Jahrgang 2 Nr. 9 vom 2.03.2002
 

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Osman Ulagay: Wie kann diese Ökonomie zum Wachstum übergehen?

Zuerst erschienen in der Milliyet vom 10.02.02. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors von Stefan Hibbeler

Die gestern veröffentlichten Zahlen zeigen, daß unsere Industrie im Jahr 2001 um 10 Prozent geschrumpft ist und aß die Schrumpfung im letzten Monat des Jahres überdurchschnittlich ausfiel. Wenn wir uns auch noch vor Augen führen, daß die Schrumpfung von 10,9 % im Dezember sich auf den Vorjahresmonat bezieht, der wiederumg eine Schrumpfung von 4,3 % gegenüber dem Dezember 2000 aufwies, wird der Ernst der Situation noch deutlicher. In diesem Jahr ist im Januar der Automobilverkauf um 82 % zurückgegangen. Diese Zahlen zeigen, daß Slogans wie "wir sind zum Wachstum übergegangen" bzw. "wir sind dabei zum Wachstum überzugehen", reines Gerede sind.

Betrug im Jahr 2001 die Schrumpfung des produzierenden Sektors durchschnittlich 9,9 Prozent, hatten einige Sektoren noch drastischere Rückgänge zu verzeichnen. Der durchschnittliche jährliche Rückgang betrug im Bereich der neuen Technologien/Büro- und Informationsverarbeitungsmaschinen 70 Prozent, bei den Transportfahrzeugen 43 Prozent, bei Lederprodukten und im Presse/Druckereiwesen 27 Prozent, beim Maschinen- und Apparatebau 20 Prozent. Geringere Rückgangswerte wiesen Textil, Bekleidung und Rohmetall auf. Wohin man auch schaut, beitet sich ein ersorniserregendes Panorama. Der auch im Dezember vergangenen Jahres anhaltende wirtschaftliche Rückgang ist für das Jahr 2002 ein ernstes Warnsignal.

Staatsminister Kemal Dervis hat, seit er in die Türkei kam, nicht aufgehört zu erklären, daß das eigentliche Ziel der Wirtschaftspolitik Wachstum und Zunahme der Beschäftigung sein müssen und daß die Türkei ein andauerndes Wachstumstempo von 7 Prozent erreichen könne. Auch ich teile diesen frommen Wunsch, auch wenn ich bisher nicht verstehen kann, wie dies verwirklicht wird. Natürlich akzeptiere ich, daß Haushaltsdisziplin, die Herstellung makroökonomischer Stabilität und die Verwirklichung von Strukturreformen Voraussetzungen für den Übergang zu einem gesunden Wachstum sind. Ich möchte die in dieser Richtung unternommenen Schritte nicht geringschätzen. Aber ich bin überhaupt nicht sicher, daß mit der Einleitung dieser Schritte automatisch Wachstum entfacht wird. Die von mir geschätzten Wirtschaftswissenschaftskollegen hegen, so glaube ich, diese Sorge ebenfalls und ihnen gehen ähnliche Fragen durch den Kopf.

Wie ich erfahren habe, gehört auch die Weltbank zu jenen, die Sorge empfinden. Die Weltbank hatte in einem im Augsut 2000 geschriebenen und leider nicht ausreichend beachteten Bericht bekanntgegeben, daß sollten bestimmte Vorkehrungen nicht getroffen werden, die Türkei in eine ernste Krise geraten könne. Nun wird deutlich, daß die Weltbank die Sorge hegt, daß die Türkei mittelfristig nur ein Wachstumstempo auf niedrigem Niveau erreichen werde. Soweit ich verstanden habe, hegt die Weltbank die Absicht, ein Projekt aufzulegen, an dem auch einige türkische Experten mitarbeiten werden, das Maßnahmen entwickeln soll, wie der Teufelskreislauf von makroökonomischer Stabilisierung und Drosselung von Wirtschaftswachstum durchbrochen werden kann. Es ist wohl der Zeitpunkt gekommen, wo neben makroökonomischen Vorbedingungen auch über Produktion und Investition positiv beeinflussende mikroökonomische Vorkehrungen nachgedacht werden muß.

Es kommt mir so vor, daß bei diesem Thema das Verhalten derer, "deren Finger unter den Stein geraten sind", unter den zu berücksichtigenden Faktoren nicht vergessen werden darf. Die dicht aufeinanderfolgenden Krisen, die durch den Rückgang im vergangenen Jahr erzeugten Sackgassen, Finanzierungsschwierigkeiten, die Instabilität der Binnennachfrage und - als wichtigstes vielleicht - die fehlende Gewöhnung an die durch die freigegebenen Devisenkurse symbolisierten neuen Bedingungen, erschweren den Beitrag der Industriellen zum Wachstum. Ungewißheiten in der Innen- und Außenpolitik tragen zusätzlich dazu bei.

 

 

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