Jahrgang 2 Nr. 16 vom 20.04.2002
 

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Die Bedeutung des Sterben im Alevitentum

Ali Sirin


Wie alle anderen religiösen Gemeinschaften auch, versuchen die Aleviten sich mit dem Thema Tod auseinander zu setzen. Mit ihren Ritualen und Überlieferungen über Sterben, Tod und Bestattungen wird versucht, ihren Anhängern die Angst zu nehmen. Das Sterben wird als notwendige Tatsache angesehen, um sich Gott nähern zu können. Für die alevitische Gemeinde ist der Tod nichts endgültiges, sondern der Beginn einer Wiederkehr ins Leben. Im Gegensatz zu der sunnitischen Mehrheit, glauben die Aleviten an eine Wiedergeburt des Verstorbenen, sprich, die Seele wird sich mit einem neuen Menschenkörper vereinigen. Der Glaube an die Wiedergeburt unter den Aleviten stammt vermutlich aus der vorislamischen Zeit.

Die Sunniten dagegen gehen davon aus, dass die Seele bis zum jüngsten Gericht im Grab auf die Erlösung warten wird. Daher stößt bei den orthodox denkenden Sunniten der Glaube an eine Wiedergeburt unter den Aleviten auf Unverständnis. Im Gegensatz zu ihrem Glauben kennt die alevitische Minderheit zudem in der Türkei eigentlich keine Hölle bzw. Himmel und die Aleviten schwören auf Gottesliebe anstatt mit Gottesangst Furcht unter den Gläubigen zu verbreiten.

Aber es muss gesagt werden, dass während der jahrhundertlangen Assimilationspolitik durch die sunnitischen Mehrheit vieles von dem Brauch der Aleviten verloren gegangen ist bzw. durch die Abgeschiedenheit der alevitischen Dörfer sich regionale Unterschiede entwickelten, die leicht verschiedene Ansichten über das Sterben haben. Schließlich hat auch die Stadtflucht bzw. die Abkehr vom Dorfleben dazu beigetragen, dass unter den Aleviten einiges an Kultur und Tradition ihres Glaubens verloren ging. Daher ist die Wiederfindungsphase der Aleviten noch nicht abgeschlossen. Zum Beispiel wird das ,,Sterben vor dem Sterben,, und die damit verbundene Rechenschaft nicht überall praktiziert. Genauere Studien bzw. Untersuchungen über die regionalen Unterschiede unter den Aleviten in der Türkei sind leider noch nicht vollständig vorhanden.


Im Alevitentum hat das Sterben zwei Bedeutungen. Die Erste ist das ,,Sterben vor dem Sterben,, ( Ölmeden önce Ölmek). Die Gemeinde trifft sich gewöhnlich einmal jährlich in einem Cem-Haus, wo die Aleviten ihre religiösen Zeremonien abhalten, um vor allen Anwesenden Rechenschaft abzulegen. Jeder offenbart seine begangenen Fehler gegenüber sich und allen Anwesenden. Je nach dem Fehler wird dieser Person eine Strafe (Geld oder Dienstleistung, gar Ausschluss aus der Gemeinschaft) ausgesprochen. Danach sollen die Gemeindemitglieder und der Geistliche (Dede) das Einverständnis über die festgelegte Strafe aussprechen. Dieses ,,Sterben vor dem Sterben'' gilt für das Ego einer Person. Aleviten glauben daran, dass der Tod nur den Körper betrifft und nicht die Seele. Daher kann die Seele, gereinigt vom Ego, in einem neuen Menschenkörper wieder geboren werden. Nach dem Ritual gilt die Person als ,,wiedergeboren,,, frei von jeglichen Sünden und Fehlern aus dem ,,vorigen Leben,,. Das vorige Leben dient nur noch zur Erinnerung, um das neue Leben besser zu gestalten und die gleichen Fehler nicht zu wiederholen.

Die zweite Bedeutsamkeit vom Sterben ist das ,,biologische Sterben,, (hasar). Der Tod betrifft nur den menschlichen Körper. Für die Aleviten kommt das Herz bzw. die Seele vom Gott und kehrt nach dem Tode zurück. Aleviten sagen dazu ,,Hakka yürür,,. Nach der Ansicht der Aleviten bilden Mensch-Kosmos-Gott eine Einheit und sind unzertrennbar. In den Gedichten des türkischen Dichters Yunus Emre und auch vieler anderer Dichter wird der Tod als der Beginn einer Wiedergeburt beschrieben und nicht als endgültiges. Die Seele ist göttlich und somit unsterblich.

Selbst der Glaube an die Wiedergeburt kann den Verlust eines Angehörigen kaum lindern.
Die Trauer unter den Angehörigen bei einem Todesfall ist oft gekennzeichnet von Emotionen. Vor allem unter den Frauen sind ,,Klageschreie'', auch Totenklage genannt, weit verbreitet. Die Frauen brechen in Schreie aus und trauern in einem Zustand, der sich der Trance nähert, dem Toten nach. Diese ,,Klageschreie'' führen oft zur Bewusstlosigkeit. Meist ist es die Mutter oder sind es sehr nahe Verwandte des Verstorbenen, die in laute Klagen verfallen. Aber auch hier gilt wie in allen Kulturen die individuelle Trauer.

Bei der Bestattung des Verstorbenen wird in aller Regel erwartet, dass alle Familien- angehörigen und Bekannte erscheinen. Die Anwesenheit soll den Trauernden Trost spenden. Zur Beerdigung zu erscheinen ist eines der wichtigsten Ehrbietung gegenüber dem Verstorbenen. Das Fernbleiben stößt daher auf Unverständnis oder gar zum Kontaktabbruch. Nach der Beerdigung wird die Familie des Verstorbenen von Freunden und Bekannten zu Hause besucht, um den Trauernden ihren Beileid kundzutun und für eventuelle Hilfen zu Verfügung zu stehen.

Am dritten, siebten, aber vor allem 40. Todestag eines Verstorbenen arrangieren die Angehörigen eine Art Segensmahl (hayir yemegi), um dem Toten die letzte Ehrbietung zu erbringen. Weiterhin werden gewöhnlich die Schulden des Verstorbenen beglichen. Mit diesen Segensmahl soll der Segen und das Gute des Verstorbenen legitimiert werden (hellalik istenir), damit die Seele unbelastet wiedergeboren werden kann.

Eine weitere Möglichkeit mit dem Tod eines Angehörigen umzugehen sind Totenklagen-Dichtungen. In Totenklagen-Dichtungen wird der Verlust eines Angehörigen oft durch Zwiegespräche zwischen dem Toten und einer trauernden Person wiedergegeben. Hierdurch wird das Leid sozusagen gemeinsam mit dem Verstorbenen verarbeitet. Zudem erhält der Verstorbene eine weitere Ehrbietung.

Alevismus

 

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