Jahrgang 2 Nr. 15 vom 13.04.2002
 

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Genauer betrachtet ...

Urlaub

Walter Helbling

Für Viele ist der erste Urlaub dieses Jahres mit dem heutigen Tag bereits zu Ende. In unserer Region beginnen die „Osterferien" erst kommende Woche. Meine erste diesjährige Reise in die Türkei liegt also noch vor mir. Damit verbunden sind natürlich die entsprechende Vorfreude und ein mittlerer Korb voller Fragen. Nein, nicht das Hotel, die Fläche der Zimmer, der installierte Fön, die Wassertemperatur im Pool, die Reichhaltigkeit des Buffets, die Preise eines Efes im Hotel, das Internetcafé oder die Auswahl am AI-Buffet usw. interessieren mich. Sicherlich lassen sich solche Fragen rechtfertigen, wenn ich das Preis-Leistungsverhältnis eines Angebotes ausloten will. Ich möchte damit herausfinden, wo ich das hochstehendste Produkt zum besten Preis erhalten kann. Mit der Türkei als Land und den Menschen haben diese Abklärungen jedoch nichts zu tun.

Ich bin neugierig auf einige andere Dinge. Wird mir nach der ersten Steigung hinter Gazipasa wieder der schwere süssliche Duft der Fichtenwälder in die Nase steigen? So wie ich ihn in letzter Zeit schon mehrmals geträumt habe? Seit mehr als 10 Jahren begleitet er mich, egal wo ich bin, wenn ich an Anamur denke. Eine besondere Art der Vorfreude. In welchem Zustand wird die Strasse zwischen dem kleinen Dorf Ucari und Anamur sein? Nach den schweren Niederschlägen, welche die Südküste ab Mitte November während mehr als 5 Wochen heimgesucht haben, sind dort mehrere Strassenstücke abgerutscht und werden zur Zeit repariert. Wie geht es verschiedenen Freunden von uns, welche Treibhäuser besitzen und wegen dieser Unwetter massive Schäden erlitten haben?

Weiter diskutiere ich zur Zeit mit meiner Frau darüber, ob wir Emel, der 18-jährigen jungen Frau, welche unsere Wohnung in Gazipasa reinigt, an Stelle von Geld eine neue Singer Tret-Nähmaschine kaufen sollen. Emel näht wunderschöne Bettdecken und verkauft diese in der Nachbarschaft. Sie besitzt zwar ein altes Modell, schwärmt jedoch von den tollen Zierstichen der neuen Maschinen. Mit einer Auslage von Fr. 180.- würden sich für Emel völlig neue Perspektiven eröffnen.

Wie geht es Mehmet, dem Bauunternehmer, gleichzeitig ein guter Freund und dessen Frau? Verlaufen wohl die Bauarbeiten an unserer neuen Wohnung in Anamur termingerecht? Anlässlich unseres letzten Gespräches vor einigen Wochen machte er einen sehr zuversichtlichen Eindruck, obwohl die Wirtschaftskrise und ihre Folgen schwer auf Anamur lasten. Wie sieht das Mündungsgebiet des Dragon-Flusses aus? Nach den grossen Platzregen im Winter hat er teilweise einen anderen Lauf eingeschlagen und dabei mehr als ein Dutzend Fischerboote und damit die Existenz mehrerer Familien zerstört. Hat es sich wohl gelohnt, letztes Jahr im Herbst mit Halil Bey, dem jungen Besitzer eines kleinen Hotels zusammenzusitzen und eine HP zu bauen? Kann er dieses Jahr mit einigen Dutzend Touristen mehr rechnen? Das wäre bedeutsam für die Zukunft des Betriebes, vor allem was die Moral der Besitzerfamilie betrifft.

Wie viel ist Mustafa wohl gewachsen? Mustafa ist inzwischen 12 Jahre alt und besucht die Ortaokul. Er stammt zwar aus einfachsten Verhältnissen, brilliert in der Schule jedoch mit hervorragenden Leistungen. Er ist der Stolz der ganzen Familie. Bereits vor zwei Jahren war es so, dass Mustafas Eltern aus wirtschaftlichen Gründen wieder ins Elternhaus gezogen sind und dort nun in einer grossen Wohngemeinschaft leben. Nachdem wir noch vor wenigen Tagen eine Karte von ihm gekriegt haben, hoffe ich, dass ihn unser Brief vor unserer Ankunft erreichen wird.

Werde ich in „meiner" Teelokanta noch all den vertrauten Gesichtern begegnen und mit ihnen morgens über Allah und die Welt plaudern können? Überhaupt, wie ist die Stimmung in Anamur? 6 Monate liegt unser letzter Besuch zurück. Und natürlich das Meer, der unendlich lange, menschenleere Sandstrand. Jedes Jahr präsentiert er sich ein wenig anders, geformt von den sturmgepeitschten Wellen im Februar und März.

Urlaub ist für mich eine Rückkehr zu Vertrautem, Bekanntem. Ich freue mich darauf und stelle immer wieder fest, dass ich in der Türkei kaum an die Schweiz denke, in der Schweiz jedoch kaum ein Tag ohne Gedanken an die Türkei vergeht. Im Laufe der Jahre habe ich immer mehr Menschen kennengelernt, denen es ebenso geht. Allen Schwierigkeiten und Krisen zum Trotz: Die Türkei ist ein faszinierendes Land.

Walter Helbling


 

 

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