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Jahrgang 2 Nr. 16 vom 20.04.2002
 

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Ich werde jedes Mal nachdenklich ...

Nevin Neslihan

Ich werde jedes Mal nachdenklich, wenn ich mit Turna im Park des 16.Wiener Bezirks über das Leben plaudere. Der Park des 16. Wiener Gemeindebezirks scheint seit 1683 zum zweitenmal von den Türken belagert zu sein. Weit und breit sieht man keinen Österreicher, der sich hierher verirrt haben könnte. Im Gegenteil, wenn er die Menge der Türken im Park sähe, würde er unweigerlich die Flucht ergreifen.

Turna, meine Freundin, eine emigrierte Türkin aus Corum, lebt seit 20 Jahren in Wien und arbeitet als Putzfrau. Sie ist Kopftuchträgerin. Ihr Körper sieht aus wie eine Zitrone mit einem Kopftuch drüber. Sie will schlanker werden, sie will das Kopftuch abnehmen, sie will sich schminken, sie will einen jüngeren, netteren Mann kennenlernen, genauso wie manche ältere Österreicherinnen es tun. Ich spüre es, ohne dass sie darüber redet. Doch irgendwie scheint sie sich aufgegeben zu haben. Sie kämpft nicht. Sie ist K.O. Sie ist wie eine verlierende Boxkämpferin, die man im Boxkampf niedergeschlagen hat. Sie bleibt am Boden liegen, statt aufzustehen, bevor man bis zehn zählt. Ich weiß, dass ich ihr nicht viel helfen kann. Sie muß sich im Lebensdschungel selber durchboxen, um das zu erreichen, was sie will. Ein steiniger Weg dorthin. Doch es ist nicht unmöglich. Den Wunsch hat sie ja. Doch sie ist sehr scheu. Alles, was sie über ihre Umgebung weiß, stammt von ihren türkischen Nachbarn im selben Haus. Deshalb scheint ihr das Leben außerhalb der Familie verdächtig und hinterfragungswürdig.

Es ist lauwarmes Frühlingswetter hier im 16. Wiener Bezirk. Rund um den Park gibt es alles für den türkischen Geschmack: mehrere Bäckereien, einen Juwelier, einige Lebensmittelgeschäfte, einen Metzger....Auch ein gutgehendes türkisches Restaurant, jederzeit voll mit türkischen Gastarbeitern. Hie und da sehe ich manchmal auch Österreicher, die zögerlich ein üppiges türkisches Gericht probieren.

Ich sitze mit Turna im Park . Meine Blicke schweifen auf die verstreute Parkbänke rund um uns. Man sieht türkische Gruppen, meistens Frauen, die sich unterhalten. Selten werden die Gespräche hitzig. Eher scheinen die Leute sich über den Alltag zu unterhalten. Meistens werden Rezepte für türkische Gerichte ausgetauscht, über den letzten Arztbesuch gesprochen, Informationen über Schwangerschaft und Todesfälle und über die letzten Ereignisse untereinander ausgetauscht. Wehe, wenn die Leute spüren, dass einer von ihnen in der Lage war, den kleinen mickrigen Kreis der Möglichkeiten für Ausländer zu durchbrechen, um etwas zu erreichen., was nicht ganz in ihren Horizont passt. Es werden zahlreiche inquisitorische Fragen gestellt, wie man z.B. zu einer Wohnungsbeihilfe, zur Befreiung von Rundfunk- und Telefongebühren oder zu einer komfortablen Gemeindewohnung gekommen ist. Ich denke, wenn sie das ungeheure Potenzial dieser Neugier bei der Erforschung der deutschen Sprache verwendet hätten, wären sie alle Sprachgenies....

Ich sitze mit Turna auf der Parkbank und plaudere mit ihr über das Leben. Wir besuchen aber auch gerne Kaffeehäuser. Am liebsten das Kaffeehaus Ecke Nussdorferstrasse, Währingerstrasse. Dorthin kommen oft junge türkische Gastarbeiter. Ich kann mich daran erinnern, wie sich Turna am Anfang genierte, sich mit einem jungen Türken zu unterhalten. Den jungen Mann mit wildem Schnauzbart aus Izmir, der Bauarbeiter war und meist eine grelle türkisblaue Jacke anhatte, kannte ich von früher und hatte mich öfters mit ihm unterhalten. Als wir mit Turna vor ein paar Monaten das Kaffeehaus betraten, lächelte er uns zu und fragte uns, ob er sich zu uns gesellen könne. "Natürlich" antwortete ich ihm und zeigte dabei auf den leeren Platz neben mir. Turna sagte nur ein kurzes "Merhaba" (Grüß Gott) und weigerte sich seine ausgestreckte Hand zu schütteln. Während er erzählte schaute sie kalt und interesselos aus dem Fenster hinaus und beobachtete die Fußgänger draußen auf der Strasse. Als der junge Mann die Höhe seines Gehalts angab und die Marke seines roten Flitzers nannte, wandte sie sich noch mehr von ihm ab und rückte immer näher zum Fenster. Aber als Bekir, so heißt der junge Türke, von seine hiesige Eroberungen zu schildern begann, entwickelte sie plötzlich reges Interesse am Geschehen. "Woher hast du so viel Geld, um alle diese Frauen auszuführen?" fragte sie ihn und schaute ihn mit ihren großen fragenden Augen an. "Das Geld ist immer dazu da, um das Leben zu genießen" antwortete Bekir. "Kefen (das Leichentuch) hat keine Taschen, wo ich das Geld reinstecken kann. Wir werden alles hier lassen, wenn wir weggehen."

Er lud uns zu einer Freiluft-Grillparty ein. "Ich habe einen Griller,ich kaufe Hehndl, ihr kocht harte Eier, Kartoffel, macht bitte auch Salat!" Er fragte nach unseren Telefonnummern. Ich gab ihm meine. Turna sagte, dass sie kein Telefon habe und er sie unterwegs nicht begrüssen sollte, wenn sie in Begleitung war. Ihr Mann wolle nicht, dass sie sich mit fremden Männern unterhielt. Nachher verabschiedeten wir uns voneinander.

Der zweite Mann, den wir gemeinsam kennenlernten, war ein alter, türkischer Pensionist, der wegen seiner Herzoperation nur schwer gehen konnte und einen Herzschrittmacher trug. Er schien auf Turnas große Augen zu stehen. Es musterte sie mal länger von der Straße durch das Fenster, mal von einem anderen Tisch des behaglichen Kaffeehauses im 9. Bezirk, bis er sich eines Tages zu uns traute. Das erste Mal wagte er gar nicht, sich an Turnas Seite zu setzen. Vielleicht war ihre Anziehungskraft zu stark für sein schwaches Herz. Er zog meine ruhigere Nähe vor und setzte sich zu mir. Turna saß uns gegenüber. Später schlug er uns immer wieder vor, gemeinsam mit ihm in ein anderes Kaffeehaus zu ziehen, um nicht von seiner Frau gesehen zu werden, weil er ganz in der Nähe wohnte. Turna und ich gingen nicht darauf ein,. So unterhielten wir uns immer im selben Cafehaus. Er saß immer neben mir und Turna saß uns gegenüber. Oft erzählte er aus seiner Jugend in Yozgat, beschrieb die Umstände und Gründe warum er nach Österreich gekommen sei. Einmal war von seiner eigenen Hochzeit die Rede. Er schilderte sehr lebhaft seine Hochzeit im Dorf. "In meinen jungen Jahren war ich unermüdlich, da konnte mir keine Frau entkommen. Aber bei meiner Hochzeit feierte ich mit meiner Frau 9 Tage und 9 Nächte". Kurz darauf blickte er auf Turnas dunkelbraun hennagefärbte Hände und nahm sie in seine eigene. Turna liess ihre Hände in den seinen... Ich war fassungslos und beobachtete sie wie weggetreten. ( Beim Hennafest färben sich gläubige türkischen Frauen ihre Hände mit einer rotbraunen Farbe ein ).

Nach diesem Zeitpunkt änderte sich Turna. Sie schien auf den Geschmack der Unterhaltung gekommen zu sein. Sie kaufte sich ein Handy und auch eine Netzkarte. Inzwischen weiß sie Bescheid über die Nachfrage nach Putzfrauen, über ihre sozialen Rechte, über Arbeitslosengeld und Notstandshilfe. In letzter Zeitauch, dass man nicht nur die Hände, sondern auch die Haare färben kann.

 

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Last modified: 28.12.2003