Jahrgang 2 Nr. 14 vom 6.04.2002
 

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Das liebe Geld

1986

Zum ersten Male verbringen wir in Anamur Ferien. Der Ort gefällt uns, wir bleiben länger als vorgesehen Deshalb müssen wir eines Tages auf der IS Bankasi Geld wechseln. Hundert Franken zu einem Kurs von ungefähr 25 000 Liras, wenn ich mich nicht irre. Einstehen in der Kolonne, endlose Warterei, immer überholt von Menschen, welche scheinbar ganz wichtige Geschäfte zu erledigen haben. Endlich sind wir an der Reihe, doch scheint dies den Beamten wenig zu interessieren. Er zählt irgendwelche Belege und kontrolliert seinen Kassastock. Nach Minuten schaut er uns fragend an, lauscht angestrengt unserem Gestottere zu:" Iscvicre Frank bozmak istiyouruz, lütfen." Vorgelesen aus einem Langenscheidt Sprachführer. Interessiert betrachtet er den Hundertfrankenschein, zupft ihn aus unseren Händen, steht auf und macht sich auf ins Büro des Direktors. Wenig später erscheint er in Begleitung desselben. Wir werden gemustert und nach unseren Pässen gefragt. Der Bankdirektor bittet uns in sein Büro, lädt uns zum Tee ein und möchte sich mit uns über unser Land und Verschiedenes, was wir absolut nicht verstehen (da nicht im Langenscheidt..), unterhalten. So sitzen wir da, schweigsam, warten, kriegen Tee nachgeschenkt, werden bestaunt von anderen Kunden, welche der Direktor hereinbittet und ihnen offensichtlich erklärt, hier sässen nun zwei Schweizer. Diesselben Versuche, ins Gespräch zu kommen.

Es mögen 20 Minuten vergangen sein, als der Schalterbeamte wieder erscheint, uns zu sich bittet und sich daran macht, ein Formular auszufüllen. Er erfragt unsere Namen, den Namen meines Vaters, findet diesen aber nicht im Pass, was ihn sichtlich verunsichert. Nach weiteren 10 Minuten und einem Tee scheint die Arbeit erledigt. Stolz zeigt er uns das Formular, wo auch der Wechselkurs eingetragen ist. Irgendwas um
14 000 TL. Ich unterschreibe nicht und notiere auf einem Blatt den Kurs für Isviçre Frank. Er bemerkt den Irrtum. Isviçre und Isvec (Schweden) liegen auf der Kurstafel nahe zusammen. Endlich unterschrieben, aber Geld?? Nix da. Das Formular mit der Note und den Pässen wird an einen zweiten Schalter weitergereicht, welche vorerst mal die Pässe einer ausführlichen Inspektion unterzieht, anschliessend die Note mit Argusaugen betrachtet, in einem Buch blättert und letztendlich, „ds, ds ds", ein neues Formular hervorholt, dieses ausfüllt und uns zur Unterschrift vorlegt. Der Kurs??? 14 000 TL... Dasselbe Gespräch, dasselbe Bedauern, ein neues Formular plus Tee. Geschafft!! Gefehlt!! Ein neuer Zettel und per Fingerzeig den nächsten Schalter angezeigt. Vezne, stand dort. Bereits wurden wir erwartet. Der Kassier seinerseits erhielt von der Angestellten den Zettel und unsere Banknote. Erneute Kontrolle, Pässe neugierig mustern, aufstehen und ein Buch holen, blättern, blättern „ds,ds ds" , Griff zu einem neuen Formular - Gott sei Dank wurde er von der Angestellten vor weiterem Missgeschick bewahrt. Das Herauszählen war dann ein Kinderspiel, da war ich überfordert... Nach ziemlich genau 1 Stunde verliessen wir glücklich und Schweiss gebadet die Bankhalle, verabschiedet von sichtlich stolzen Angestellten, per Handdruck vom Bankdirektor. „Das war doch alles kein Problem, nicht?" stand auf ihren Gesichtern. Wir unsererseits begaben uns nach unserem Urlaub auf unsere Schweizer Bank und monierten:" Der Service in der Türkei ist bedeutend besser als hier. Dort kriegt man Tee, Kaffee oder Mineralwasser, wenn man Geld wechseln geht. Nehmt euch ein Beispiel!"...

Heute überweise ich das Geld via Internet und mit Bankleitzahl. Meistens kommt es an. Falls mal eine zweiwöchige Verzögerung eintritt, reicht meistens ein Fax nach Ankara und tags darauf, oh Wunder oh Wunder, ist es tatsächlich auf dem Konto. Abheben könnte ich mit Kreditkarten, worauf ich jedoch verzichte. Weiterhin bin ich Kunde von Is Bankasi, gehe an den Schalter, gucke kurz ins Bankbüro, wo inzwischen etwa der vierte Direktor seit 1986 hinter demselben pompösen Schreibtisch sitzt. Nur guten Tag sagen und sich nach dem Wohlergehen erkundigen. Das Wechseln oder Abheben erledigt sich in weniger als zwei Minuten, sofern genügend Bargeld in der Kasse ist. Für ein „Merhaba" und „wie geht es?" reicht es aber immer noch.

Februar 2001

Wieder befinde ich mich in Anamur, ein Donnerstag. Geplant ist ein Treffen mit einem Bauunternehmer, welcher bei uns noch Schulden in Form eines Senets hat. Über Monate waren die Wechselkurse stabil gewesen, endlich schien die Inflation gebremst. An diesem Tag war jedoch alles anders. Seit den frühen Morgenstunden waren die Wechselkurse frei gegeben. Die Radio- und Fernsehstationen berichteten nur noch über die Entwicklung der Kurse. Der Dollar stieg von 650 000 TL innert 5 Stunden auf über 1 100 000 TL. Ohmächtig mussten die Türken zusehen, wie ihre TL-Konten pulverisiert wurden, die Schuldzinsen anstiegen und sie keinen Zugriff auf allfällige Devisenkonten hatten. Die Schulden unseres Bauunternehmers uns gegenüber verdoppelten sich innert eines halben Tages. Klar, dass dessen Stimmung ziemlich am Boden war. Ein Wirtschafts- und Bankenkcrash. Trotzdem ging das Leben weiter, mit einschneidenden Folgen für die Einwohnerinnen und Einwohner. Mit um über 30 % reduzierter Kaufkraft gelang und gelingt es ihnen weiterhin, sich irgendwie über Wasser zu halten.

April 2002

Von Oktober 2001 bis April 2002 legt die TL gegenüber den anderen Währungen um beinahe 25% zu. In derselben Zeit verteuert sich das Leben im Lande massiv. Erneut erleiden die Lohnbezüger einen Kaufkraftverlust von um die 50%. Benzin kostet um einen Dollar pro Liter. Die Kosten für die Lebensmittel werden also weiterhin massiv steigen, da die meisten Güter ja auf der Strasse verschoben werden. Heute erscheint es rätselhaft, wie jemand mit dem gesetzlich festgeschriebenen Mindestlohn von 250 Mio TL einen Monat leben, geschweige denn eine Familie ernähren soll.

Nur der Lirakurs an den Tafeln scheint in Stein gemeisselt. Wieso eigentlich? Die Istanbul-Post publizierte letzte Woche Wirtschaftsdaten
http://www.istanbulpost.net/02/03/04/proddat.htm
wonach im vergangenen Jahr vor allem der Private Sektor gravierende Einbrüche zu verzeichnen hatte, wonach das Pro-Kopf-Einkommen sich massiv reduziert hat. Die Lira steht jedoch wie ein Fels in der Brandung.

Es drängt sich eine Frage auf: Im Februar 2001 war ein wesentlicher Grund für den Crash, dass der IWF vorübergehend keine neuen Kredite locker machen wollte. Dieses Zögern führte dazu, dass die Banken wegen verfehlter Kreditpolitik plötzlich kein Geld mehr hatten. Inzwischen sind die Mittel wieder reichlich gesprudelt, seit Februar 2001 bis heute um die 20 Milliarden. Wozu wird dieses Geld verwendet? Um den vertraglichen Pflichten als inzwischen grösstem IWF Schuldner-Land nachzukommen, sprich die Zinsen zu bezahlen? Was kostet es, die TL trotz wirtschaftlicher Rezession auf den internationalen Finanzmärkten stabil zu halten, während im Landesinneren Teuerung und Reallohnverlust zusammen wieder die alten 100% Preiserhöhung pro Jahr ausmachen? Anders gefragt: Sollte der IWF, aus welchen Gründen auch immer, seine Zahlungen aussetzen, auf welchen Bruchteil ihres jetzigen Wertes wird die Lira dannzumal schrumpfen? Neben aller Politik und Wirtschaft die entscheidendste Frage: Wie lange hält das türkische Volk den vom IWF angeordneten Marsch durch diese Wirtschaftsdepression durch? Welches wird die Belohnung sein?

Gesprächsstoff genug für meinen nächsten Besuch in Anamur im Mai. Natürlich im Büro des Bankdirektors bei Tee und Bekannten.


Walter Helbling

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