonnen- und Urlaubshungrigen. In Europa drohen immer noch garstige Wintereinbrüche, während gewisse Urlaubsprospekte für die Mittelmeerländer bereits den lange ersehnten Frühling verheissen. Nach Monaten des Grau in Grau und der Aussicht auf mindestens noch drei weitere heizkostenwirksame Monate ist der Wunsch nach Sonnenwärme und Sandstrand verständlich. Schliesslich werden wir ja schon erwartet. Nervös fixieren Hoteliers und Touristiker der verschiedenen Mittelmeerländer die Buchungsstatistiken. Wo stehen wir im Vergleich zum Vorjahr? Sind wir Top oder Flop? Müssen noch Preise nach unten korrigiert werden, um mehr Gäste anzulocken? Können wir uns, da ausgebucht, bereits die Hände reiben?" Diese geschäftige Unruhe der Touristiker prägt das erste Quartal eines jeden Jahres. Wenig gesprochen wird eigentlich von den direkt Betroffenen, den Hotels und den Angestellten, welche hier auf einen guten Job hoffen. Nur selten liest man fundierte Berichte über die Länder, welche voll auf den Tourismus setzen und diese jährliche Berg- und Talfahrt zwischen wirtschaftlichem Erfolg oder Misserfolg ebenfalls mitmachen. Die Türkei hat diesbezüglich ganz besondere Erfahrungen gemacht und wird neben einzelnen Hochs wohl auch noch manches Tief zu durchleben haben. Seit den frühen 80-er Jahren wird voll auf die Karte Tourismus gesetzt, was zur Folge hat, dass sich die gesamte Südküste von Kemer bis Mersin seit mindestens 15 Jahren im Status einer gigantischen Baustelle befindet. Wo vor zwei Jahren fünf Rohbauten künftiger Hotels standen, befinden sich heute 3 fertiggestellte Hotelanlagen, zwei Betongestelle verharren noch im selbigen Zustand. Zusätzlich kündigen 4 neue Rohbauten weiteres Wachstum an. Das Land ist noch längst nicht alle, folglich kann weiter gebaut werden. Genauso die Prognosen: Bis zum Jahre 2015 sollen 60 Millionen Touristen die Türkei bereisen. Noch gäbe es viele tolle Strände, welche es zu erschliessen gälte, meinte der Tourismusminister vor wenigen Monaten. Letztes Jahr konnte die Türkei einen neuen Besucherrekord verbuchen. Rund 12 Millionen Gäste verbrachten hier ihren Urlaub und schwemmten ca. 9 Milliarden Dollar an Devisen ins Land, so die offiziellen Verlautbarungen. Um so mehr erstaunt es, dass die Türkei erst kürzlich vom IWF für die kommenden 4 Jahre weitere 16 Milliarden Dollar zur wirtschaftlichen Gesundung zugesprochen bekam. Damit nimmt die Türkei Rang 1 der IWF-Schuldnerländer ein. Diese neun Milliarden Dollar Einnahmen aus dem Tourismus beschäftigten mich. Dies hiesse, dass pro Gast 750 Dollar ins Land fliessen. Das kann so nicht sein, liegen doch während der Monate März bis anfangs Juli die meisten AI-Angebote inklusive Flug um bis zu 50% unter diesen 750 Dollars und selbst während der Hochsaison kosten nur wirkliche Luxusanlagen AI mehr als 750 $ pro Woche inkl. Flug. Ebenso ist bekannt, dass sich der AI-Trend fortsetzt und ausserhalb dieser Anlagen nur wenig Geld ausgegeben wird. Es stellt sich also die Frage der Wertschöpfung im Tourismus. Vor allem der Wertschöpfung für den Staat. Er war es ja, welcher während der 80-er Jahre mit einem grosszügigen Kreditvergabesystem den Hotelbau angekurbelt hat. Er ist es auch, welcher die entsprechenden Infrastrukturen (Strassen, Wasser, Elektrizität, Müll- Abwasserentsorgung) bereitstellen und finanzieren muss und heute diesem touristischen Flächenbrand verbissen hinterherbaut. Ein Beispiel dafür sind die nicht enden wollenden Bauarbeiten an der Schnellstrasse Antalya-Alanya. Dabei ist der Türkische Staat ganz offensichtlich an seine finanziellen Grenzen gekommen. Der neue Istanbuler Flughafen zum Beispiel wurde von Privaten errichtet, welche nun ein mehrjähriges Nutzungsrecht besitzen. Die Deviseneinnahmen fliessen also in die Taschen der Investoren. Wo verdient denn der Staat am Tourismus? Wer verdient in der Türkei am Tourismus? Der Gast hat ja bereits vor Abflug AI- gebucht und bezahlt. Ich konzentriere mich deswegen auf eine andere Zahl: Verlängerungswochen AI in Vier- und Fünf- Sternehotels aus dem aktuellen Angebot. In Side im Süral-Hotel gibt es das ab 162 $. Und die Skala reicht bis 300 $ im Topkapi-Palace und im Xanadu-Resort. Für 45 $ am Tag geniesse ich also ein Top-Fünfsternehaus mit Super-AI . Dies ist in etwa der Preis, welchen die Operators für das Kontingent im Luxussegment bezahlen. Damit wird auch das Hotel mehr oder weniger über die Runden kommen. Wie lange noch? Bereits sind in unmittelbarer Nähe drei neue, noch grössere Anlagen geplant. Zappenduster sieht es jedoch für das 162 $ -Angebot aus. 25 $ im Tag, Essen und Trinken inbegriffen. Wovon werden Rückstellungen gemacht, wie wird amortisiert, ist dieses AI überhaupt Kosten deckend? Und was soll nun ein 3-Sternehotel offerieren, ein 1-Sterne-Hotel, eine einfache Pension? Von Wertschöpfung kann doch keine Rede sein. Die 200 neuesten, grössten, besten Hotels der Türkei erhalten die tollen Verträge, der Rest muss sich nach der Decke strecken. Dieser Rest" sind Tausende von Hotels, manche zu klein, andere zu alt, welche jährlich darum zittern müssen, ob sie einen Saisonvertrag kriegen und nicht nur eine Option für die Monate Juli bis September, mit welcher allfällige Kontingentsengpässe überbrückt werden könnten. Wetten, dass auch ein Topkapi-Palace innert 10 Jahren in genau derselben Situation stecken wird? Preislich wird es schon heute unter dem Xanadu-Resort angeboten. Erstaunt es da, wenn Management und teilweise auch Hotelnamen vieler Betriebe in schöner Regelmässigkeit wechseln? Ein Vergleich: In Hurghada ist die Verlängerungswoche in den Katalogen nicht unter 310 Euro zu kriegen und dies meist auf der Basis ZI/HP. Was kostet der Tourismus den Staat und was bringt ungebremstes Wachstum dem Staat und den Menschen? So lange diese Thematik von den Verantwortlichen nicht ganzheitlich angegangen wird, profitieren wir Touristen von einmalig tiefen Preisen in einer der modernsten Hotelinfrastrukturen am Mittelmeer. So lange dieses eklatante Überangebot an Zimmern und der damit verbundene Preisdruck bestehen bleibt, wird die Karawane weiterhin in die Türkei ziehen, absteigen in den neusten und tollsten Hotels, dies in einem imaginären Kreis von einer Stunde Reisezeit zum nächsten Flughafen und zu Preisen, welche in etwa dem Nur-Flug-Preis von Individualreisenden entsprechen. Sollte Best-Price in Frage gestellt werden, sucht der Tross der preisbewussten Urlauber ein anderes Ziel, früher Italien, dann Spanien, nun die Türkei, morgen vielleicht Bulgarien oder die östliche Adria-Küste. Emporstrebende Tourismusländer und unberührte Strände gibt es noch unzählige. Nur in der Türkei werden sie langsam knapp...
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