Jahrgang 2 Nr. 12 vom 23.03.2002
 

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Nevruz - Newroz - Frühling und Politik

Zur Sonnenwende am 21. März wird alljährlich von vielen Völkern ein Fest gefeiert. Der Winter ist überwunden - es kommt der Frühling. Diese Feste sind bei vielen Völkern verbreitet - das Nevruz-Fest, das vielerorts in Mittelasien und Nahost anzutreffen ist, wird in der Türkei von Kurden und Türken gefeiert. Aber auch in diesem Jahr kam es mancherorts zu Unruhen. In Mersin starben insgesamt drei Menschen, wurden 50 Menschen verletzt. Die Presse war am nächsten Tag vor allem vom Gegensatz angezogen: In Diyarbakir, über Jahre soetwas wie eine Symbolstadt kurdischen Widerstands, wurde ein riesiges Fest friedlich gefeiert. Der Auftritt von Sezen Aksu hat neben musikalischem Unterhaltungswert auch Zeichencharakter: Nevruz kann gemeinsam gefeiert werden.

Um den Hintergrund der Auseinandersetzungen um das Frühlingsfest zu verstehen, muß man sich vergegenwärtigen, daß seit 1984, als die PKK mit ihrem bewaffneten Kampf gegen den türkischen Staat begann, dieses Fest zu einem politischen Kampffeld wurde. Im Versuch, kurdische Kultur öffentlich zu machen, geriet der Nevruz in die Schußlinie. Über Jahre wurden die Feste verboten. Erst seit einigen Jahren besinnen sich offizielle Stellen darauf, daß dieses Fest kein rein kurdisches sei. Dementsprechend werden nun auch offizielle Nevruz-Feiern durchgeführt - vielfach mit Gästen aus den mittelasiatischen Turkstaaten. Mit dem Versuch, auf diese Weise das ideologische Symbol Nevruz staatlicherseits zurückzuerobern konnte das Problem aber nicht gelöst werden. Erst als erlaubt wurde, neben diesen offiziellen Feiern in einzelnen Metropolen auch andernorts Volksfeste durchzuführen, beruhigte sich die Auseinandersetzung um das Fest ein wenig.

Im Vorfeld des diesjährigen Nevruz war diese Auseinandersetzung in ausgesprochen symbolischer Art ausgetragen worden. An manchen Orten spielte die Schreibweise des Festes anscheinend für die Verbotsverfügungen eine wichtige Rolle. Kurden sprechen vom Newroz, die offizielle Türkei vom Nevruz. Wer die kurdische Schreibweise benutzt, gerät darum in den Verdacht, separatistische Tendenzen zu unterstützen oder gar mit der PKK gemeinsame Sache zu machen.

Betrachte ich die Auseinandersetzung in den vergangenen zwei Wochen, so habe ich den Eindruck, daß der vordergründige Konfliktpunkt hier nicht in einem Versuch besteht, die kurdische Sprache oder Kultur verbieten zu wollen. Natürlich gibt es solche Tendenzen. Die Diskussion über die Zulassung kurdischsprachiger Radio- und Fernsehsendungen hat gezeigt, daß diese Position vertreten wird. Aber sie ist nicht mehrheitsfähig. Es gibt eine jahrzehntelange Turkisierungs- und Assimilationspolitik. Doch die Auseinandersetzung mit der PKK verläuft davon parallel. Blendet man diese Differenzierung aus, so wird die PKK zu einer "Freiheitsbewegung des kurdischen Volkes". Eine solche Betrachtungsweise wird aber weder ihren Aktivitäten noch den Rahmenbedingungen des Aufstiegs und Falls der PKK gerecht. Sie wird auch der HADEP nicht gerecht, die zur Zeit eine Massenpartei ist, die nicht nur unter Kurden Anhänger findet, sich aber immer wieder gegen den Vorwurf wehren muß, "politischer Arm der PKK" zu sein. In einem Beitrag von Ahmet Insel, den ich vor kurzem für die Istanbul Post übersetze, wird der Gedanke herausgearbeitet, daß die offizielle türkische Politik zu einem merkwürdigen und fatalen Bündnis mit der PKK führt. Indem "kurdisch" mit PKK gleichgesetzt wird und "Politisierung" der Auseinandersetzung mit "nationaler Kultur" zum Tabu erklärt wird, wird nicht nur der PKK ideologische Munition geliefert, sondern auch dem Sicherheitsapparat die Rechtfertigung beispielsweise den Ausnahmezustand in einer Reihe türkischer Provinzen aufrechtzuerhalten.

Der Verlauf der Nevruz-Feiern in diesem Jahr hat gezeigt, daß nur dort, wo nichtstaatliche Feiern verboten wurden, Auseinandersetzungen eintraten. Der Gouverneur von Mersin, der ein Verbot der Newroz-Feier in der Stadt aussprach, hatte am 8. März Frauenorganisationen erklärt, sie könnten doch an einem anderen Tag feiern - am 8. März gäbe es eine offizielle Feier ...

Das Fest in Diyarbakir hat dagegen das Potential zu einem Symbol dafür zu werden, daß sich nach Jahren des Bürgerkrieges etwas ändern kann. Natürlich sind die gewachsenen Freiräume für die kurdische Kultur - durch die Verfassungsänderung im vergangenen Jahr und durch das Gesetzespaket, das jetzt dem Parlament vorliegt - auf Druck der EU entstanden. Aber die geänderte Rechtsgrundlage schafft Freiräume, die der HADEP-Bürgermeister von Diyarbakir genutzt hat. Diyarbakir kann darum als Hoffnung auf eine stabile und befriedete Türkei verstanden werden ...

Stefan Hibbeler

 

 

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