Jahrgang 2 Nr. 25 vom 22.06.2002
 

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Genauer betrachtet ....

Kritik...

.. an einer Person oder einer Sache gibt es seit der Entstehung des Menschen. Es war vor allem die Kritik, welche die Menschheit weitergebracht hat und auch heute noch weiterbringt. Eine Französische Revolution konnte nur stattfinden, weil kritische Gedanken kommuniziert und letztlich mehrheitsfähig wurden. Studentenrevolten 1968: Viele der damaligen Ideen wurden von der Gesellschaft abgelehnt, heute sind sie Alltag. In der Politik betrachtete man in den 70-er Jahren die Grünen als Exoten und unbequeme Wadenbeisser. Heute partizipieren sie an der Regierungsmacht, das ehemals umweltkritische Gedankengut hat sich manch andere Partei ins Programm geschrieben. So hat der Wadenbeisser seine Zähne verloren und muss sich nun selbst gegen neue Kritik zur Wehr setzen. Das war so und wird in einem demokratischen Staat hoffentlich immer so bleiben.

Gibt es eine Pflicht zur Kritik, vor allem für Journalisten? Könnten sie das Recht für sich in Anspruch nehmen, ihren Lesern verschiedene Meinungen zu einem Thema unterbreiten zu MÜSSEN ? Letztlich handelt es sich bei der freien Meinungsäusserung um ein demokratisches Grundrecht. Es gibt jedoch auch noch eine Berufsethik: Entdecke ich als Journalist in Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft etwas Ungereimtes, so bin ich gefordert, Licht ins Dunkel zu bringen. Dies ist ein Auftrag, deswegen bin ich Journalist geworden. In der westlichen Welt mussten schon viele Wirtschafts- und Politkapitäne die Kommandobrücke verlassen, weil aufmerksame Journalisten deren unlautere Machenschaften, grobe Rechtsverstösse oder ganz einfach faustdicke Lügen aufgedeckt hatten.

Es gibt jedoch auch Fälle, bei denen die kritisierten Personen trotz Kritik, Talk-Shows, Untersuchungskommissionen weiterhin in Amt und Würde tätig sind. Die Kritik war berechtigt, die Beweislage sprach für den Kritiker. Politisch oder wirtschaftlich wird dieser Vorfall jedoch ausgesessen, ausgehebelt, schubladisiert oder was auch immer. Ohmacht von Kritik. Von der Ohnmacht zum Extremismus ist es nur noch ein kleiner Schritt. Wenn Kritik mit konstruktiven Ansätzen und fundierten Recherchen nur noch niedergeschlagen oder unterschlagen wird, besteht die Gefahr des Extremismus: Fundamentalkritik am System, Kampf gegen die Politiker- oder Wirtschaftsklasse, Aufbau eines ideologischen Frontenkrieges. Die Kritiker selbst befinden sich jedoch ebenfalls in einer Sackgasse, indem sie Gefahr laufen, nur noch ideologisch verfärbt und absolut zu kritisieren. Sie werden radikal und von einer Mehrheit plötzlich nicht mehr verstanden.

Die Geschichte der RAF in Deutschland ist eigentlich ein klassisches Beispiel dafür, wohin das Totschweigen, das Nichtwahrnehmen von berechtigter und juristisch belegter Kritik führen kann. Während Jahren war das politische Deutschland wegen einer kleinen Gruppe Menschen extrem gefordert und in seiner politischen Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Diese RAF-Terroristen waren jedoch nicht einfach da, sie haben sich entwickelt, suchten Mittel um gehört zu werden und wurden erst wahrgenommen, nachdem sie zu verbrecherischen, ausserhalb der Rechtsordnung liegenden Massnahmen griffen.

So müsste man eigentlich zum Schluss kommen, dass wir - egal ob Kritiker oder Kritisierter- als Lebensgemeinschaft aufeinander angewiesen sind. Aufeinander angewiesen, um uns weiter entwickeln zu können, um verantwortungsvoll auf Versäumnisse, Fehler aufmerksam zu machen und nicht gleich das Kind mit dem Bade auszuschütten. Kritik ist da, um sie mal anzuhören, ihr sachlich zu entgegnen oder sie -falls berechtigt- auch entgegenzunehmen.

So sind vor allem in der angelsächsischen Welt viele legendäre Hasslieben zwischen Politikern und Journalisten entstanden, welche über die Aktivzeit der Kontrahenden bestand hatten. Ein Hinweis darauf, dass man auch bei Meinungsverschiedenheiten durchaus voneinander profitieren kann.

Walter Helbling

 

 

 

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