Jahrgang 2 Nr. 11 vom 16.03.2002
 

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Lokale Medien

In einem Beitrag vor zwei Wochen brachte die Istanbul Post einen Überblick über die Besitzverhältnisse in der türkischen überregionalen Medien. Dabei zeigte sich sehr deutlich, daß die meistgesehenen Fernsehkanäle, die verbreitetsten Radios und Tageszeitungen sich in der Hand weniger Konzerne befinden. Folgt man nun nicht den pauschalen Urteilen, daß die türkischen Medien darum "staatsnah" oder gar "gleichgeschaltet" seien, so ist dieser Zustand unter dem Gesichtspunkt einer "demokratischen Öffentlichkeit" als Voraussetzung für das Funktionieren einer offenen und zivilen Gesellschaft problematisch.

Neben den großen Medien existieren in der Türkei jedoch regionale und lokale Medien in unüberschaubarer Anzahl. So spricht Mehmet Farac (Cumhuriyet, Istanbul) von ungefähr 1700 lokalen Zeitungen. Eine Untersuchung von Bianet Ende 1996 wiederum ermittelte durch Anfrage bei den zuständigen Behörden eine Anzahl von 1058 lokalen Radios, 229 lokalen Fernsehstationen und ca. 5000 lokalen Zeitungen.

Spricht auch die Generaldirektion für Pressewesen im Amt des Ministerpräsidenten von der historisch wichtigen Rolle der lokalen Presse, insbesondere während des Befreiungskrieges 1919-1921, so kommt Mehmet Farac zu einer deutlich pessimistischeren Einschätzung. Nachdem die überregionalen Zeitungen in den 70er Jahren ihre Vertriebsnetze auch in die Provinz ausbauten und eigene Lokalseiten herausgaben, konnten die lokalen Zeitungen weder inhaltlich noch technologisch mithalten. Vom journalistischen Standpunkt aus gewann die Lokalberichterstattung an Bedeutung, während viele lokale Zeitungen geschlossen werden mußten.

Aufgrund unzureichender Werbeeinnahmen und Sinken der verkauften Auflage gerieten eine Reihe von Lokalzeitungen im türkischen Südosten nach Einschätzung von Mehmet Farac in Abhängigkeit von Großgrundbesitzern oder gar von Terrororganisationen wie der Terrororganisation Hizbullah. Andere Lokalzeitungen begnügten sich auf niedrigem journalistischem Niveau Einnahmen aus dem Fond der öffentlichen Anzeigen abzuschöpfen und werden als 'Nebenprodukt' von Druckereien herausgegeben. Unzureichend ausgebildetes Personal und der Diebstahl von Nachrichten sind Farac Einschätzung zufolge weitverbreitete Probleme. Besonders betroffen war die Lokalpresse in den Bürgerkriegsgebieten, wo Journalisten seit 1984 immer wieder zum Ziel von Anschlägen wurden.

Einen weitergehenden Einblick in die Probleme gibt die Studie von Bianet. Von den 45 befragten Lokalradios erklärten 31 ökonomische Probleme als ihre größte Schwierigkeit. Die befragten Radios arbeiten mit einem Personal von 2 bis 30 Beschäftigten. Die durchschnittliche tägliche Sendezeit von 19,6 Stunden. Der Nachrichtenanteil im Sendeprogramm der befragten Lokalradios lag etwas unter 10 %. Der Anteil von Musik lag bei 68 %, der von Kulturprogrammen bei 3,6 %. Neben ökonomischen Probleme werden 'rechtliche Probleme', 'Nachrichten' und 'Ausbildung der Beschäftigten' genannt.

Im Rahmen der Untersuchung wurden außerdem 15 Lokalfernsehen mit insgesamt 323 Beschäftigten befragt. Ungefähr 30 % der Beschäftigten sind als Journalisten tätig. Die durchschnittliche tägliche Sendezeit lag bei 15,7 Stunden. Als wichtigstes Problem nannten 6 Lokalfernsehen 'wirtschaftliche Probleme', 4 nannten 'Nachrichten', 2 nannten 'rechtliche Probleme' und eines nannte 'Ausbildung des Personals' als wichtigstes Problem.

Im Bereiche Lokalpresse wurden 8 Tageszeitungen und 15 Wochenzeitungen erreicht. Die Seitenzahl aller befragten Zeitungen erreichte insgesamt 152 Seiten, die Auflage insgesamt 28.000. Die durchschnittliche Seitenzahl lag bei 6,6. Die Zeitungen verfügten über 207 Beschäftigte, d.h. durchschnittlich 9 pro Zeitung. Von den Zeitungen nannten 13 'wirtschaftliche Probleme' als schwerwiegendste Schwierigkeit, 4 'Nachrichten', 2 'Vertrieb' und 2 'technische/technologische Ausbildungsdefizite'.

Nun ist einige Zeit nach Erstellung der wiedergegebenen Beiträge vergangen. Geändert haben sich zumindest zwei Bereiche: Die Entdeckung des Internet-Journalismus und die Medienkrise als besonderer Teil der allgemeinen Wirtschaftskrise des Landes.

Bereits seit Sommer des Jahres 2000 zeichnete sich aufgrund zurückgehender Werbeeinnahmen eine Krise im türkischen Mediensektor ab. Die Folge war vor allem eine massive Entlassungswelle, die weniger auf die Einstellungen von Zeitungen als auf die Ausdünnung der Redaktionen zurückging.

Unmittelbar im Gefolge der Entlassungen und parallel zu einem (zunächst) kurzlebigen Internet-Boom entstanden eine Vielzahl journalistischer Internet-Projekte, von denen eine ganze Anzahl ausgesprochen kurzlebig war. Folgt man der Linkliste von Bianet, so sind in diesem Zusammenhang auch eine Vielzahl von lokalen Internetzeitungen entstanden, die sich z.T. um bereits bestehende lokale Medien gruppieren.

Ein Schlaglicht auf die Qualitätsseite der Lokalpresse wirft der seit 1998 von der Konrad-Adenauer-Stiftung (Türkei) in Zusammenarbeit mit einem türkischen Journalistenverband (Türkiye Gazeteciler Cemniyeti) vergebenen Preis für Lokaljournalismus. In diesem Zusammenhang sind drei Dokumentationen entstanden, die die Preisträger und die ausgezeichneten Beiträge umfassen.

Quellen

Directorate General of Press & Information. Turkish Press. Ankara 2001

(auch im Internet: www.byegm.gov.tr)

Konrad Adenauer Stiftung: Türkiye ve Almanya'da Yerel Gazetecilik. Dokumentation einer Tagung vom 30. September bis 1. Oktober 1999 in Antalya. Mehmet Farac: Türkiye'deki Yerel Basin Hakkinda Genel Bilgi". S. 22-30

Nadire Mater/Ertugrul Kürkcü (Hg.) bia. Ulusal Konferans. Belgeler.

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