Jahrgang 2 Nr. 13 vom 30.03.2002
 

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Gelungene Podiumsdiskussion in Köln

von Ali Sirin

16.3.2002, Föderation der Aleviten Gemeinden in Deutschland AABF: Sind Frauenrechte = Menschenrechte?

,,Sind Frauenrechte gleich Menschenrechte?'' lautete die Fragestellung der Podiumsdiskussion am 16.03 in Köln. Unterstützt von TÜDAY, einer deutsch-türkischen Menschenrechtsorganisation, hatte der Bund der alevitischen Frauen in Deutschland (AAKB) diese Podiumsdiskussion, anlässlich des internationalen Frauentages am 8.März, mit ihren vielen prominenten Gästen aus der Türkei, Iran und Deutschland organisiert. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend förderte die Veranstaltung mit der Hoffnung, dass so ein Engagement nicht einmalig sein sollte. Das Hauptthema des Abends war die Rolle der Frau in den Gesellschaften der vorhin genannten Länder. Auf die Fragen wie: ,,Wie können Frauen menschenwürdig leben? Wie können sie ihre Zukunft selbst bestimmen? Welche Vorbilder haben junge Frauen in den genannten Ländern, um als Mensch und als Frau gleichberechtigt leben zu können?'', wurde versucht, passende und gerechte Antworten zu finden. Diese Podiumsdiskussion ist ein Teil der wesentlich wichtigen Integrationsarbeit, insbesondere in bezug auf die Verbesserung der Situation der benachteiligten Frauen mit Migrationshintergrund.
Die Eröffnungsreden wurden durch Dr. Askim Bozkurt, Uni Mainz, und Rahime Bas, Vorstandsmitglied der AAKB, gehalten. Beide waren erfreut über die rege Teilnahme an der Veranstaltung. Bei der anschließenden Rede von Gülümser Keles, Stellvertretende Generalsekretärin der AABF, kam die Rolle der Frau im Alevitentum zur Sprache. Sie erwähnte die besondere Stellung der alevitischen Frau, wonach sie mit Männern gleichberechtigt in der Gesellschaft agieren kann. Doch sie stellte auch die Frage, ob diese humanistische Seite des Alevitentums im Alltag ebenfalls ihre Gültigkeit hat? Mit einer Bitte an alle (alevitischen) Frauen, sich mehr in ihrer Umgebung zu engagieren, beendete sie ihre Rede. Nebahat Gülhan, Stellvertretende Vorsitzende von TÜDAY, stellte dann kurz ihre seit 1989 bestehende Menschenrechtsorganisation vor. Sie beklagte in ihrer Rede die fehlenden Menschenrechte in der Türkei.
Nach einer kurzen Pause, in der Nur Deniz vertonte Gedichte und Melek Aras, die Gewinnerin des 2. Gedichtwettbewerbes der Zeitschrift AS, ein Gedicht vortrugen, hielt Dr. Sema Piskinsüt einen Vortrag über Frauen in der Politik. Sie ist die Vorsitzende der neugegründeten Partei TDP in der Türkei. Sie begann ihre Rede mit einem Lob für die Progressivität des Alevitentums und brachte zum Ausdruck, dass sie das Verbot alevitischer Institutionen durch die türkische Justiz für ungerechtfertigt hält. In ihrem Vortrag erwähnte sie die geringe Präsenz von Frauen in Führungspositionen in der Politik und in vielen öffentlichen Institutionen. Im türkischen Parlament sind zur Zeit lediglich 4% der Abgeordneten Frauen. Ihrer Meinung nach muss die türkische Gesellschaft für die Probleme der Frauen sensibilisiert werden. Damit die Stellung der Frau sich verbessern kann, müssen mehr Frauen in öffentlichen und politischen Ämtern tätig werden, um die Probleme aktiv in Zusammenarbeit mit Männern zu lösen.

Beshid Najafi, Mitarbeiterin der AGISRA in Köln, hielt eine Rede über die Rechte von Migrantinnen in der BRD. Um eine erfolgreiche Arbeit leisten zu können, sei eine politische Lobbyarbeit notwendig. Die Gesellschaft müsse sich ihrer Ansicht nach mehr mit den Problemen der Frau beschäftigen. Die Rolle der Migrantinnen in Bildung und Beruf kam bei Schahrzad Farrokhzad zur Sprache. Sie ist Doktorandin der Uni Köln zum Thema Biographieforschung bei Frauen mit Migrationshintergrund. Feststellend erwähnte sie den geringen Anteil ausländischer Mädchen, die die gegebenen Bildungsmöglichkeiten nutzen. Eltern müssten vor allem ihre Töchter dazu animieren sich weiterzubilden, um ihren sozialen Status verbessern zu können. Ansonsten würde man sich in einen Teufelskreis begeben.

An der daraufhin stattfindenden Podiumsdiskussion mit Dr. Lale Akgün und Dr. Askim Bozkurt als Moderatorinnen, mit Prof. Nejla Arat, Yasar Seyman und Eren Keskin als Teilnehmerinnen konnten die anwesenden ZuschauerInnen nach jedem Vortrag Fragen stellen. Prof. Nejla Arat, Leiterin des Instituts für Frauenangelegenheiten der Uni Istanbul, erörterte die Situation der Frauen in der Türkei. Die Analphabetismusquote unter den Frauen, vor allem im Südosten der Türkei, sei in der heutigen Zeit bedauerlicherweise immer noch sehr hoch. Unter anderem liege es an der regionalen Tradition, die ihren Frauen wenig Wertschätzung entgegenbringt und an unzureichenden finanziellen Möglichkeiten. Türkische Frauen im Südosten können von den ihnen zustehenden Rechten kaum profitieren. Um das zu ändern, muss noch viel Arbeit geleistet werden, dass dies aber gelingen wird, davon war sie überzeugt.

Eren Keskins Vortrag über die Situation der Menschenrechte in der Türkei und der damit verbundenen Probleme und Behinderungen durch die türkische Justiz ließ vielen Zuhörern den Atem stocken. Als Anwältin und Vorsitzende des Istanbuler Menschenrechtsvereins IHD leistet sie Hilfe für Frauen, die von Angehörigen der staatlichen Sicherheitskräfte vergewaltigt oder sexuell belästigt wurden. Gegen sie laufen viele Ermittlungsverfahren wegen Beleidigung der Staatsorgane. So sagte sie, dass sie höchstwahrscheinlich nach dieser Rede mit einer weiteren Klage rechnen muss. Sie selbst war sechs Monate in Haft. Nach ihrer Auffassung herrscht nicht die Zivilgesellschaft, sondern das Militär in der Türkei und solange sich daran nichts ändert, sind Reformen so gut wie unmöglich, um bessere Menschenrechte durchzusetzen.

Prof. Nejla Arat widersprach den Aussagen der Anwältin Keskin. Ihre Verallgemeinerungen über die Sicherheitskräfte in der Türkei seien ungerechtfertigt und würden nicht der Wahrheit entsprechen. Als letzte Sprecherin wies Yasar Seyman, Gewerkschafterin und Schriftstellerin, auf die Dominanz der Männer in der Türkei hin. Sie sähe es gerne, wenn mehr Frauen in Gewerkschaften eintreten und sich engagieren würden. In ihrem Schlusswort erwähnte sie, dass das Potenzial, Veränderungen zum Guten zu bewirken bei den Frauen liege.

Die anschließende Schlußdiskussion verlief äußerst kontrovers und zeugte von unversöhnlichen Positionen. Ein gemeinsamer Nenner ließ sich jedoch finden: Die Emanzipation in den islamischen Ländern und der Dritten Welt befindet sich noch in ihren Anfängen.

Ali Sirin

 

 

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