Jahrgang 2 Nr. 10 vom 9.03.2002
 

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Moderne Goldgräber

von Walter Helbling

Vor etwa 2 Jahren tauchten in der Presse erstmals Berichte auf, wonach sich auf Mallorca in der einheimischen Bevölkerung Unmut gegenüber den Langzeiturlaubern aus dem nördlicheren Europa breit mache. Es gab vereinzelte Demonstrationen. Vor allem wurden viele neu erworbene Grundstücke und die darauf erbauten Villen einer genaueren Prüfung unterzogen. Die Folge: Diverse Bekanntheiten und Sternchen mussten zur Kenntnis nehmen, dass ihr Besitz oder ihre darauf erbaute luxuriöse Behausung nicht mit den gängigen Gesetzen in Einklang standen. Saftige Bussen, Abbruch oder gar Enteignung waren die Folgen. Erkenntnis: Geld allein macht es nicht mehr möglich.

Gleichzeitig begann eine breite Diskussion, ob die Sauf- und Gröhlmeile auf der Insel weiterhin toleriert werden solle oder nicht. Viel Staub wirbelte vor allem die Bemerkung des Tourismusminsters auf, wonach man zukünftig auf qualitativ hochstehendere Touristen setze. Die Saufproletariat solle sich doch künftig in Ländern wie der Türkei ins Koma trinken. Abgesehen davon, dass diese Bemerkung geschmacklos der Türkei gegenüber war, zeigt sie Eines: Es gibt offenbar auch bei bestimmten Gastgeberländern unserer Urlaubsziele eine Schmerzgrenze für das, was man gemeinhin als tolerierbar betrachtet.

Es scheint tatsächlich so, dass für viele Türkeiurlauber zunehmend „fun und drunken" zur Urlaubsmaxime gehört. Mit dazu beigetragen haben hanebüchene Reportagen deutscher Privatfernsehstationen mit Titeln wie „Volle Pulle Party", „Das Love-Boat", welche dieses Image von Suff und Sex erst richtig prägten. Es entstand der Eindruck: „ Was wir auf Ibiza oder Mallorca praktizierten und weswegen wir in letzter Zeit zunehmend Probleme kriegten, gibt es in der Türkei zum Schnäppchenpreis." Kein Wort über islamische Kultur, zu Traditionen, eine Art von Urlaubsknigge. Nein, man ist ja schliesslich unter sich und die andern bleiben aussen vor. Man will ja was haben, für sein Erspartes, nicht wahr?


Seit etwa 10 Jahren ist eine weitere Tendenz feststellbar: Immer mehr Menschen aus Europa versuchen, in der Türkei geschäftlich das zu erreichen, was ihnen in Europa verwehrt blieb, nämlich reich zu werden. Mit relativ knapper Gelddecke steigen sie aus und übersiedeln in die Türkei, wo alles so billig ist, wo man in kürzester Zeit sein Vermögen mehren kann, da man ja eh alles besser weiss und kann als diese Türken. Dass es natürlich auch in der Türkei Gesetze gibt, welche ganz klar regeln, was Zuwanderer zu tun und zu lassen haben, kümmert diese Leute wenig. Sie haben sich einen Satz zum Lebenselixier gemacht: Problem yok!!

Alles ist möglich: Der Kauf eines kleinen Hotels oder einer Pension, der Erwerb eines Grundstückes, welches nach erfolgter Bebauung 200% der Kosten abwerfen wird. Mit 100 000 Euro ist man dabei. Viele können es kaum fassen, wie schnell sich in der Türkei diese 100 000 Euro in Luft auflösen können. Noch schlimmer: Wie kommt es, dass die Fremdenpolizei in der Pension steht, nachdem die letzten Euros ausgegeben sind und einem aufklärt, weshalb man die Türkei wegen illegaler Beschäftigung innert eines Monats oder gar 14 Tagen zu verlassen habe? Und weshalb jetzt, wo man doch gerade auf die Hilfe von Freunden angewiesen wäre?

Nun, es lohnt sich eben doch, die geltenden Gesetze etwas genauer anzuschauen. Sie besagen nämlich ziemlich klar, dass jemand mit Touristenvisum keiner Arbeit nachgehen darf. Sie erläutern auch, unter welchen Voraussetzungen ein Geschäft eröffnet werden kann. Nur eben, dies alles sei kein Problem, dachte Besserwessi. Indem man einen Türken vorschiebt oder Teilhaber in einem Not leidenden Betrieb wird, bleibt man ja Tourist, auch wenn man diesen faktisch führt, nicht wahr? Falsch. Neider gibt es überall..

Andere versuchen mangels Barmitteln genau das zu tun, was jeder kleine türkische Abschlepper beherrscht. „Du bist mein Freund, ich werde alles dafür tun, dass du einen tollen Urlaub hast. Natürlich will ich nichts dafür, schliesslich bin ich ja dein Freund." Selbstverständlich nimmt der Gast zur Kenntnis, dass der Gastgeber sich in Kosten stürzt. Benzinkosten für den Ausflug, Führung durch ein antikes Gemäuer. Die Bootsfahrt, das türkische Abendessen mit Leila hat man zwar selbst bezahlt. Aber der neue „Freund" hat das alles organisiert und irgendwie möchte man sich ja erkenntlich zeigen. Ganz nebenbei: Er scheint sich detailliert bezüglich Erwerb von Grundstücken und Immobilien auszukennen. Vor allem kann er mit jeder Menge Horrorstorys über türkische Abzocker aufwarten. So etwas würde bei ihm nie passieren.

Zum Abschied möchte man sich ja erkenntlich zeigen. 70 Euro für Organisation und Führung während eines Tages durch einen „Landsmann" darf man schon springen lassen. „Die Türkei ist wirklich ein tolles Land und Eigentum ist ja soo günstig. Mit 40 000 Euro zum Eigenheimbesitzer. Ist ja gelacht!. Nur eben, man muss aufpassen. Was unser „Freund" da alles erzählt hat.... Also, falls wir in eine Wohnung, ein Haus investieren, nur in Absprache mit diesem Mann."

Was der Gast nicht weiss: Für 70 Euro arbeiten viele Normalverdiener in der Türkei eine Woche lang, auch Abschlepper...Ähnlich wird auch der Immobilienkauf vor sich gehen: Für 15 000 Euro gekauft, 3000 Euro investiert, für 40 000 an einen Naivling verkauft.

Wenn ich ein wenig im Internet surfe, Homepages studiere, Foren durchlese, so scheint mir, diese Spezies der Glücksritter vermehre sich in der Türkei in ähnlichem Tempo wie die Rohbauten der künftigen Hotels. Sie fallen auf durch nichtssagende Homepages mit grossspurigem Blabla. Konkretes erfährt man jedoch nicht, das geschieht nur via E-Mail. Logisch, denn würden sie ihre Tätigkeit auf diesen Seiten offenlegen, kämen sie mit dem Gesetz in Konflikt. Es wird lediglich eine Frage der Zeit sein, bis sich die Geschichte aus Mallorca an der türkischen Südküste wiederholen wird. Zu viele „Touristen" mit Aufenthaltsgenehmigung fischen hier in trüben Gewässern. Ganz übel finde ich den Umstand, dass viele es nötig haben, ihre Gastgeber, die Türken, zu diskreditieren, um dann ihren eigenen Reibach zu machen. In einem Land mit über 20% Arbeitslosigkeit. Dies alles meistens noch ohne gültige Arbeitsbewilligung. Schwarzarbeiter also, miese kleine Schwarzarbeiter, welche in ihrem Herkunftsland „Raus mit diesem Pack!!" geschrien haben, wenn Fälle von Illegalen bekannt wurden. Was sie noch nicht bemerkt haben, diese Goldgräber und Neunmalklugen : Nun sind SIE die Illegalen und auf bestem Wege, sich sehr unbeliebt zu machen.

Antalya und vor allem Alanya dürften die ersten Ort sein, an denen diese Schwierigkeiten geballt auftreten werden. Schon jetzt verlassen jährlich einige Dutzend „Illegale" nicht ganz freiwillig Knall auf Fall die Türkei, und das ist gut so....

Walter Helbling

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Beiträge von Walter Helbling in der Istanbul Post

Eine Medienkritik

„Die Türkei"

Goldgrube Tourismus ?

 

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