Jahrgang 2 Nr. 17 vom 27.04.2002
 

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Welches Image paßt zur Türkei?

In der Welt der Schönen und Großen - so sagt man jedenfalls - scheint das Gewerbe der Imageberatung bereits einige Selbstverständlichkeit zu genießen. Nun beginnt zunehmend die Türkei als Land, sich Gedanken über sein Bild im Ausland zu machen. Betroffen davon sind natürlich unterschiedliche Sektoren und Teile der Öffentlichkeit, Vorreiter scheint aber der Tourismus zu sein.

Der hartnäckige Widerstand des Tourismusministeriums gegen Bauchtänzerinnen und Mehter-Aufmärsche (Musikprozessionen in historischen osmanischen Kostümen) hat nicht nur Schlagzeilen gemacht, sondern es auch geschafft, Aufnahme in die Kabarettsendung des bekannten türkischen Komikers Levent Kirca zu finden. Aber Spaß beiseite: Worum geht es?

Wenn Tourismusminister Tasar hervorhebt, daß gerade die Verwendung von Tarkans 'Hüp'-Schlagers von großer Wichtigkeit für die Entwicklung eines 'Marken-Images' im Ausland sei (Aksam, 14.02.02), so liegen zunächst zwei Überlegungen nahe: Zum einen gehört es zu den Grundzügen jeder Werbestrategie, dem zu verkaufenden Produkt eine Persönlichkeit zu geben, die beim Kunden ankommt. Will man mehr verkaufen, so muß man den Geschmack der Kunden treffen. Zum anderen geht es dann auch darum, ein junges, modernes Bild der Türkei zu schaffen. Doch wie verwandelt man ein Land in ein Produkt? Wenn Tourismusminister Tasar im gleichen Bericht mit der These wiedergegeben wird, daß neben den Tourismuserlösen auch die Besucherzahlen wesentlich seien, weil jeder Besuch gleichzeitig ein "Botschafter der Türkei im Ausland" sei, so ist gleichzeitig auch die politische Dimension der Image-Frage betont. Hier jedoch verkompliziert sich die Angelegenheit.

Das Image, das man anderen gegenüber zur Schau tragen will, muß auch in einer Beziehung zum Selbstverständnis stehen. Die Tageszeitung 'Milliyet' berichtete in ihrer Ausgabe vom 14. April über die Diskussionen unter türkischen Organisationen, die der traditionelle türkische Marsch in New York ausgelöst hat. Kritiker der Veranstaltung, allen voran der amerikanische Atatürk-Verein, erklären, daß die Teilnahme von Mehter-Gruppen ein falsches Türkei-Bild erzeuge. In dem Artikel ebenfalls wiedergegeben werden aber auch die Gegenstandpunkte: der MHP-Abgeordnete Ali Serdengecti erklärt, daß man die türkische Geschichte als Ganzes auffassen und nicht nur auf die Republik- oder die osmanische Geschichte reduzieren dürfe. Die Mehter Märsche seien Teil der türkischen Folklore und müßten demnach auch Platz in der türkischen Außenpräsentation haben. Auch der DSP Abgeordnete Ziya Aktas erklärt, daß die Mehter Märsche Teil der türkischen Folklore seien. Sie würden Aufmerksamkeit erregen, nicht aber schaden, weil in den USA ohnehin jeder wisse, daß die heutigen Türken nicht mehr in solcher Kleidung herumliefen.

Wird diese Diskussion auch bisher nicht mit großer Intensität geführt, so scheinen bei aller marktwirtschaftlichen Zweckgerichtetheit Grundkonflikte der türkischen Gesellschaft auf: Auf der einen Seite das seit 200 Jahren anhaltende Reformprojekt mit einer Ausrichtung auf westliche Modernität und auf der anderen Seite das Beharren auf die eigene Andersartigkeit, die eigenen Traditionen. Solchermaßen politisch besetzt bleibt zu erwarten, daß auf dem Felde dieser Auseinandersetzung es eben nicht nur um 'Tarkan' versus 'Mehter' als touristische Imagewerbung gehen kann, sondern auch um das Selbstbewußtsein des türkischen Staates, der sich bemüht, sich als Modellfall eines modernen islamisch-geprägten Landes weltweit zu positionieren.

 

 

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