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Die Woche vom 15. bis 22. Juni 2002Für mich war es eine kurze Woche - an drei Tagen saß ich nicht an meinem Schreibtisch - und insofern muß dieser Wochenüberblick etwas gröber ausfallen, als sonst üblich. Die Woche begann und endete mit Fußball - zunächst dem Aufstieg der türkischen Mannschaft ins Viertelfinale und am Samstag auch noch ins Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft. Für jemanden, der so wenig Zugang zu sportlichen Themen hat wie ich, bleibt zu den Spielen wenig zu sagen. Aber die Reaktionen in der türkischen Öffentlichkeit waren verblüffend. Es fällt leicht, aus distanzierter Warte heraus eine "soziologische" oder "psychologische" Erklärung für die Massenfreude zu finden, die der Aufstieg der türkischen Nationalmannschaft auslöste. "Man hat ja sonst nichts, worüber man sich freuen kann..." u.ä. Sätze sind häufig zu hören. Vielleicht ist es aber wichtiger, statt zu erklären, zu beschreiben: Die "Ansteckung" durch das Fußballfieber, die Veränderungen im Straßenbild, die Feiern ... Zunächst ist es so, daß sich zur Zeit niemand - selbst wenn er oder sie es wollten - dem Fußball entziehen kann. Der Termin für das nächste Spiel, der kommende Mittwoch, muß in allen Terminkalendern berücksichtigt werden: Denn das öffentliche Leben wird während der Spielzeit auf Sparflamme laufen. Sollte die türkische Mannschaft das Spiel gewinnen, werden die Straßen wieder verstopft sein, werden die meisten Menschen mit ihrer Freude über das Spiel ausgefüllt sein. Ich übertreibe? Man kann in der Türkei selbst Sonntags einkaufen. Auch an den hohen religiösen Feiertagen öffenen zumindst die Lebensmittelgeschäfte. Beim Spiel am Samstag zögerte ich jedoch vor einem Einkauf, weil ich wußte, daß das einzige Interesse meines Lebensmittelhändlers dem Bildschirm gelten würde... Da die Fernseher auf die Straße getragen und das Spiel in Gruppen verfolgt wurde, die sich davor versammelten, war man auch ohne Radio oder Fernseher durch Anfeuerungsrufe und Jubel immer auf dem neuesten Stand. Auch bedurfte es keiner Nachrichtensendung, um zu erfahren, daß die türkische Mannschaft gewonnen hatte. Erst ertönte im ganzen Ort ein langgezogenes "Goool" (Tooor). Dann Böller und Autosirenen, Jubelschreie. Und dann ging das bis nach Mitternacht weiter, auch wenn sich der Schwerpunkt auf die europäische Seite rings um den Taksim Platz verlegte. Am Abend besuchte ich dann eine Tanzrevue im Freilufttheater. Sie begann mit der Verteilung von Fähnchen, der Einspielung von Tarkans Meisterschaftshymne und dem Abspielen der Torszene auf den beiden Großbildschrimen neben der Bühne. Das Publikum toste, viele Standen auf, sangen mit ... Die anschließende Aufführung konnte das Publikum nicht so mitreißen, wie diese Eröffnung ... Eine Massenhysterie? Nationalismus? "Die Leute haben sonst nichts, worauf sie stolz sein können?" Was ich wahrgenommen habe, war das hemmungslose Bedürfnis zu feiern. Nicht allein - sondern die Plätze Istanbuls zu füllen, sich anzueigenen. Neben Euphorie war es vor allem ein Kollektiverlebnis. Die sonstigen Ereignisse der Woche boten so viel Anlaß zur Euphorie allerdings nicht. Die Krankheit von Ministerpräsident Ecevit hält an und trägt zur allgemeinen Verunsicherung bei. Insbesondere die Entwicklung, daß Ecevit zunächst der Vorsitzenden der größten Oppositionspartei, der DYP, einen Gesprächstermin über die weiteren EU-Reformen einräumte, dann aber kurzfristig auf Druck seiner Ärzte wieder absagte, unterstreicht nochmals die Instabilität der Situation. Gleichzeitig verstrich der Sevilla-Gipfel der EU, ohne daß ein weiterer Reformschritt erfolgen konnte. Die Bemühungen der DSP, der Partei des Ministerpräsidenten um einen Gesetzentwurf zur Abschaffung der Todesstrafe haben sich festgefahren. Da die kommende Woche die letzte reguläre Sitzungswoche des Parlaments vor der Sommerpause ist, mehren sich die Einschätzungen, daß vor dem Herbst mit neuen Entwicklungen nicht mehr zu rechnen sei. Gleichwohl gibt es anscheinend eine Tendenz, das Thema Todesstrafe zurückzustellen und zu versuchen, wenigestens die Probleme mit der Zulassung von anderen Sprachen als Türkisch in Unterricht und Medien zu lösen. Auf wirtschaftlichem Gebiet setzt sich trotz anhaltend guter Meldungen bei den volkswirtschaftlichen Statistiken die negative Stimmung und Verunsicherung fort. Als ein weiterer Faktor der Verunsicherung ist nun die Verstaatlichung der Pamukbank hinzugekommen. Die Reaktionen darauf sind äußerst gespalten. Auf der einen Seite wird die Maßnahme als Ausdruck der Entschlossenheit der türkischen Bankenaufsicht gewertet, nicht mehr zuzulassen, daß Banken mit angeschlagener Finanzstruktur bodenlose Defizite hinterlassen. Auf der anderen Seite betrifft die Verstaatlichung einen der größten Konzerne der Türkei und eine große Zahl von Firmen, die nicht wissen, was aus den ihnen eingeräumten Krediten werden soll. Zugleich wurde in dieser Woche jedoch auch der Abschluß der Untersuchung des Bankensektors bekanntgegeben und zugleich mit der Veröffentlichung der Bankenbilanzen nach dem neuen, die Inflation berücksichtigenden Berechnungsverfahren Klarheit über die wirkliche Lage des türkischen Finanzsektors geschaffen.
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