Jahrgang 2 Nr. 24 vom 15.06.2002
 

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Genauer betrachtet ...

Ein Ball...

von Walter Helbling

...hergestellt irgendwo im fernen Osten (böse Zungen behaupten: Von Kinderhänden) im Wert von ungefähr 15 Dollar, bewegt seit Wochen und zumindest für die kommenden vierzehn Tage die Welt. Rund um den Erdball, beinahe so rund wie unser Stück Leder, sitzen wir, je nach Weltzeit, nachts, frühmorgens, oder noch schlimmer bei uns, von 0830 bis ca. 1500 vor einer Kiste mit viereckigem Fenster und fiebern mit, wohin das gute Stück wohl rollen oder fliegen möge. Freiwillig bewegt es sich natürlich nicht. Es wird geworfen, mit den Schuhsohlen liebevoll gestreichelt, mittels Kopf in eine andere Richtung befördert, es wird draufgedroschen (manchmal auch in die Weichteile eines Gegenspielers, nicht immer, aber immer öfter) und landet ab und zu in einem der beiden Metallrahmen, welche beidseits eines Feldes von 110m x 55m aufgebaut sind. Ist dies der Fall, erkennt man die 22 Akteure nicht wieder. Die Einen 11 legen sich in Haufen aufeinander, küssen sich, tanzen, produzieren kunstturnreife Überschläge und mobilisieren Energien, welche man zuvor diesen Tretern niemals zugetraut hätte. Die Andern stürzen sich meisten auf den Mann mit der Trillerpfeife und scheinen unglaublich erzürnt. Keine Ahnung, woran er Schuld tragen soll, er hat den Ball ja nicht berührt.

Selbst wenn man vom eigenen Hausarzt, dem Spielverderber, keinen Krankenschein gekriegt hat (Eçevit hatte da die besseren Beziehungen) und folglich im Büro, oder wie ich, in einem Schulzimmer zu unterrichten hat, besteht kein Grund zur Verzweiflung. Fenster öffnen ist angesagt: "Ma nooooo!!! Mamma mia, non e vero!!" Aha, Tor für Mexico, Italien raus. Mehr als eine Stunde lang Wehklagen aus den verschiedensten offenen Fenstern - dann EIN Schrei: „Bravissimo. L'habbiamo fatto!!" Ja was, nun? Hab ich was verpasst, oder gibt es Tore, welche doppelt zählen? Aufklärung wenig später. Ausgleich in der 85. Minute. Aha, Qualifikation=Sieg.

Wo Sieger sind, gibt es Verlierer. Meistens trollen sie sich schnell vom Feld. Einzig der Mann, welcher während des Spiels wild gestikulierend und schreiend an der Seitenlinie entlang herumhüpft und deswegen manchmal vom Mann mit der Trillerpfeife auf die Tribüne strafversetzt wird, muss meistens noch Rede und Antwort stehen. Seltsam, dabei durfte der gar nie mitspielen. Trotzdem scheint er ungemein wichtig zu sein, vor allem dann, wenn die 11 Leute, manchmal sind es bis zum Ende des Spiels auch nur noch neun ( den andern Beiden wurde eine Karte mit einem derart inensiven Rot unter die Nase gehalten, dass sie sich augenblicklich unpässlich fühlten und in den Katakomben verschwanden), mehr Bälle in ihren Kasten gekriegt haben, als SIE in den Gegnerischen. Dann bricht Ungemach auf den Hüpfer ein - spätestens am folgenden Morgen. Von allen Zeitungen prangt sein Bild. „Unfähig!!" „Löst ihn ab" „Angsthase!" So leuchtet es von allen Seiten der Blätter mit den roten Titelbalken. Sämtliche Fernsehmoderatoren, ja, das ganze Volk ist sich einig. ER ist schuld. Und immer wieder frage ich mich: „Wie ist es möglich, dass es ausgerechnet so ein Stümper geschafft hat, sich an der Seitenlinie in eines der gedeckten Häuschen setzen zu dürfen?" Bestechung, Beziehungen, blendendes Aussehen?

Trotzdem, der Ballkult hat durchaus auch positive Seiten. Im naheliegenden Wohnblock hängt seit einer Woche eine 250cm x 150 cm türkische Fahne, deckt gewissermassen den Balkon ab. Damit ist klar, wer drin wohnt: Kein Italiener. Im Interesse um etwas Ausgewogenheit, gepaart mit etwas Egoismus, auf dass die neben uns liegende Wohnung noch lange nicht vermietet werde, erhielt meine Frau gestern die Anweisung, im grossen Blumentrog unseres Balkons ebenfalls die türkische Fahne aufzupflanzen. Im späteren Abend vernehme ich plötzlich: „Komsu, KOMSU!!" Wer spricht denn da türkisch?? Von unten zwei Männer, welche mir einen guten Abend wünschen... Oder heute morgen auf dem Pausenplatz unserer Schule: „TürkiYE, TürkiYE, ItAliA, ItAliA!!" Was, treffen die schon heute zusammen?? Mitnichten. Es sind lediglich unsere türkischen und italienischen Schülerinnen und Schüler, welche die Qualifikation ihrer Teams feiern. Gemeinsam klingts lauter.

Dies alles Dank dieser 15 Dollar-Lederkugel. Völkerverständigung, manchmal aber auch Zwietracht. Milliarden (Dollars, nicht TL's) werden in diesen Tagen umgesetzt, Kirch geht wegen dieses Miststücks pleite, unsere Langstrasse ( sie heisst so, weil sie so lang ist ) in der Vergnügungsmeile Zürichs verwandelt sich jeden Tag. Einmal Carneval von Rio, dann fiesta Mexicana, oder eben in ein türkischer Strassenbasar.

An einer Person scheint dieser Tanz ums goldene Leder allerdings spurlos vorbeizugehen. Sie zeigt keine Emotionen, sondern fällt von Tag zu Tag in ein grösseres Loch: Unsere alte Dame, die Türkische Lira. Seit Anfang Mai hat sie rund 20% Gewicht verloren. Stünde nicht der Achtelfinal Türkei gegen Japan am kommenden Dienstag um 08:30 auf dem Programm, man müsste sich wirklich Sorgen um die TL machen. Stattdessen fiebern wir weiter, der Match findet in Korea statt, die Koreaner mögen uns, eine Qualifikation für die Viertelfinals scheint möglich und so lange muss die TL nun mal warten.

Stellt die Türkei eigentlich auch Fussbälle her??

Walter Helbling

 

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