Jahrgang 2 Nr. 17 vom 27.04.2002
 

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Genauer betrachtet...

Wieviel Lohn braucht der Mensch zum Leben ?

Walter Helbling

Vor einer Woche sind wir in der Türkei angekommen.
Nach einem Zwischenstopp in Gazipasa reisten wir
weiter nach Anamur. Die Fahrt den Flanken des Taurus
entlang war wie immer ein herrliches Erlebnis. Wieder
tauchte die Frage auf: "Weshalb fahren Jahr für Jahr
so viele Touristen wegen des Frühlings nach Mallorca
und so wenige in die Türkei?" Wenn ich mir die Pracht
der blühenden Mandelbäume zwischen Gazipasa und
Anamur so ansehe, stehen diese dem
Mandelblütenfrühling Mallorcas in nichts nach.

In Anamur treffen wir natürlich viele alte Bekannte.
Die Stimmung entspricht der wirtschaftlichen Lage, sie
ist sehr gedrückt. Das erstaunt auch nicht, wenn man
über Geld spricht. Erhan, Fahrlehrer, verdient 70
Millionen TL monatlich und kann mit seiner Frau und
den zwei Kindern nur deswegen überleben, weil sein
Vater damals weitsichtig ein 4-stöckiges Haus gebaut
hat. Überleben heisst, die notwendigen Lebensmittel
einkaufen. Die Familie lebt ohne Krankenversicherung,
weswegen sie jede Krankheit an den Rande des Ruins
treibt. Nur dank der gemeinsamen Anstrengungen der
Brüder können dann Rechnungen beglichen werden.

Burhan arbeitet als Kellner und verdient 90 Mio TL
monatlich. Sein Arbeitstag beginnt um 07:30 und endet
gegen Mitternacht. 16 Stunden Präsenz für 3 Mio am
Tag. Die Wohnung, in welcher er mit seiner Frau lebt,
kostet 25 Mio im Monat. Burhan hatte es vor einem Jahr
beinahe geschafft. Auf seinem Konto lagen rund 10
Milliarden TL zu gutem Zins. Er war drauf und dran,
sich seine eigene Wohnung zu erstehen. Dann kam die
Krise im Februar, und er konnte zuschauen, wie seine
Ersparnisse innerhalb eines Tages nur noch die Hälfte
wert waren. Dazu kam eine Krankheit, welche eine
Spitalbehandlung erforderte. Abgerechnet wurde in
Dollar. Damit verblieb ihm eine knappe Milliarde.
Diese benötigte er, um wieder neu zu starten.

Hunderttausende von Menschen haben im Laufe des
letzten Jahres in der Türkei ähnliches erlebt.
Entweder schmolzen ihre Ersparnisse um die Hälfte
zusammen, oder ihre Schulden verdoppelten sich, was
oft noch fatalere Folgen hatte. Sie gerieten im Soge
der Wirtschaftskrise in eine Schuldenfalle, aus der es
kein Entkommen mehr gab. Notverkäufe von Land oder
anderem Eigentum waren die einzige Lösung, dem Konkurs
zu entgehen. In Anamur nahmen die
Geschäftsauflösungen innerhalb eines Jahres um 130% zu.
Was diese Leute nun machen, ist keiner Statistik zu
entnehmen. Sie schlagen sich mit Gelegenheitsjobs
durch oder oder versuchen in Restaurants, Pensionen
oder Hotels ihr Geld zu verdienen. Diese Anstellungen
dauern meistens zwei Monate. Spätestens dann stellt
sich nähmlich heraus, dass auch dieses Jahr eher
weniger Europäer als im Vorjahr kommen werden.
Personalabbau ist die Folge.

Für die Angestellten hat dies meist gravierende
Folgen. Der erste Monatslohn wurde nämlich als Depot
zurückbehalten. Damit will man allfälligen
Abwerbungen durch die Konkurrenz vorbeugen. Der zweite
Monatslohn wird wegen des schlechten Geschaeftsganges
vielfach nur zur Hälfte ausbezahlt. Nach drei Monaten
dann die Kündigung, da kein Geld in der Kasse ist. Um
allfälligen Klagen vorzubeugen, bezahlt das Hotel
nochmals einen halben Monatslohn per Saldo aller
Ansprüche. Diese Praxis lässt sich dem gesamten
Mittelmeer entlang verfolgen. Die Frage ist nun, wer sich
der Rechte der Hotelangestellten annimmt.
Nachzufragen wäre ausserdem, wie aussagekräftig die
Arbeitsplatzstatistiken sind, welche in der Tuerkei
publiziert werden.

Gemessen an den obigen Gedanken ist es natürlich eine
Bagatelle, dass am Flughafen Antalya für einen
Capuccino 4,5 Mio verlangt werden. Doch darüber habe
ich mich im letzten Artikel schon ausgelassen.

Trotz allem: Das Leben geht hier weiter. Nebenan lernt
der 4-jaehrige Burak unter Anleitung des
Kindermädchens und der Grossmutter tanzen. Es sind
die Kinder, wofür die Leute alle Mühsal auf sich
nehmen und hoffen, ihren Sprösslingen sei eine bessere
Zukunft beschieden, als die Zeiten, welche sie heute
durchmachen.


Walter Helbling

 

 

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