Jahrgang 2 Nr. 12 vom 23.04.2002
 

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Genauer betrachtet ...

Tee, lediglich Tee

Wir Europäer denken bei diesem Titel sicherlich als Erstes an England. Die Tradition des Teetrinkens, die gewerkschaftlich garantierte tee time, das nachmittägliche Teekränzchen. Angelsächsische Kultur eben.

Spätestens nach dem ersten Türkeiurlaub kehren wir diesbezüglich mit erweitertem Horizont nach Hause zurück. Wenn etwas haften geblieben ist, dann die unzähligen Teeküchen, die Ausläufer, welche auf Hängetabletts Dutzende von Teegläsern, zugedeckt mit den kleinen Messinguntersätzen, darauf zwei Zucker und einen kleinen Teelöffel, durch die Gassen tragen und in verschiedenen Geschäften abliefern. Kein Kassatisch, in dessen Nähe sich nicht eine Gegensprechanlage zur nächstgelegenen Teeküche befindet. Als Kunde scheine ich mit dem Betreten des Geschäftes auch automatisch das Recht auf einen Tee zu erwerben.

Wer kennt sie nicht, die Situation im kleinen Restaurant. Nach dem Essen erscheint der Patron und fragt, ob man noch einen Wunsch hätte. „Haben Sie Tee?" Diese Frage ist verfänglich. Sie wird nämlich immer mit „Ja, natürlich" beantwortet werden. Während in der einen Lokanta tatsächlich wenig später die kleinen Gläser mit dem köstlichen Tee auf dem Tisch stehen, verschwindet in der anderen der Besitzer in der Küche, um nicht so schnell wieder aufzutauchen. Vielleicht hört man noch ein verdächtiges Puffen, wenn der Gasherd angezündet wird, untrügliches Zeichen, dass während der nächsten 20 Minuten gar nichts passieren wird, weil nun erst mal Wasser gekocht und anschliessend der Tee angesetzt wird. Da die Rechnung noch nicht bezahlt ist, bleibt wohl nur das Warten, zumal der Besitzer irgendwo hinter dem Haus hantiert.

Nicht Wissende, welche nach dem Verbleib des Tees fragen, erfahren:" Hemen geliyor, kommt sofort." Dieser wird dann tatsächlich nach knapp 30 Minuten, mit sichtlichem Stolz serviert. Schliesslich ist der Kunde König und „man" hat ja schliesslich alles. Der Tee ist vorzüglich, der Gastgeber möchte beflissen nachschenken, denn nun hat er ja frischen Tee und davon könnte der Gast gerne zwei oder drei bardak trinken. Dass dieser jedoch ungebührlich plötzlich zum Aufbruch drängt, da er eh schon 30 Minuten verspätet ist und noch vor Einbruch der Dunkelheit im Hotel sein möchte, stösst wiederum den Gastgeber etwas vor den Kopf. So können sich wegen eines Tees kulturelle Schluchten öffnen. Die Beflissenheit des Einen wird zum Stress des Andern....

Trotzdem, das Bild der Männer, welche im Schatten eines Baumes sitzen oder an Tischen spielen, Tee schlürfen und es als Gruppe von 10 Personen spielend schaffen, einen Kellner dauernd am Laufen zu halten, dieses Bild prägt sich ein. Die Welt dreht sich, die Börsianer leiden unter Bluthochdruck, wir hier versuchen mit einem letzten verzweifelten Sprint den Zug zu erreichen, welcher uns von der Arbeit nach Hause bringt oder umgekehrt, nur für die Teetrinkerrunde scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Nur sitzen, mit dem Löffel im Glas rumrühren und Tee trinken.

Das türkische Leben ohne Tee ist unvorstellbar. Morgens begibt sich Mann vor der Arbeit zuerst in seine Cay Lokanta, trifft dort seine Kollegen und bei zwei oder drei Tees wird das Neueste aus dem Ort, das Wetter, der Sport und/oder die Politik besprochen. Entfällt dieses Ritual, ist der Tag schon im Eimer, ehe er richtig begonnen hat. Sich in diesen Morgenstunden NICHT im angestammten Lokal einzufinden oder gar gehetzt an den Versammelten vorbeizugehen und nur kurz zu grüssen, wird von den Anwesenden als besonderer Vorfall mit Missfallen registriert und am folgenden Morgen in einem kritischen Verhör enden. Was kann denn wichtiger sein, als jetzt hier zusammenzusitzen und Tee zu trinken?

Szenenwechsel: Auf einer Baustelle ziehen Arbeiter die Backsteinmauern zwischen den Betonträgern hoch. Wetten, dass auch hier in irgendeinem Winkel eine kleine Gasflasche und die Teekrüge stehen? Um die Mittagszeit werden einige Bretter zusammengeschoben, Brot, Oliven und Käse, sowie einige Paprikaschoten ausgepackt, verzehrt. Beim anschliessenden Tee sitzen sie entspannt zusammen, fachsimpeln oder erzählen sich ihre Sorgen. Oder: Am meisten Respekt brachten mir meine Fischer entgegen, als ich ihnen auf unserem Boot bei Windstärke 5 und beachtlichem Wellengang in der Kajüte einen Tee zubereitete, was einiges Geschick erforderte, da es neben dem Halten der beiden Teekrüge auf dem Kocher auch noch darauf ankam, das eigene Gleichgewicht beizubehalten. Vom Gleichgewicht des Magens und wie der in einer solchen Situation unter Kontrolle gehalten werden kann, würde eine weitere Seite füllen...

Abendliche Besuche bei Freunden beinhalten erneute Teerunden. Diesmal ist aber die ganze Familie da und bis gegen 22 Uhr können laufend weitere Angehörige dazustossen. Die Gesprächsthemen wechseln nun. Weniger der Beruf als vielmehr die Angelegenheiten oder Probleme der Familie stehen im Vordergrund und schon manche Schwierigkeit war nach einer solchen Versammlung gelöst. Dieses allabendliche Ritual sucht bei uns in Europa seinesgleichen.

Die Türkei hat schon viele Krisen überwunden, touristische Einbrüche verkraftet, die grosse Inflation vor einem Jahr überlebt, Politiker kommen und gehen sehen. Sie lebt weiter und verarbeitet all dies bei einem oder mehreren Gläschen Tee. Sollte dieser jedoch eines Tages knapp werden, dann fürchte ich ernsthaft um den Weiterbestand des Landes.....

Genüsslich einen Tee schlürfend
Walter Helbling

 

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