Jahrgang 2 Nr. 14 vom 28.03.2002
 

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Wie lange geht es noch weiter mit dem Rache-Paradigma auf Zypern?

Fuat Ugur

(zuerst erschienen am 28.03.02 in Dördüncu Kuvvet Medya; Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors aus dem Türkischen von Stefan Hibbeler)

Es ist immer so. Zunächst fängt die Mehrheit an, die sich in einer überlegenen Position befindet. Daraufhin erfolgt die Antwort. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Das ist das Rache-Paradigma. Es verwandelt Opfer in Täter und die vorherigen Unterdrücker in Opfer. Als Ergebnis ist schließlich jeder sowohl Täter als auch Opfer ...

Die internationale Diplomatie hat für Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft eine Regel entwickelt, die in Kriegszeiten gilt. Die Person kann, wenn beide Heimatstaaten gegeneinander Krieg führen, die Partei des Landes ergreifen, in dem sie sich bei Kriegsausbruch aufhält, ohne im anderen Heimatland als 'Vaterlandsveräter' angeklagt werden zu dürfen. Auf diese Weise hat die Person, auch wenn sie in Kriegsgefangenenschaft gerät, Anspruch auf alle international verbrieften Rechte. Das bedeutet, daß das andere Land seinen Bürger, der gegen es gekämpft hat, sollte er in seine Hände fallen, nicht unter der Anklage "Du hat gegen uns gekämpft, obwohl du Bürger unseres Landes bist." einfach erschießen darf. Wenn es dies täte, beginge es ein Kriegsverbrechen.

Selbst der Krieg kennt sein Recht. Dies ist eines davon und betrifft den Schutz von Menschen, die in Friedenszeiten am Leben der Welt teilhaben wollen. Im Grunde ist es aus gesellschaftlicher Sicht schwieriger und unsicherer, für den Frieden einzutreten und in Frieden zu leben, statt Krieg zu führen. Krieg ist bitter, aber auch offen. Wie ich bereits geschrieben habe, sind die Regeln bis ins kleinste Detail offensichtlich. Der Feind ist klar und es gibt Gefechte, die entweder gewonnen oder verloren werden. Aber in Friedenszeiten ist der Feind versteckt und zieht sich zurück. Bis ein neuer Krieg ausbricht verbreitet er seinen Unfrieden aus dem Verborgenen.

Auf Zypern hat vor 30 Jahren ein Krieg stattgefunden und als Ergebnis ein Panorama hinterlassen. Das Bild ist eindeutig: Das heutige Zypern ist geteilt. Eine Diskussion über die Ursachen ist, als ob man einen Stein in einen bodenlosen Brunnen würfe. Das beste ist, es so wie die Spanier zu machen, die über den Bürgerkrieg nicht mehr reden.

Auch bei dem jetzt zwischen Denktas und Klerides geführten Friedensgesprächen geht in beiden Gesellschaften das chauvinistische Geschrei weiter. Darunte rhaben am meisten die beiden Völker selbst zu leiden. Aber es gbit auch dort Menschen, die für den Frieden arbeiten. Auch wenn es keinen Unterschied macht, auf Zypern 'Frieden' zu sagen oder barfuß durchs Feuer zu laufen. Auch wenn es im türkisch-zyprischen Teil mit 'Vaterlandsverrat' gleichgesetzt wird.

Die Arbeit der Hamam Böcüleri

Letztens haben mich Zeki Erkut, der seit Jahren als Generalsekretär das Friedenskomitee im türkischen Teil Zyperns betreibt, und seine Frau über ihre neugegründete Web-Site informiert. Als ich den Telefonhörer abnahm und den Gruß 'Sevgüldür' hörte, erinnerte ich mich an ihre Arbeit der vergangenen Jahre, an glückliche und traurige Tage, die wir geteilt haben. Nun hat er seiner bisherigen Pressearbeit noch die Web-Site 'Hamam Böcüleri' hinzugefügt. Auf der Webseite www.hamamboculeri.org kann man als Eröffnung folgendes lesen:

"Hamam böcüleri sind kein Ungeziefer.

Sie leben, um den Unrat zu beseitigen.

Der Staat liebt die Hamam Böcüleri nicht,

weil ihn die Hamam Böcüleri daran erinnern,

wie sehr er selbst zum Unrat geworden ist."

Die Web-Site zeigt eine ironische Herangehensweise gegenüber einem Staat, der diejenigen, die mit heißem Herze den Frieden verteidigen wollen, wie Hamam Böcüleri vernichten will. Sie öffnet sich für diejenigen, die sich trotzdem mutig einsetzen.

Empathie ist keine Eigenschaft von Helden

Zweifellos ist es mindestens so schwer, sich für den Frieden einzusetzen, wie es einfach ist, den Helden zu spielen. Weil Frieden in einem Land zu fordern, das gerade erst den Krieg hinter sich gelassen hat und in dem das Blut der unschuldigen Opfer noch nicht getrocknet ist, auch heißt zu sagen, daß auch die andere Seite Opfer zu beklagen hatte. Das erfordert eine hochentwickelte Empathie. Helden und Krieger benötigen diese Empathie nicht, denn das Bewußtsein ist im Krieg auf Tod und Vernichtung konditioniert. Sonst könnten sie gar nicht zu Helden werden. Entweder töten sie doer sie zählen als Vaterlandsverräter. Aus diesem Grund bedarf es in Friedenszeiten großer Anstrengung, Vorkehrungen zu trefen, daß der Krieg nicht wiederkehrt und neues Leid nicht wieder erfahren werden muß.

Aber während die Friedensgespräche auf oberster Ebene weitergehen, werden die Initiativen zivilgesellschaftlicher Organisationen und Medien, auch das Leid der anderen verstehen zu wollen, von den 'Helden' immer wieder denunziert.

Während ich auf der Web-Site der Hamam Böcüleri das Gedicht des türkisch-zypriotischen Schriftstellers Nese Yasin lese, denke ich zum einen "Immer noch?" und zum anderen erinnere ich mich, was ich in Pile vor 7 Jahren erlebt habe.

Gedenken für die Mitglieder der EOKA?

Auf Zypern ist der einzige Punkt, wo Griechen und Türken zusammenleben die unter UN-Kontrolle stehende Siedlung Peta. Dort wurde von Jugendlichen beider Völker eine Podiumsdiskussion unter dem Titel: "Das Leid des Anderen verstehen, die Gemeinsamkeit feiern" veranstaltet. Die Diskussion wurde von Nese Yasin und Nicos Anastariou geleitet. Am Schluß der Veranstaltung griff Nico Anastasiou einen Gedanken von Nese Yasin auf und rief alle Anwesenden zu einer Schweigeminute für alle Türken und Griechen auf, die in Kämpfen und Krieg getötet wurden. Natürlich brach danach die Hölle los. Denn dieses Ereignis war, mit den Worten von Nese Yasin, vergleichbar mit "einem Kamikaze-Angriff auf ein nationalistisches Symbol." Also eine Verrücktheit. DieReaktion kam ausschließlich von türkischer Seite. Sowohl von Regierungsebene als auch seitens der ihr nahestenden Medien. In den veröffentlichten Erklärungen heißt es, daß die Friedensaktivisten des türkischen Teil Zyperns eine Schweigeminute für die Verbrecher der EOKA durchgeführt hätten. Die griechische Seite hat den Vorfall vielleicht nicht bemerkt - sie nahm nicht Stellung. Denn sie hätte ihre eigenen Friedensaktivisten beschuldigen können, eine Gedenkminute für die Verbrecher der TMT zusammen mit den türkischen Zyprioten abgehalten zu haben.

Yasin charakterisiert dieses Gefühl als 'Rache-Paradigma'. Für die Griechen ist jeder türkische Zypriote ein Verbrecher der TMT, für die Türken jeder Grieche ein Mörder der EOKA. Jeder erwartet den ersten Schritt von seinem Gegenüber. Un wenn Klerides, wie von dem Schriftsteller vorausgesehen, eines Tages aufstünde und erklärte: "Wir haben als Gesellschaft Leid erfahren, aber wir erkennen an, daß Mitglieder unserer Gemeinschaft an Massakern und Morden gegen Türken beteiligt waren und bitten die türkisch-zypriotische Gemeinschaft daür um Verzeihung". Wäre es eine Katastrophe, wenn er soetwas sagte? Noch dazu, wenn er es einseitig erklärte? Natürlich bringt eine Entschuldigung die Getöteten nicht ins Leben zurück und stillt nicht den Schmerz der Angehörigen. Aber eine Entschuldigung könnte für die Zukunft die Hoffnung erwecken, daß sich dies nie wiederholt.

Wer hat angefangen?

Könnte im Gegenzug auch Denktas sagen: "Auch in unserer Gesellschaft haben Menschen Gewalt verübt. Wir bedauern dies"? Eigentlich hat Denktas bereits ähnliche Worte gebraucht. Aber aus einem Rachegefühl heraus. In einem Interview mit einem griechisch-zypriotischen Journalisten erklärte er, daß die 'vermißten Personen' diejenigen seien, die 1963 seine Angehörigen ermordet hätten. Die Logik dieser Worte ist folgende: "Ihr habt angefangen - wir haben Vergeltung geübt."

Es ist wahr, daß die anderen angefangen haben. Denn es ist immer so, daß diejenigen, die in der Mehrheit und der überlegenen Situation sind, anfangen. Die ganze Angelegenheit entspricht dem Rache-Paradigma: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ofer werden zu Tätern und Täter zu Opfern. Bis zum Schluß jeder Täter und Opfer zugleich ist.

Es ist richtig, daß die Unlösbarkeit des Zypern-Konflikts den Interessen mancher Leute nützt. Es wäre unrealistisch zu erwarten, daß jeder nur das Ziel hat, Frieden auf der Insel zu erreichen. Auch betrifft der Konflikt im selben Maße wie das Inselvolk das griechische und das türkische Volk. Aber die Lösung dieses Problems scheint mit Personen, die sich in das Rache-Paradigma verbissen haben, nicht möglich. Dazu bedürfte es Führungspersönlichkeiten, die zu ihren Worten stehen und ihrem Volk Mut geben können. Und es bedarf Medien, die diese Führungspersonen unterstützen. In beiden Teilen der Insel und in beiden Ländern, die diese Teile unterstützen.

 

 

 

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