Jahrgang 2 Nr. 11 vom 16.03.2002
 

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Genauer betrachtet......

Frauenpower

Walter Helbling

Immer wieder wird uns in Europa durch die Medien am Beispiel von erfolgreichen Einzelpersonen gezeigt, was Frau alles schaffen kann. Die erste Parteichefin in Deutschland und zeitweilige Kanzlerkandidatin, der jüngste Bundesrat (eine Frau) der Schweiz, die erste Generation der erfolgreichen Wirtschafts- und Kommunikationsberaterinnen, die wenigen Spitzenmanagerinnen; sie alle hochgejubelt als Beispiel, dass Frau in einer männerdominierten Welt durchaus Erfolg haben kann. So strahlen sie uns dann auf Titelbildern entgegen, erzählen in den Interviews von ihren 18-Stunden-Tagen, von ihrem übervollen Terminkalender und geben sich vielfach alle Mühe, ihre männlichen Vorbilder bezüglich Höchstleistung gemessen in Arbeitsstunden und geflogenen Meilen zu übertreffen. Ohne dieses Mehr hätten sie, das geben sie unumwunden zu, diesen Job wohl auch nicht bekommen. Zwei Ereignisse der letzten Woche bilden den Anlass zu diesem Artikel.

1. Die Marathon-Läuferin Franziska Rochat-Moser Gewinnerin des New York Marathon und seit einem Jahr Alpinistin, zugleich mit ihrem Gemahl erfolgreiche Gastgeberin des höchstdotierten Gourmettempels der Schweiz, stürzt beim Befahren einer überhängenden Schneewächte rund 700m ab und erliegt 2 Tage später ihren schweren Verletzungen. Die ganze Schweiz und vor allem verschiedenste Frauenorganisationen, für welche diese erfolgreiche Frau ein Aushängeschild war, sind schockiert und untröstlich.

2. In einem Zeitungsinterview beschreibt eine 61-jährige Sportlehrerin, was sie neben ihrem Job noch alles für ihren Körper tut: Dreimal pro Woche ein dreistündiges Krafttraining, zusätzlich dreimal wöchentlich rund 2 Stunden joggen. Zur Zeit verdient sie ihren Lohn als Schwimmlehrerin in einem Hallenbad. „Ich will doch nicht körperlich zerfallen", begründet sie ihren Aufwand.


Welche Stellung nimmt „Frau" in unserer von Börsenkursen und Krisennachrichten überfluteten Gesellschaft noch ein? Sicherlich denken wir anlässlich des Muttertages an sie; in der Schweiz wird jährlich über den Frauentag berichtet; im Bundeshaus findet jährlich ein Frauenparlament statt und jede Menge Organisationen kümmern sich um „die Frau". Frauenmanagementschulen, Gleichstellungsbüros, Frauencafés, Frauenkulturclubs. Fast könnte man glauben, es handle sich um eine bedrohte Spezies.

Zu erwähnen sind vor allem die unzähligen Frauenhäuser. Sie bieten Frauen und Kindern Schutz vor physischer und psychischer Gewalt durch Männer. Damit möchte ich lediglich festhalten, dass es offenbar auch in unserer Kultur so ist, dass Frauen in den Augen vieler Männer menschlich als minderwertig gelten und geschlagen oder missbraucht werden dürfen. Ich lege Wert auf diese Feststellung, weil ich nun auf Anamur, einen kleinen Ort an der türkischen Südküste zu sprechen kommen möchte. Seit 15 Jahren kenne ich dieses Städtchen und während zwei Jahren lebte ich dauerhaft dort. Von Frauen wird die Rede sein und von Frauenpower. All jene, welche der Auffassung sind, in der Türkei würden Frauenrechte mit Füssen getreten, möchte ich an obige Aufzählung erinnern. Es gibt in Europa und in der Türkei Männer, welche Frauen schlagen, sie als Eigentum betrachten und behandeln. Ich habe jedoch in Anamur Dinge erlebt, welche mir in Europa so nicht bekannt sind:

Neben unserer Wohnung über die Strasse wohnt ein Schuhputzer in einem ärmlichen Einraum-Haus zur Miete. Verschiedentlich haben wir ihn während der letzten Wochen verspätet und alkoholisiert nach Hause kommen sehen. Seine Frau erwartet ihn am Strassenrand, da sie Geld benötigt, um noch einkaufen zu können. Wenigstens Brot. Mehrmals kommt er ohne Geld, dafür sturzbetrunken. An einem Samstagmorgen werden Stühle aus der Nachbarschaft unter den mächtigen, Schatten spendenden Baum im Garten des Schuhputzers gestellt. Verschiedene Fahrzeuge treffen ein, noch mehr Stühle sind nötig. Zu guter Letzt sitzen rund dreissig Personen im Kreis. Es sind die Familien der Eheleute, welche nun zu verhandeln beginnen. Die Familie der Frau beschwert sich, dass ihre Tochter schlecht behandelt werde, dass die beiden Kinder schlecht versorgt seien und der Ehemann seinen Pflichten als Ernährer der Familie nicht nachkomme. Man trage sich mit dem Gedanken, Tochter und Kinder in die eigene Familie zurückzuholen. Verhandlungen zwischen den Ältesten, zwischen den Geschwistern, dazwischen was zu essen; es zeichnete sich keine Einigung ab. Am Sonntag wird weiterverhandelt. Das Ergebnis: Auch die Familie des Schuhputzers spricht nun auf den eigenen Sohn ein. Er wird aufgefordert, sich künftig mehr Mühe zu geben, ansonsten die Ehe als gescheitert betrachtet werde. Dass die gesamte Nachbarschaft auf den Balkonen rundherum dieses Tribunal verfolgt, versteht sich von selbst. Die Situation der Frau verbessert sich von einem Tag auf den andern.

Kennen Sie die Kadinlar Matinesi ? Ausgestrahlt von verschiedenen türkischen Fernsehstationen, das alternative sonntägliche Kontrastprogramm für Frauen zum Fussballmatch der Männer. Nur Frauen und Kinder, Musik, Essen und Trinken, manchmal Tanz auf den Bänken oder Tischen, mit oder ohne Kopftuch ist bedeutungslos. Schauen Sie sich mal eine solche Sendung an und betrachten Sie diese sehr selbstbewussten Frauen. Das sind nicht einzelne Vorzeigeobjekte, sondern ein Saal voller unbeschwerter, fröhlicher Mütter und Kinder; Sonntag für Sonntag. Solche Bilder wirken.

Kennen Sie die kleine Kadinlar Matinesi? Der nachmittägliche Treff von Nachbarinnen oder weiblichen Familienmitgliedern zum Tee und Süssigkeiten, gewürzt mit Tratsch und Klatsch? Die Info-Börse, wie man sich gegenseitig besser über die Runden helfen kann. Der Ort, an welchem der kommende Tag organisiert wird. Gemeinsam lässt sich Vieles leichter und effizienter anstellen. Männer sind während dieser zwei oder mehr Stunden nicht erwünscht.

In unserer Nachbarschaft heiratet der älteste Sohn. Nach traditioneller Art wurde ein Jahr zuvor Verlobung gefeiert. Die beiden Familien haben sich während dieser Zeit besser kennengelernt. Nach der Hochzeit zieht die junge Frau in den frei stehenden Hausteil im Zweifamilienhaus der Schwiegereltern ein. Ihre Schwägerin geht während der folgenden Tage nicht arbeiten. Stundenlang sitzen die beiden Frauen nachmittags auf dem Balkon und unterhalten sich, ab und zu auch in Gesellschaft der Schwiegermutter. Gemeinsam backen sie Brot, gehen sie einkaufen. Auch bei diesen Gesprächen hält man vergeblich nach Männern Ausschau.

Eine junge 17-jährige Jugendliche verbringt mit uns Ferien in der Türkei. In einem kleinen Dörfchen lässt sie sich am Strand von einem Türken anmachen und schmust wenig später mit ihm herum. Türkische Freunde von uns bekommen das mit und wollen den jungen Mann für sein Benehmen verprügeln und damit ihre und unsere Ehre retten. Wir beschliessen nach Anamur zu gehen, wo es mehr junge Männer gibt und lassen sie alleine im Meer schwimmen. Innert kürzester Zeit ist sie von einem halben Dutzend Jünglingen umgeben, welche versuchen, bei ihr Eindruck zu schinden. Verunsichert kommt sie wieder zu uns zurück. Ich mache sie darauf aufmerksam, dass eine sehr hübsche Studentin aus Ankara ebenfalls alleine schwimmt, sich aber niemand an sie heranmacht. Woran das wohl liegen könne? Deren Freundin kriegt unser Gespräch mit und entnimmt dem Ton, dass wir über sie sprechen. Über den Inhalt des Gespräches aufgeklärt lädt sie unseren Feriengast ein, mit ihnen gemeinsam schwimmen zu gehen. Drei Frauen im Wasser und im Umkreis von 20 Metern kein Mann. Frauenpower. Unser Gast hat alleine mit diesem Erlebnis mehr Selbstbewusstsein gewonnen, als in den 2 Jahren Therapie zuvor.

Diese Aufzählung liesse sich beliebig fortsetzen. In der Türkei IST die Frau ein fester Bestandteil der Gesellschaft und nimmt auch in der Medienwelt einen beachtlichen Stellenwert ein. Nicht nur das: Sie lebt eingebettet in einem nachbarschaftlichen und familiären Umfeld, wie wir es in Europa nicht mehr kennen. Während bei uns Rechte der Frau professionell durch Institutionen geregelt und/oder erstritten werden, besteht in der Türkei ein Netzwerk von Mechanismen, welche auf einer langen Tradition beruhen. Diese haben auch die türkischen Männer zu respektieren, wenn sie weiterhin gesellschaftsfähig bleiben wollen.

 


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