Jahrgang 2 Nr. 16 vom 20.04.2002
 

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Eine Anregung zum Lesen ...

Gespräch mit Nihat Tuna, Iletisim Verlag

Stefan Hibbeler

Zu den aufregendsten Erlebnissen bei meinem früheren Istanbulbesuchen gehörte die große TÜYAP-Buchmesse, die jedes Jahr Anfang November veranstaltet wird. Tausende von Büchern und dichtes Gedränge. Eine unglaubliche Fülle von Titeln, Autoren, Themen. Am meisten fesselte mich immer das Angebot des Iletisim Verlages (sprich: Iletischim). Soziologische und historische Untersuchungen, umfangreiche und schön hergestellte Nachschlagewerke. Nur war damals mein Türkisch noch nicht so gut...

Bei den Überlegungen, wie eine Literaturseite in der Istanbul Post aussehen könnte, kam mir der Gedanke, nicht mit Autoren und Gattungen zu beginnen, sondern mit dem, was die Voraussetzung ist: dem Verlagswesen. Wie verkaufen sich Bücher in der Türkei? Wie steht es um die internationale Zusammenarbeit im Verlagswesen? Ich denke, daß sich eine Reihe von Antworten und weitere Fragen aus dem Gespräch mit Nihat Tuna, Chef-Lektor eines der größten türkischen Verlage ergeben...

 

Soweit ich weiß, gibt es kaum Verlage, die weiter als bis 1980, dem Zeitpunkt des Putsches vom 12. September, zurückgehen.

Es gibt sehr alte Verlagshäuser. Aber die orientieren sich eher auf die Veröffentlichung von Klassikern, wie z.B. Bilgi. Im Grunde gab es in den 70-er Jahren eine Belebung im Verlagswesen. Aber diese Entwicklung wurde durch den Putsch abgebrochen. Denn nach dem Putsch hat man angefangen, selbst Textilmaschinen einzusammeln ... Die Polizeimaßnahmen haben die Menschen verängstigt. Die Gesetze gaben - und geben immer noch - den Behörden das Recht, Druckmaschinen zu beschlagnahmen. Bis 1986/87 entstand eine Lücke. Trotzdem sind nach 1980 eine Reihe von Verlagen entstanden. Die Gründer waren alle junge Leute. Metis, Can. Die Wurzeln unseres Verlages gehen auf vor 1980 zurück. Es gab die Zeitschrift „Birikim", die 1974 gegründet wurde. Es war eine monatliche sozialistische Kulturzeitschrift. Außerdem hat Birikim, wenn auch nicht häufig, auch Bücher veröffentlicht. Durch den Putsch wurde die Zeitschrift unterbrochen. 1982 haben wir als Fortsetzung den Iletisim-Verlag gegründet. Denn in der Zeit nach dem Putsch wurden beinahe alle politischen Zeitschriften verboten und Verfahren gegen sie eingeleitet. Duch die Untersuchungen wurde auch die Weiterveröffentlichung der Zeitschriften unmöglich. Nach dem Motto „alles was Sie sagen, kann gegen Sie verwendet werden" und dann zum Gegenstand von Prozessen werden. Als 1982 Iletisim gegründet wurde, begannen wir mit einer Enzeklopädie des kulturellen Lebens in der Türkei. Es ist die erste Enzeklopädie die den Zeitraum von der Republikgründung bis heute umfaßt. Sie umfaßt heute 15 Bände. Als wir sie herausgaben, reichte sie bis 1980. Im Jahr 2000 haben wir sie bis zu den 90er Jahren fortgsetzt - das waren fünf weitere Bände. Danach haben wir die Tanzimat-Enzeklopädie herausgegeben und dann auch angefangen, wieder Bücherzu verlegen.
Das ging parallel mit einer Öffnung des öffentlichen Lebens - aber gleichwohl gab es weiterhin Probleme. Bis heute haben wir ungefähr 1000 Bücher veröffentlicht. Wir haben 6 bis 7 grundlegende Werke - Enzeklopädien - herausgegeben. Wir geben die „Tarih ve Toplum" (Geschichte und Gesellschaft) Zeitschrift heraus, mit der wir 1984 begannen. 1987 haben wir auch wieder angefangen, die „Birikim" herauszugeben.

Ist von der früheren Birikim ein Erbe bis heute erhalten?

Natürlich, denn das Erbe sind ohnehin die Menschen. Die Menschen, die Iletisim gegründet haben. Murat Belge, Ömer Leciner, Ahmet Insel - und natürlich auch Menschen der jüngeren Generation: Tamer Bora, Ümit Kivanc (Medyachronik)... Eine Gruppe von ungefähr 15 Personen unterschiedlichen Alters.

Aber diese Kontinuität der Personen hat sich nicht unmittelbar im Profil des Verlages niedergeschlagen - Sie verlegen, soweit ich verfolgen konnte, nicht vordergründig politische Literatur.

Wir machen das in zwei Verlagen. Iletisim und Birikim. Im Birikim Verlag erscheinen stärker Publikationen, die unsere politische Haltung wiederspiegeln. Da geben wir auch die sozialistische Monatszeitschrift heraus. Im Iletisim Verlag erscheinen populärere Werke und wir versuchen durch ein profiliertes Angebot zur Entwicklung von Denken und Kultur beizutragen. Das ist der deutlichste Unterschied zwischen uns und anderen Verlagen. Wir haben eine politische Haltung, die auch bekannt ist. Das schlägt sich auch in der Auswahl der Veröffentlichungen - ob nun Romane oder Erzählungen - nieder. Das gilt auch für andere Verlage, die nach 1980 gegründet wurden. Metis beispielsweise hat auch ein offensichtliches politisches Profil, auch wenn man es dort nicht offensichtlich macht. Aber wenn Sie sich die Auswahl der Bücher anschauen, werden Sie es erkennen. Aber daneben gibt es natürlich auch andere Verlage, wie z.B. Yapi Kredi und Dogan Kitabciligi.
Der Einstieg der großen Holgings ins Verlagswesen begann in der zweiten Hälfte der 90-er Jahre. Dogan Kitapciligi wurde im Jahr 2000 gegründet. Die Is Bank hat ebenfalls angefangen. Eigentlich herrscht viel Bewegung im türkischen Verlagswesen. Es werden viele Verlage neu gegründet. Zwar werden gemäß der Marktbedingungen auch welche geschlossen - aber vergleicht man es mit der Zeit vor 10 Jahren, so stellt man eine außerordentliche Bewegung fest. Wenn es früher 8-10.000 Neuerscheinungen gab, sind es heute 16.000. Aber wenn man es mit dem Westen, mit Europa vergleicht, sind es immer noch lächerliche Zahlen. Auch hat sich diese Entwicklung nicht in einer Erweiterung des Leserkreises niedergeschlagen - nur die Vielfalt hat zugenommen. Wir können das an den Buchauflagen erkennen. Unser Verlag ist jetzt 20 Jahre alt. In den 80er Jahren haben wir 5000-er Auflagen gedruckt. In den 90-ern sind wir auf 3000-er Auflagen zurückgegangen. 1995 sind wir auf 2000, im Jahr 2000 auf 1000-er Auflagen zurückgegangen. Wir geben viele neue Titel heraus ...

Woran liegt das?

Eine Frage von Angebot und Nachfrage. Genau können wir es natürlich nicht wissen. Es gibt ökonomische Gründe. Außerdem hat sich leider bisher in diesem Land keine Tradition des Lesens herausgebildet.

Soweit ich weiß, wurde in den 70-er Jahren mehr gelesen und es ist sowohl bei der Zahl der verkauften Zeitungsexemplare als auch bei den Buchauflagen ein Rückgang eingetreten.

Das ist Ansichtssache. Wir verfügen über keine aussagekräftigen Zahlen. Wir haben nur unsere Erfahrungen. Ich hatte bereits die Auflagenhöhen angesprochen. Früher haben wir von 5 Titeln je 2000 Stück, d.h. 10.000 Exemplare gedruckt. Heute geben wir 10 Titel heraus, von denen wir je 1000 Stück drucken und kommen wieder auf 10.000 Exemplare. Insgesamt verkaufen wir etwas mehr als früher. Wenn Sie aber den Bevölkerungsanstieg einbeziehen, ergibt sich kein wirklicher Anstieg. Dafür gibt es wirtschaftliche Gründe. Und es gibt kulturelle Gründe: Jeder orientiert sich mehr aufs Zusehen und Zuhören, d.h. es wird nicht gelesen, sondern man konzentriert sich aufs Fernsehen. Das kann man auch an den Auflagen der Tageszeitungen ganz offen sehen. Wenn früher die Hürriyet Verkaufszahlen in einer Höhe von 500.000 - 600.000 hatte, ist diese Zahl heute auf 160.000-170.000 gesunken. Und das ist eine Zeitung, die so alt wie die Republik ist. Von der Cumhuriyet, der angesehensten politischen Tageszeitung werden 40.000 Exemplare verkauft.

Damit steigt eigentlich Ihr Finanzierungsaufwand kontinuierlich an. Wenn Sie in nur geringen Stückzahlen drucken ...

Wir haben dafür Vorkehrungen getroffen. Wir versuchen die Ausgaben auf einem optimalen Niveau zu halten. Das bedeutet aber auch, daß wir mehr arbeiten. Wenn vorher ein Editeur pro Monat ein Buch herausgebracht hat, versuchen wir jetzt zwei fertigzustellen. Aber weil unser kulturelles Erbe sehr reichhaltig ist, können wir auch immer Neuauflagen drucken. Unsere Bücher sind nicht so sehr populär, sondern eher von bleibender Qualität. Ein Verlagshaus lebt von seiner Vergangenheit. Wenn es auf ein solides Verlagsprogamm zurückgreifen kann, können immer wieder Neuauflagen gedruckt werden. Mit Neuerscheinungen läßt sich in der Regel kein Geld verdienen - wenn es sich nicht gerade um einen Bestseller handelt. Wenn es nicht wie Orhan Pamuks Buch 100.000 mal verkauft wird. Aber man findet nicht immer Neuerscheinungen, die diese Auflage erreichen. 100.000 ist für die Türkei ein sehr hoher Wert. Das ist vergleichbar mit einem Roman, der in Deutschland eine Auflage von 500.000 erreicht. Ein durchschnittlicher Verkauf von Büchern liegt bei 5.000 bis 6.000 Exemplaren. Unsere ersten Bücher haben wir 1985 herausgegeben. Von 1982 bis 1985 haben wir nur Enzeklopädien verlegt. Aber die Bücher, die wir 1985 herausgaben, können wir immer noch wiederauflegen. Die haben 30 bis 40 Auflagen erreicht.
Geld kommt eigentlich vor allem auf diese Weise herein, durch die Wiederauflage von Büchern, Enzeklopädien. Und dann natürlich eine gradlienige Organisation. Wir haben drei Buchhandlungen, eine Vermarktungsfirma und eine Vertriebsfirma. Wir übernehmen den Vertrieb unserer Bücher selbst.

Verkaufen Sie Bücher auch ins Ausland?

Sehr wenig. Von Orhan Pamuk, der von einem Verlag in den USA vertrieben wird, kaum. Davon abgesehen wird Isov Yanael in Frankreich gedruckt. Die Verlagsrechte für die Schweiz haben wir verkauft. Yakub Kadri Karaosmanoglu ist auf deutsch, italienisch und spanisch erschienen. Jetzt habe wir die Rechte auch in die USA verkauft. Aber es ist sehr wenig. In der Türkei gibt es nur sehr wenige international bekannte Schriftsteller, die auch im Ausland verlegt werden: Yasar Kemal, Orhan Pamuk

Aziz Nesin ...

Aziz Nesin - aber der Verkauf seiner Bücher ist seit seinem Tode etwas zurückgegangen. Seine frühere Popularität ist nicht mehr so groß. Nazim Hikmet. Man kann die im Ausland verlegten Autoren an einer Hand abzählen.

Ich habe vor drei, vier Jahren in Deutschland einmal eine Untersuchung gemacht: welcher türkische Autor ist zu welchem Zeitpunkt übersetzt worden. Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, daß bis zu den 20-er Jahren doch eine ganze Reihe Übersetzungen gemacht wurden. Dann trat eine Stagnation ein und erst ab 1985, 1990 treten wieder häufiger deutsche Übersetzungen türkischer Autoren auf. Soweit ich erkennen konnte, lag das Interesse vor allem darin, die Heimatwelt der eingewanderten Ausländer kennenzulernen. Besuchen Sie intenationale Buchmessen?

Eigentlich nur als Besucher und nicht mit einem eigenen Stand. Die Kosten für eine eigene Präsentation sind sehr hoch, das können wir durch Verkäufe nicht wieder reinholen. Es gibt eine Verlagsrechtemesse. In diesem Jahr hat zum ersten Mal Yapi Kredi teilgenommen, aber die haben auch Bankenkapital. (Die Yapi Kredi Bankasi gehört zu den größten Banken der Türkei. Der Verlag der Bank verfügt über ein umfangreiches Sortiment von Belletristik, Kunstbüchern sowie sozial- und wirtschaftswissenschaftlicher Fachliteratur. Im vergangenen Jahr gelang dem Yapi Kredi Verlag mit der Herausgabe der ‚Harry Potter' Romane ein Bestseller auf den türkischen Markt zu bringen). Sonst gab es nur eine gemeinsame Initiative vom Kulturministerium und dem Verlegerverband. Wir haben zu dieser Präsentation nur Bücher bzw. deutsch- und englischsprachige Kataloge geschickt. Aber besondere Ergebnisse haben wir damit nicht erzielen können. Ein Grund ist wohl, daß bei Verlagen im Ausland nur sehr wenige türkische Editoren beschäftigt sind.

Kommen den Anfragen von ausländischen Verlagen an Sie?

Sehr selten. Unsere Literatur ist nicht sehr bekannt und es ist überall auf der Welt gleich: es ist wichtig, daß sich ein Buch gut verkauft. Darum verkauft sich Belletristik auch besser. Aber wir haben hauptsächlich Bücher zu historischen Themen, Untersuchungen u.ä. Wir haben Bücher einer Reihe von wichtigen Wissenschaftlern zur osmanischen Geschichte im Sortiment. Die würden wir gern verkaufen. Aber dafür findet sich kaum Nachfrage - aber solche Bücher werden auch auf ausländischen Märkten nicht in hohen Zahlen verkauft. In Frankreich gibt es beispielsweise Stefanos Yerasimos - der wird in Frankreich und hier in der Türkei verlegt. Aber das sind sehr wenige. Ilber Ortali ist noch ein Beispiel für einen Autoren mit steigendem Interesse im Ausland, vor allem in den Balkan-Staaten. Aus Jugoslawien kam eine Anfrage, Griechenland. In den letzten Jahren ist durch die Annäherung zwischen der Türkei und Griechenland auch das Interesse der Verlage aneinander gewachsen. Nach dem die gegenseitige Furcht voreinander nachgelassen hat, ist auch die Sympathie gewachsen. Es gibt z.B. Heike Milas, die in Griechenland lebt, aber in der Türkei geboren ist. Sie beispielsweise die Edition des Buches eines Freundes übernommen, von dem wir vielleicht die Übersetzung übernehmen. Der Titel des Buches lautet „Die Gefahr aus dem Osten" - es handelt aber von der Annäherung, davon, daß im Osten eigentlich keine Gefahr besteht. Als sie es in Griechenland veröffentlichten, fürchteten sie heftige Reaktionen. Aber es kamen keine negativen Reaktionen - im Gegenteil, daß Buch stieß auf großes Interesse. Wir haben ein Buch, daß den Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei nach dem Lozan Vertrag von 1924 behandelt - gesammelte Erinnerungen, oral history. Wir haben innerhalb kurzer Zeit zwei Auflagen herausgegeben; es ist auf großes Interesse gestoßen. Solche Zusammenarbeiten sind ausgesprochen positiv - sowohl für das kulturelle Leben als auch das Verlagswesen ausgesprochen belebend. Schließlich ist die einzige Möglichkeit, in die Kultur eines anderen Landes einzudringen, dessen Literatur. Denn das tägliche Leben kann man nicht teilen. Aber aus den westlichen Ländern gibt es nicht sehr viel Nachfrage, es gibt, wie gesagt, nur wenige Beispiele. Wir haben eine Reihe von Istanbul Büchern, die wir auch im Westen verlegt sehen wollen - Istanbul ist sowohl in kultureller als auch historischer Sicht eine wichtige Stadt. Wir haben dazu einige sehr wertvolle Arbeiten, aber können sie nicht verlegen. Hier aber können wir ein Buch über die Geschichte Amsterdams verlegen ... Oder über Paris ... Das Verlagswesen in der Türkei beschäftigt sich zu 70 Prozent mit der Herausgabe ausländischer Bücher. Erst in den vergangenen Jahren ist der Anteil einheimischer Autoren etwas gestiegen. Wir haben wiederum einen höheren Anteil als die meisten anderen türkischen Verlage. Aber trotzdem liegt der Schwerpunkt bei den Übersetzungen.

Auch bei Ihnen?

Auch bei uns. Das hat sicher auch mit den Schwächen des türkischen Bildungswesens zu tun. Durch den Putsch vom 12. September haben die Universitäten einen schweren Schlag erlitten. Für alles muß eine staatliche Erlaubnis eingeholt werden. Man konnte nicht in Ruhe wissenschaftliche Untersuchungen durchführen, konnte Untersuchungsergebnisse nicht aufzeichnen. Heute gibt es zwar immer noch einige Probleme, aber das Klima hat sich seit 1990 geöffnet. Private Universitäten wurden eröffnet. Professoren, die nach dem Putsch entlassen worden waren - wie z.B. Murat Belge - haben dort Arbeitsmöglichkeiten gefunden. Das sind wichtige Entwicklungen, aber es gibt immer noch Probleme ...

Wenn wir schon von Problemen sprechen ... Ich habe vor dem Gespräch eine kleine Recherche im Internet über Sie durchgeführt. Ich habe Ihren Namen vor allem in den Berichten von Menschenrechtsorganisationen im Zusammenhang mit Prozessen gefunden. Bedeutet das, daß der Druck weitergeht?

Leider ja. Vor allem in den letzten vier bis fünf Jahren geht das Militär sehr systematisch gegen Veröffentlichungen vor. Es gibt eine Reihe von Themen, die sie als gefährlich ansehen. Z.B. kurdisch. Wir haben vor drei Jahren ein Buch gedruckt, daß wir bisher aufgrund eines Verbotsverfahrens nicht verkaufen dürfen. Der Autor ist 80 Jahre alt, stammt aus dem Irak und lebt in den USA. Er ist dort aufgewachsen, ausgebildet, war schließlich Ordinarius, bis er pensioniert wurde. Sein Name ist Tonton. Sein Buch geht der Geschichte des kurdischen Nationalismus bis in die 50-er Jahre nach. Das Buch geht dem Natioanlismus im Nahen Osten und in der Türkei nach. Es handelt sich um ein unter Wissenschaftlern sehr bekanntes Werk, auf das häufig verwiesen wird, auch wenn es bisher noch nirgendwo als Buch erschienen ist. Wir haben es als Buch veröffentlicht, von dem Professor die Verlagsrechte gekauft. Die in den Buchkapiteln, die die Türkei behandeln, verwandten Quellen stammen alle aus staatliche Archiven und Tageszeitungen jener Zeit. Genau diese Quellenangaben wurden nun zum Gegenstand der Anklage und in die Anklageschrift aufgenommen. Ahmed Yarman war in den 40-er bis 60-er Jahren ein bekannter Journalist. Er hat damals geschrieben, daß die kurdische Bewegung in Zukunft Probleme bereiten wird und daß diese Probleme durch Druck und Gewalt nicht zu lösen seien. Solche Zitate hat der amerikanische Professor verwandt. Sie sind alle in Archiven, Zeitungsarchiven zugänglich. Er fordert eine friedliche Lösung. Seit zweieinhalb Jahren ist das Buch verboten und läuft ein Verfahren vor dem Staatssicherheitsgericht. Zunächst hat man uns nicht geglaubt, wer das Buch geschrieben hat. Das mußte bewiesen werden. Wir haben also alle Unterlagen des Professors gebracht. Jetzt arbeiten Gerichtssachverständige - welche Entscheidung herauskommen wird, wissen wir nicht.

Ist eine Verfahrensdauer von 3 Jahren normal?

Ja, denn zwischen jeder Verhandlung vergehen drei bis vier Monate, manchmal sogar sechs Monate. Dann erscheint man vor Gericht, reicht Dokumente ein und es wird wieder vertagt. Dann bestellt zum Schluß der Richter einen Sachverständigen, der prüft, ob das Buch gegen Gesetze verstößt oder nicht. Es wurde ein anderes Buch eingesammelt. Es stammt von einem bekannten Journalisten und behandelt Vorfälle der vergangenen 20 Jahre im Osten der Türkei. Der Titel ist „Furcht Tabernakel" und die darin dargestellten Vorfälle sind Gegenstand von Gerichtsverfahren gewesen. Er erklärt eine Reihe von Prozessen, die bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegangen sind, von dem die Türkei schließlich verurteilt wurde. Dieses Buch wurde beschlagnahmt. Aber in diesem Fall sind wir freigesprochen worden.
Und das Buch von Nese Düzel, einem Journalisten bei der Tageszeitung „Radikal" wurde ebenfalls eingesammelt. Man scheint unsere Veröffentlichungen sehr genau zu untersuchen ... Er hat eine Kolumne „Montagsgespräche". Er hatte dort einge Gespräche mit Aleviten wiedergegeben, die der Frage nachgingen, welche Ziele sie verfolgen. Gegen das Buch wurde Anklage erhoben. Der Prozeß läuft noch, aber es hat bisher keine Entscheidung gegeben, die Bücher einzusammeln, so daß sie zur Zeit noch frei verkäuflich sind.

Sind Sie als Verlagshaus schon einmal verurteilt worden?

Als Verlagshaus noch nicht. In der Zeit von 1982 bis 85 wurden unsere Enzeklopädien beschlagnahmt. Außerdem wurde die von uns 1988 herausgegebene Enzeklopädie des Sozialismus beschlagnahmt und eingesammelt. Aber zum Schluß wurden wir in den Prozessen immer freigesprochen. Es dauert sehr lange, aber es erfolgte immer ein Freispruch. Manchmal gab es eine Verurteilung in erster Instanz, die dann aber vom Kassationsgerichtshof (Yargitay) wieder aufgehoben wurde.
Eigentlich sind die Gesetze an dieser Stelle auch sehr interessant. Ein Verlag ist für die von ihm herausgegebenen Büchern verantwortlich. Kommt es aber zu einer Verurteilung, so erfolgt für den Verlag eine Geldstrafe, für den Autoren aber eine Haftstrafe, die nicht in eine Geldstrafe umgewandelt werden kann. Wir sind zwar bisher als Verlagshaus noch nicht verurteilt worden - wohl aber schon andere Verlage. Weil die Verleger aber nicht ins Gefängnis müssen, kommt es nicht so auf die Tagesordnung.

Wenn man unter diesen Umständen und ohne Aussicht, Geld zu verdienen, als Verleger arbeitet, dann muß dahinter eine kräftige Motivation stecken.

Ja - es ist eigentlich keine einfache Handelstätigkeit. Niemand fängt diese Arbeit an, um viel Geld zu verdienen. Aber im Leben eines jeden Menschen ist der Wunsch, einerseits die Arbeit, die er liebt zu machen und andererseits auch davon leben zu können. Zum einen geht man einer schönen Arbeit nach und zum anderen reicht es zum leben. Großes Geld ... d.h. es gibt natürlich Verlage, die gut verdienen. Aber bei uns ist es außerdem so, daß wir den Gewinn immer wieder in Neuauflagen investieren. Zum Beispiel das Projekt einer Geschichte der Türkischen Republik. Das Projekt dauert jetzt schon fünf Jahre, erfordert viel Arbeit - es gibt einen Mitarbeiterkreis von 100 Personen. 15 Editoren bearbeiten die Texte.

Solche Projekte werden in Europa in erster Linie von Universitäten unternommen.

Ja. Und vielleicht bekommt man dafür auch noch eine Subvention. Bei uns werden solche Werke eingesammelt und beschlagnahmt...

Sie machen diese Arbeit jetzt seit 20 Jahren ...

Bei Iletisim ...

D.h. Sie haben bereits früher als Editeur gearbeitet. Haben Sie es je bereut, sich für diese Arbeit entschieden zu haben.

Nein. Es macht Spaß. Im Grunde ist die Arbeit die Vervollkommnung von Weltanschauung, persönlichem Umfeld - im Grund wie Ihre Arbeit auch ... Sie machen Untersuchungen, sprechen mit Menchen, knüpfen Beziehungen an ...

Ja - im Grunde ist es für mich ein Abenteuer. Jeden Tag entdecke ich Neues.

Was mir in der Türkei aufgefallen ist, ist der Zustand der Bibliotheken. Sie sind meist sehr klein, die Buchbestände veraltet. Die gesuchten Bücher finde ich meist nicht.

Wir haben ein sehr sperriges Büchereiwesen. Die Anschaffungsetats des Kulturministeriums sind sehr gering. Der größte Teil des Budgets geht in den Verteidigungsetat, für Gesundheit und Bildung bleibt nur noch wenig - für Kultur beinahe gar nichts übrig. Aber der Staat beschafft trotzdem auch Bücher. Ich weiß aus Deutschland beispielsweise, daß von neuerscheinenden Büchern 2000 bis 3000 Stück vom Staat für die Bibliotheken gekauft werden. Wir sind verpflichtet, von jeder Neuerscheinung 20 Exemplare an den Staat abzugeben. Zunächst erhält davon die Staatsanwaltschaft Exemplare ... Außerdem erhält die Nationalbibliothek in Ankara ein Exemplar und ein bis zwei Bibliotheken in Istanbul außerdem jeweils eines. Trotzdem vergehen ungefähr 10 Jahre, bis ein Buch in der Bibliothek verfügbar ist - es muß erst registriert werden ...

Bücher sind in der Türkei eigentlich recht teuer.

Wenn man den Preis an den Einkommen mißt, stimmt das. Wenn man den Preis jedoch auf Dollar-Basis nimmt, dann sind sie billig. Ein Buch, das im Ausland für 20 Dollar verkauft wird, wird hier für fünf Dollar verkauft. Mit der Abwertung nach der letzten Krise ist der Dollar-Preis weiter gesunken. Aber natürlich ist auch die Kaufkraft weiter gesunken. Darum erscheinen Bücher als teuer. Aber wenn ich mir meine Zigaretten anschaue: Das Paket kostet eine Millionen TL. Im Gegenwert von drei Paketen bekomme ich ein Buch. Man beschwert sich immer, daß Bücher zu teuer seien. Aber Zigaretten sind auch teuer. Die werden trotzdem gekauft. Ein Kinobesuch kostet 7,5 Millionen. Dafür kann man ein Buch kaufen... Das ist eine Frage der Gewohnheiten. Wenn man wirklich lesen möchte, findet man irendwie den Weg zu einem Buch - man leiht es sich von Freunden ...

In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Erscheinung der Bücher auch sehr gewandelt. Früher waren sie auf sehr einfachem Papier gedruckt und mit recht primitiver Drucktechnik hergestellt. Heute sehen sie besser aus, haben sich mehr dem Standard auf dem europäischen Buchmarkt angenähert.

Nehmen wir beispielsweise ein Buch, das 1983 gedruckt wurde. Die Satztechnik ist Typograpie (Bleisatz). Damals haben wir Bücher so hergestellt. Wir haben die Druckfahnen bekommen, sie kontrolliert und so ging es eine ganze Weile zwischen Redaktion und Setzerei hin- und her. Wenn dann auf einer Seite nur noch ein Fehler geblieben war, haben wir auch mal darüber hinweggesehen. Damals arbeiteten wir mit einem alten Setzer zusammen. Der hatte seine eigene Grammatik im Kopf. Damals wurde das Dach-Zeichen über dem a noch häufiger verwendet. Wir hatten es korrigiert, unser Setzer hat es dann aber immer wieder anders gemacht. Er hat sich richtig ins Buch eingemischt, was uns dann wieder gefallen hat: „Na, Kinder, so macht man das nicht, sondern so ..." Das früher verwendete Buchpapier kam aus einer staatlichen Papierfabrik. Dieses Papier wird heute gar nicht mehr hergestellt. Die Fabrik wurde als unrentabel geschlossen. Wir verwenden heute importiertes Papier und machen den Satz im Computer.

Gibt es in der Türkei keine Papierfabriken?

Schon, aber sie stellen kein Buchdruckpapier her. Es ist nicht sehr rationell, weil die Nachfrage nicht hoch genug ist.

Das hat sicher auch Auswirkungen auf den Buchpreis.

Natürlich. Als im vergangenen Jahr die Krise ausbrach, explodierten die Papierpreise. Eine ganze Reihe Verlage hatte Schwierigkeiten, Papier zu beschaffen. Hinzu kommt, daß viele Verlage nicht sehr liquide sind. Das Geld kommt in unterschiedlichen Zeiträumen in unterschiedlichen Beträgen wieder herein. Als der Dollar auf einmal stark anstieg, wollten alle Papierhändler jedoch nur noch gegen Barzahlung verkaufen. Wenn also kein Geld verfügbar war, gab es kein Papier. Ohne Papier keine Veröffentlichung ... Jetzt hat sich die Situation normalisiert. Wir hatten den Vorteil, daß wir einen Papiervorrat hatten. Darum waren wir davon nicht betroffen. Jetzt geben wir jeden Monat 10 Bücher heraus.

Wieviele Menschen arbeiten hier?

Wir sind in drei Unternehmen geteilt. IlPa - eine Tür-zu-Tür Vermarktungsgesellschaft, die 2 Büros in Istanbul und je eines in Ankara und Izmir hat. Die Vertriebsgesellschaft für die Auslieferung an die Buchhandlungen. Dann gibt es noch die Buchhandlungen in Istanbul, Izmir und Ankara und schließlich den Verlag mit dem Archiv. Insgesamt sind in allen Unternehmen zusammen 105 Personen beschäftigt.

Und wieviele Editoren sind darunter?

16, 17 Personen. Im eigentlichen Verlag arbeiten etwas über 30 Beschäftigte.

Das bedeutet, daß jeder Editeur pro Monat mindestens ein Buch herausgeben muß...

Das ist sehr viel Arbeit. Jeder Editeur kümmert sich von Anfang bis zur fertigen Produktion um das Buch. Wir haben hier eine sehr junge Editorengeneration., die sich je nach Spezialgebiet um die einzelnen Projekte kümmern. Es sind genau die Leute, die wir suchen, die aber auch zu uns kommen, weil sie bei Iletisim arbeiten wollen. Viele arbeiten parallel an ihrer Doktorarbeit. Jeder von ihnen beherrscht ein oder zwei Fremdsprachen und hat einen Universitätsabschluß. Die meisten sind junge Leute. Und dann ist da noch die alte Generation wie ich oder Ahmet Insel.

Einen umfassenden Eindruck vom Verlagsprogramm gewährt ein Blick auf die Internetseiten von Iletisim: www.iletisim.com.tr

 

Versuch eines kurzen Verlagsprofils

Bei einem Verlag, der inzwischen mehr als 1000 Bücher herausgebracht hat, fällt es schwer, das Verlagsprofil darzustellen. In der Reihe "zeitgenössische Weltliteratur" finden sich die Werke von Jorge Luis Borges und Stanislaw Lem und viele andere. In der "zeitgenössischen türkischen Literatur" sind Autoren wie Orhan Pamuk, Atilla Atalay, Ümit Kivanç und viele andere vertreten. Werkausgaben von Yakup Kadri Karaosmanoglu, Oguz Atay, Vüs'at O. Bener, Cemil Meric und Serif Mardin liegen vor. In der Reihe "Untersuchungen" versammeln sich Arbeiten zur Literatur- und Kulturwissenschaft, Betrachtungen jüngster türkischer Geschichte, Auseinandersetzungen mit dem Islam, Nationalismus und anderen Themen. Besonders zu erwähnen sind dabei wohl die beiden Bände zur türkischen Außenpolitik, herausgegeben von Baskin Orhan, die mit 1.600 Seiten den Eindruck von einem Standardnachschlagewerk vermitteln. In der "historischen Reihe" sind mir zunächst die Auseinandersetzungen mit der Türkisierungspolitik beim Umgang mit den Minderheiten im Land aufgefallen. In der "politischen Reihe" findet sich eine sechsbändige Auswahlausgabe von Hannah Arendt. "Aktuelle Bücher" versammelt als Reihe eine Vielzahl von inländischen und ausländischen Autoren, wobei nicht der Eindruck entsteht, daß die hier versammelten Bücher nur für den Augenblick von Interesse sind. Neben Büchern von Murat Belge finden sich Fernando Savater oder auch Habib Suadiya. Die "Istanbul Bücher" sind weit entfernt davon, Reiseführer zu sein, sondern eröffnen einen Zugang zum Leben der Stadt, bevor sie durch ungebremstes Wachstum ihre Grenzen verlor. Der Stolz des Verlages aber sind die Enzeklopädien. Von dem Handbuch "Modernes politisches Denken in der Türkei" liegen die beiden ersten Bände vor. Das Blättern im Band 2 mit dem Titel "Kemalismus" vermittelt den Eindruck des bisher umfassendsten und vielfältigen Werkes, das eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Leitideologie des modernen türkischen Staates ermögilcht. Die "Türkei Enzeklopädie" umfaßt in Einzelaufsätzen die gesammte Zeitspanne der Republik und macht den Eindruck eines idealen Handbuches für die schnelle und umfassende Information zu den unterschiedlichsten Feldern des öffentlichen Lebens. Außerdem gibt es noch das Handbuch für die Zeitspanne vom Tanzimat bis zur Republikgründung und eines zu Sozialismus und sozialen Bewegungen.

 

 

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