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Das  wöchentliche deutschsprachige  Internetmagazin  der  Türkei

Jahrgang 2 Nr. 25 vom 22.06.02
 

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Manchmal spielt das Leben verrückt.

von Neslihan Nevin

Zwanzig Jahre lang wohnten Fatma und ich in derselben Gasse im 9. Bezirk, bis wir uns an einem kalten Septembertag vor zwei Jahren kennen lernten . Kurz vor meinem Umzug in die Badgasse entdeckte
ich die korpulente Emigrantin aus Burdur an der gegenüberliegenden Straßenecke abwesend in die Luft starren.

"Bist du Türkin?" fragte sie mich wie aus heiterem Himmel und musterte mich von Kopf bis Fuß.

"Ja , ich bin Türkin und Du?"

" Ich bin auch Türkin" sagte sie "ich lebe seit zweiundzwanzig Jahren mit meiner Familie in Wien", während sie ihre neugierigen Blicke etwas
senkte. Ihr großes, unter dem Kinn straff geknotetes Kopftuch ließ ihre
Wangen heraustreten. Sie hatte eine rosig glänzende Haut. Ich ermutete ihr Alter zwischen 40 und 45 Jahren Zu ihrem hellblauen Anorak trug sie einen schwarz-weiß längsgestreiften Rock und gemusterte Strümpfe . An ihren Füssen fielen grobe, helle Sportschuhe in der Septembersonne auf. Sie sah aus wie ein mühsam zusammengestelltes Puzzle.

"Wo wohnst du bitte genau?" fragte sie brennend "Gleich, gegenüber in der Rosenbursengasse 2, Tür 15" antwortete ich. " Ich bin meistens unter der Woche ab 17.00 Uhr zu Hause. Wenn du mich besuchen willst, komm einfach!".

Sie lächelte zurück und war erfreut vielleicht eine Freundin gefunden zu
haben. Seit zweiundzwanzig Jahren lebte sie in Wien, konnte aber nur ein paar einfache Worte Deutsch sprechen.

In den darauffolgenden Tagen besuchte mich Fatma öfters. Wir tranken
gemeinsam Kaffee, verschlangen eine beachtliche Zahl Topfengolatschen dazu.

Wir schimpften über unser Schicksal und unsere Verwandten, die sich nicht um uns kümmerten, seitdem wir die Türkei verlassen haben. Ihre Ausfragereien waren meistens sehr intim. Obwohl ich ihr ehrlich antwortete, war sie nie zufrieden.

"Besuch uns mal" bat sie mich bei einem Abschied. "Lerne auch meine Tochter kennen. Ihr Vater und ich haben sie nach den türkischen Sitten erzogen".
"Gerne" antwortete ich," wenn ich Zeit habe, werde ich euch mal besuchen".

"Meine Tochter geht hier in die Handelsschule. Sie verlässt das Haus um 8 Uhr und kommt um 15 Uhr nachmittags wieder nach Hause. Ihr Vater hat ihr verboten, abends alleine auszugehen Wer weiß, was die Leute über uns denken, wenn sie im Dunkeln noch unterwegs ist. Sie ist relegiös und fastet während des Ramadan. Wir wollen, dass sie eine richtige Türkin wird und einen anständigen Mann aus der Türkei heiratet, am liebsten einen Verwandten von uns aus demselben türkischen Dorf. Wir haben schon einen Heiratskandidaten für sie gefunden .Die beiden müssen sich erst mal kennen lernen."

Ich bemerkte, dass dies langsam an der Zeit wäre . "Wir kontrollieren ihren Tagesablauf genau und wollen dass sie bis zu ihrer Ehe unberührt bleibt. Sonst ist die Ehre unserer Familie verletzt. Suzan spricht so gut Deutsch wie du, sie mag solche Menschen wie dich. Komm bald!"

Ich selbst hatte dann einen Wohnungswechsel. Drei Wochen lang blieb mein neues Telefon stumm. Ich fühlte mich recht einsam. Als mein Inneres nach Geselligkeit verlangte, beschloss ich Fatma zu besuchen.

Fatma´s Wohnung war spärlich mit Altmöbeln ausgestattet. Die, wie in den meisten Wiener Altbauwohnungen etwa 3 m hohen Wände waren hellgrau angestrichen, die Fenster mit schweren grauen Vorhängen gegen das Sonnenlicht geschützt. In den Regalen standen scharenweise alte Videorecorder, Radios und Fernseher herum. Manche waren in ihre Bestandteile zerlegt. Fatma´s Mann, ein pensionierter Bauarbeiter, kaufte auf Märkten nicht funktionierende Geräte, reparierte sie und verkaufte sie anschließend am Flohmarkt Ein paar abgewetzte braune Ledersofas schienen unten vom Hof abgeholt worden zu sein, wo die Leute ihre ausgedienten Möbelstücke zur freien Entnahme anbieten, bevor sie vom staatlichen Entrümpelungsdienst abgeholt werden. Nur eine dunkelblaue, gemütliche Sitzecke ließ die Vermutung aufkommen, dass Fatma´s Familie irgendwann in tiefster Vergangenheit Mut zum
Möbelkaufen gehabt hatte.

Sie schob einen klapprigen Servierwagen zu mir, als sie Tee servierte. Tee und gekochter Weizen Etwa nach einer halben Stunde klingelte es an der Tür und Suzan kam herein.

Suzan war das Gegenteil von ihrer Mutter. Sie war groß, schlank mit
dunkelbraunen Augen und trug den letzten Modeschrei. Der nappsitzende Minirock gab ihre schöngeformten Beine preis. Sie trug eine helle Bluse mit einem zur Brustmitte reichenden V-Ausschnitt. Ihre herauslugenden Brüste haben sicher viele Männerherzen höher schlagen lassen. Das war es offenbar auch, was sie wollte. Ihre gelockten Haare, die bis zu ihrer schlanken Taille reichten, flatterten sorglos in der Luft. Sie grüßte mit "Merhaba" als sie mich im Wohnzimmer bemerkte "Was gibt es heute zum essen ?" "Nudeln" antwortete Fatma und verschwand in der Küche.

"Meine Mutter hat von Dir erzählt" bemühte sie sich "Ich wollte dich
unbedingt kennen lernen!" Ihr Handy piepste schrill. "Wo sind meine
Hauspantoffeln?" Abwesend tippte sie mit ihren langen Fingernägeln sms Nachrichten in ihr Handy. Während sie telefonierte, marschierte sie
hektisch durch die Küche in das Wohnzimmer, dann durch das Wohnzimmer in das Kabinett, wo schlief. Als sie fertig war, kam sie in das Wohnzimmer und ließ sich geräuschlos in das Coach fallen und schwieg. An diesem Tag bekam ich einfach keinen Draht zu ihr....... Langsam verabschiedete ich mich von Fatma und Suzan und ging nach Hause........
Mein Zuhören hatte anscheinend eine wohltuende Wirkung auf Suzan. Sie besuchte mich wie ihre Mutter öfters in meiner neuen Wohnung. Langsam weihte sie mich in ihre Geheimnisse ein. Sie war Hals über Kopf in einen jungen Türken verliebt, der mit seiner siebenköpfigen Familie im selben Haus wohnte. Er hieß Mehmet und war Briefträger. Klein, stämmig, sportlich modern eingebildet und frech, beschrieb sie ihn. Ich sah ihn das erste Mal beim Briefkastenausleeren!" sagte sie "Er fragte nach meinen Namen und wollte genau wissen, in welchem Stockwerk wir wohnen" " Wo wohnt er denn?" fragte ich interessiert "Genau einen Stockwerk über uns" antwortete sie . Seither holt er mich mit seinem Auto jeden Donnerstag von der Schule ab, wir fahren gemeinsam nach Kahlenberg Dort verbringen wir ein paar underschöne
ungestörte Stunden miteinander. Aber hart ist der Rücksitz von so einem alten Auto schon". Sie zeigte mir ihren mit dunkelblauen Flecken bedeckten Rücken. "Unsere stürmische Liebe hinterlässt solche Spuren" glänzte sie.

"Ist Euch auf dem Kahlenberg nicht kalt mitten im Winter?" fragte ich "
Nein" sagte sie ." Mir ist sehr selten kalt! Ich ziehe unter meiner
Lederjacke eine dicke Weste an und mir ist den ganzen Winter warm.
Außerdem will Mehmet nicht, dass ich zu viel an habe Er will dass ich
Miniröcke anziehe und darunter Strapse trage! Er ruft mich immer an und bestellt die Kleidung, die er bei der Verabredung haben will" .

In den darauffolgenden Monaten dachte Suzan nur an die gemeinsamen
Fahrten nach Kahlenberg, alles andere ließ sie links liegen. "Wie machst du, dass deine Eltern nicht wissen , wo du deine Donnerstagnachmittage verbringst?" wollte ich wissen. "Ich sage meiner Mutter einfach, dass ich jeden Donnerstag bei dir auf Besuch bin!" lächelte sie frohen Herzens.

 

Suzan fiel durch und musste die 2. Klasse wiederholen. Das alles störte
sie nicht. Mehmet bedeutete ihr mehr als alles andere. Vielleicht zogen
seine listig funkelnde Augen oder seine Geselligkeit sie in seinen Bann.
Oder war er die Summe ihrer Ideale? Auf den Photos, die sie mir zeigte, war er viel abgebrühter als sie.... Sie vergötterte ihn, ordnete sich ihm
widerspruchslos unter." Weißt Du," sagte sie mir einmal" Ich habe bis jetzt noch niemanden so geliebt wie ihn. Ich will ihn heiraten und fünf Kinder von ihm haben. Ich habe schon Namen für unsere Kinder ausgesucht. Wenn ich eine Tochter bekäme, werde ich sie Lara nennen. Der Name gefällt mir gut. Weißt du auch, dass ich alles für eine Ehe mit ihm aufgeben würde?....
Meine Schule, meine türkischen Sitten, meine Vorsätze., meinen Beruf...... sogar meine Familie würde ich für ihn verlassen, Ich bin schon 19 ...Mir können meine Eltern nichts mehr vorschreiben. .... Ich und Mehmet, wir gehören einfach zusammen... Ich bin nicht in sein Aussehen sondern in seine Seele verliebt. Mehmet kennt sich in der Welt aus!

Mein Argument, dass sie sich mit der Partnerwahl mehr Zeit lassen sollte, gingen jedes mal ins Leere. Ein Anruf von Mehmet genügte, sie schwelgte wieder in Ehephantasien und verlor den Boden unter den Füssen.

Mehmet war von ihr nicht im gleichen Maße begeistert, wie es mit der Zeit langsam zu uns durchsickerte. Aus der Gerüchteküche hörte man immer wieder, dass er in den Multikulti Discos gutgebaute Österreicherinnen und rassige Jugoslawinnen verwöhnte.

Schuldgefühle plagten mich, wenn ich an Suzan dachte. Was würde ich ihrer Mutter sagen, wenn sie mich nach ihrer Tochter ausfragt?

Eines Tages, an einem Donnerstag , etwa um 10 Uhr abends läutete es heftig an meiner Tür. Suzan stand vor der Tür tränenvergossen mit einem fahlen Gesicht und heulte laut . Ich bat sie weiter "Er ließ mich heute stehen" schluchzte sie ." Er ließ mich stehen, weil er Angst hat, dass unsere Familien von unserer verbotenen Liebe erfahren. Er hat Angst vor meinem Vater. Mein Vater bringt uns alle um, wenn er erfährt, dass ich keine Jungfrau mehr bin Wir wohnen ja alle im selben Haus" schluchzte sie. Ich nahm sie in meine Arme und tröstete sie so gut ich konnte.

Suzan und Mehmet gingen sich aus dem Weg.

Suzan ließ sich lange von keinem Mann beeindrucken. Sie bekam einen
gutbezahlten Job als Verkäuferin in einem Boutique.

Kurz danach erfuhren wir durch gemeinsame Bekannte, dass Mehmet eine sittenfeste Dorfschönheit aus der Türkei geheiratet hat, wie seine Eltern es wünschten und gemeinsam mit ihr in eine Wohnung am anderen Ende der Stadt gezogen ist...

Ein weiterer Beitrag der Autorin:

Ich werde jedes Mal nachdenklich ...

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Last modified: 28.12.2003