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Inflationsbekämpfung oder Wachstum?Mit großer Spannung waren die Inflationszahlen des Staatlichen Statistikinstitutes für den Monat Februar erwartet worden. Nachdem der Verbraucherpreisanstieg im Januar deutlich höher ausgefallen war, als erwartet, stand zu einem Gutteil die Glaubwürdigkeit der Wirtschaftspolitik auf dem Spiel, hatte die Regierung und allen voran der für Wirtschaftsfragen zuständige Staatsminister Dervis Entschlossenheit bekundet, das im Vertrag mit dem IMF festgelegte Inflationsziel von 35 Prozent zum Jahresende zu halten. Tatsächlich sind die Febuarzahlen günstiger ausgefallen, als erwartet wurde. Die Inflation wurde gegenüber dem Vormonat mit einem Preisanstieg von 2,6 % ermittelt, die Preise des produzierenden Gewerbes stiegen nur um 0,6 % gegenüber dem Vormonat. Der Verbraucherpreisanstieg wurde mit 1,8 % gegenüber dem Vormonat angegeben. Den höchsten Anteil am Anstieg der Verbraucherpreise hatten Lebensmittel und Wohnen. Von türkischen Wirtschafskommentatoren wird die Wirksamkeit des eingeleiteten Programmes im Hinblick auf die Inflationsbekämpfung kaum angezweifelt. Ein wesentlicher Faktor des Preisauftriebes, die Nachfrage, wird durch die Drosselung des privaten und öffentlichen Konsums aufgehoben. Ob damit aber das eigentliche Ziel des im vergangenen Jahr eingeleiteten Erneuerungsprogramms erreicht werden kann, wird vielfach bezweifelt. Einigkeit besteht darin, daß mit Blick auf die argentinischen Erfahrungen es nicht genügt, die öffentlichen Haushalte zu sanieren und die Inflation zu senken, um ein anhaltendes Wirtschaftswachstum einzuleiten. Angesichts der massiven Drosselung der Binnennachfrage bleiben im Grunde nur noch zwei Möglichkeiten, Wirtschaftswachstum zu erzielen: zum einen kann dies durch massive Steigerungen der Exporte geschehen und zum anderen durch ausländische Direktinvestitionen. Da letztere aber vor allem auf langfristige Planungen zurückgehen ist selbst dann nicht mit einer unmittelbaren Steigerung der ausländischen Investitionen zu rechnen, wenn die geplanten Maßnahmen zur Verbesserung des Investitionsklimas erfolgreich verwirklicht wurden. Für die Exportsteigerung sind neben Entwicklungen in der Türkei vor allem die Wirtschaftsentwicklung in den Hauptabsatzländern der Türkei entscheidend. Hier zeigen sich leichte Hoffnungstendenzen für die europäischen und die amerikanische Volkswirtschaft. Betrachtet man aber die in dieser Woche vom Staatlichen Statistikinstitut veröffentlichten Daten für den Monat Dezember, so zeigt sich, daß der Export zwar mengenmäßig deutlich gestiegen ist, nicht aber im Hinblick auf den Erlös. Dementsprechend ist auf einen Zeitraum von 12 Monaten eine mengenmäßige Steigerung der Exporte um 22 % und eine Verringerung der Importe um 24,8 % eingetreten, während der Preisindex einen Rückgang der Einnahmen um 2,6 % bei den Exporten und um 0,3 % bei den Importen anzeigt. Die ebenfalls in dieser Woche veröffentlichten Umfrageergebnis zur Industrieproduktion im Januar zeigen ebenfalls, daß sich der Schrumpfungsprozeß der türkischen Wirtschaft fortgesetzt hat. So ging der Gesamtindex um 3,1 % gegenüber dem Vorjahresmonat zurück. Das produzierende Gewerbe verzeichnete einen Rückgang um 3,8 %, der Bergbau um 7,3 %. Angesichtlich dieser Szenerie richten sich die Augen jetzt auf die Zentralbank. Mit einer Senkung der Kurzfristzinsen um 2 % hatte die Zentralbank deutlich gemacht, daß sie gemäß ihrer Inflationsanalysen weitere Zinssenkungen vollziehen wird. Betrachtet man eine Analyse der erwartbaren Realzinsen (Zinserlös nach Abzug der Inflationserwartung), so zeigt eine Analyse von Ugur Gürses in der Tageszeitung Radikal vom 6. März, daß bei Erreichung des Inflationsziels von 35 Prozent gemäß des heutigen Zinssatzes ein Realzins von 25,4 % erzielt wird. Legt man die im Augenblick verbreiteste Inflationserwartung von 45 % als Maßstab an, so beträgt der Realzins immer noch 14,9 %. Solche Gewinnerwartungen aus Kapitalanlagen setzen für die volkswirtschaftliche Entwicklung fatale Zeichen: war in den vergangenen Jahren immer wieder die Rede davon, daß mit sinkender Inflation auch die Zeit, in der durch Geld Geld verdient werden konnte, vorbei seien, so ist mit Blick auf die Zahlen davon nach wie vor nichts zu verspüren. |
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