Jahrgang 2 Nr. 14 vom 6.04.2002
 

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Die Sozialwissenschaften verteidigen

von Taha Akyol

(zuerst erschienen in der Tageszeitung "Milliyet" am 29.03.02; übersetzt von Stefan Hibbeler; mit freundlicher Genehmigung des Autors.)

An der Selcuk Universität in Konya hat ein junger Mensch Namens Cemile Zehra Sisik am sozialwissenschaftlichen Institut seine Diplomarbeit geschrieben.

Im Fach Religionssoziologie ... In der Stadt Bolvadin und Umgebung hat er Fragebögen verteilt ... Er hat gefragt, in welchem Maße die Menschen religiös sind. "Sehr religiös, im mittleren Maße religiös, wenig religiös ..."

Er hat gefragt, in welchem Maße die Menschen an Gott glauben, ob sie religiöse Pflichten wie Gebet und Fasten erfüllen, ob für die Entscheidung bei der Partnerwahl Schönheit oder Gläubigkeit vorrangig sind. Außerdem gibt es noch Fragen nach dem bevorzugten Fernsehkanal, Flirt, Heirat, Alkohol, den Besonderheiten von Erdbeben und ihre gefühlsmäßigen Auswirkungen ...

Mein verehrter Kollege von der Hürriyet, Yalcin Bayer, hat mit dem Verdacht, daß hinter dieser Meinungsumfrage ein 'verstecktes Ziel' stehen könnte, YÖK (Aufsichtsbehörde für Universitäten) zur Wachsamkeit aufgerufen.

 

Das Thema ist weder verwaltungstechnisch noch polizeilich, sondern rein akademisch: Wenn falsche Fragen gestellt werden, sinkt der akademische Wert der Diplomarbeit.

Bleibt noch festzustellen, daß solche Fragen nötig sind, um zu verstehen, wie unsere religiösen und traditionellen Einstellungen in der aktuellen Phase sozialen Wandels beeinflußt werden.

Steve Bruce, einer der zur Zeit geachtetsten Religionssoziologen, ist in seinem Buch "Religion in Modern Britain" von einer Meinungsumfrage ausgegangen, die Themen wie den Grad der Religiosität, die Erfüllung relgiöser Pflichten sowie den Grad der Gläubigkeit an Gott umfaßte.

Die Arbeit von Bruce ist 1995 von der Oxford Universität veröffentlicht worden. Sie ist ein gutes Modell zur Untersuchung der gegenseitigen Beeinflussung von sozialem Wandel und Religion.

In einer von dem geschätzten Politikwissenschaftler Binnaz Toprak für TESEV durchgeführten Untersuchung sind sogar Fragen nach dem Scheriat enthalten. Diese wertvolle Arbeit wurde von TESEV unter dem Titel "Türkiye'de Din, Toplum ve Siyaset" (Religion, Gesellschaft und Politik in der Türkei) im Jahr 2000 veröffentlicht.

 

Wir wissen aber auch, wie wütend YÖK auf eine von der Universität Mersin durchgeführte Untersuchung zur Binnenmigration in der Türkei reagierte und es nicht dabei beließ, die Untersuchung zu behindern, sondern gegen die Forscher außerdem eine Disziplinarstrafe verhängte.

Es war auch YÖK, die der akademischen Karriere von Dr. Alev Erkilet Baser, der vor einer Juri angesehener Soziologen erfolgreich seine Habilitationsschrift (docentlik tesisi) verteidigt hatte, ein Ende bereitete. Zuletzt wurde Ahmet Cigdem, bekannt durch seine Werke zur Philosophie der Aufklärung, der Universität verwiesen. Es gibt viele solche Beispiele.

Meiner Meinung nach war YÖK in den letzten Jahren sehr 'wachsam'. Aber manchmal funktioniert der Verstand wegen Schlaflosigkeit (nach langem wach sein, S.H.) nicht gut. Dann ist es nötig, ein bißchen zu schlafen, um wieder zu Verstand zu kommen.

Aber Spaß beiseite: Soziologische Forschung zu grundlegenden gesellschaftlichen Problemen darf in keiner Weise behindert werden. Fehler können vorkommen. Aber das ist eine akademische Angelegenheit.

Wenn wir die Forschung behinderten, wie könnten wir dann Charakter und Richtung der Veränderungen unserer gesellschaftlichen Landkarte erfahren?

Der Beweis dafür, in welchem Maße die Sozialwissenschaften durch politisches Mißtrauen behindert wurden, ist ihr geringer Entwicklungsstand und ihre Müdigkeit bei der Entwicklung alternativer Lösungen für soziale Probleme.

 

 

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