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Jahrgang 2 Nr. 20 vom 18.05.2002
 

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Erste Gedichtsantologie in sephardischer Sprache in Istanbul vorgestellt

von Yasemin Özbek

Vor kurzem wurde die erste Antologie sephardischer - einer spanisch-jüdischen Sprache - Gedichte den Freunden der Poesie vorgestellt. Der Band enthält in deutscher und türkischer Übersetzung Gedichte von 18 in verschiedenen Ländern lebenden, in der Türkei geborenen Dichtern. Der Titel „Los kaminos s'inchereon de Arena" („sandbedeckte Wege") ist einem Lied entnommen, das von den sephardischen Juden in Istanbul gesungen wurde.

Als die sephardischen Juden im Jahr 1492 aus Spanien vertrieben wurden, fanden viele von ihnen Aufnahme im Osmanischen Reich. Ihre Sprache, Spaniolisch, ging eine Verbindung mit der Sprache ihrer neuen Heimat ein, wurde weiterentwickelt und von Generation zu Generation weitergegeben. Heute steht diese Sprache vor dem Aussterben. Der geistige Vater der Antologie, Dr. Robert Schild, der auch Autor bei der jüdischen Wochenzeitung „Salom" (Istanbul) ist, erklärt dies damit, daß seit dem 19. Jahrhundert die türkischen Juden es zunächst vorzogen, französisch, später vor allem türkisch zu sprechen. Und so ist Spaniolisch für die jungen Angehörigen der sephardischen Gemeinde in der Türkei die Sprache ihrer Großväter und -mütter. In diesem Zusammenhang erstaunt auch nicht das Durchschnittsalter von 60 Jahren der in der Antologie vertretenen Dichter. In dieser Hinsicht trage das Buch den Charakter einer Nothilfe, erklärt der Herausgeber des Buches Gerald Kurdoglu Nitsche und erklärt weiter: „Unser Ziel ist es, einer im täglichen Leben nicht mehr gesprochenen Sprache neues Leben zu geben, ihre verborgene Kultur und vor allem ihr kulturelles Erbe wieder hervorzuholen." Darum haben bei der Entwicklung des Buches neben einem Team von 7 Übersetztern auch Linguisten der Universitäten Paris, Salzburg, Miami, Tufts und Ben Gurion mit Schriften und Gedichten teilgenommen.

Ein reiches literarisches Erbe

Die im Verschwinden begriffenen Sprachen der Minderheiten sind ein besonderes Interessengebiet von Gerald Kurdoglu Nitsche, der lange Jahre in Istanbul gelebt und gelehrt hat. Nitsche, der zuvor unter dem Reihennamen „Im Herzen Europas" Antologien in Romanesk, Kroatisch, Jenisch und Jiddisch herausgegeben hat, bringt mit diesem Buch etwas Neues hervor: Denn bisher gibt es kein mehrsprachiges Buch zur zeitgenössischen sephardischen Dichtung, das einem breiten Leserkreis zugänglich wäre.

Dr. Armin Eidher, Linguist an der Universität Salzburg und Editör der Antologie erklärt dazu: „Es gibt eine Reihe von Büchern zu Sprache, Ausdruck, Geschichte und Folklore der sephardischen Juden. Das aber ihr literarisches Erbe so reich ist, habe auch ich erst jetzt erfahren." Aber allein die besondere Auswahl der Themen zeigt, wie gerechtfertigt das Interesse an der sephardischen Lyrik ist: Liebe, Natur, Suche nach dem eigenen selbst, Kindheitserinnerungen, die Sehnsucht nach dem heiligen Land und das im Holocaust erlittene Leid sind nur einige der aufgegriffenen Themen. In diesem Zusammenhang bringen die Gedichte „Atatürk" und „9. September Izmir" die Verbundenheit mit der Türkei zum Ausdruck.

In jedem ist ein Aufscheinen des in der Zeit Verborgenen. Es liegt beim Leser, zu entdecken und das auf den mit Sand verwehten Wegen verlorene kulturelle Erbe zu heben.

 

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Last modified: 28.12.2003