Jahrgang 2 Nr. 26 vom 29.06.02
 

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Türkische Homosexuelle im Aufbruch

Werben für mehr Akzeptanz und Toleranz

von Ali Sirin

,,Liebe verdient Respekt'' heißt die Broschüre, die auch in türkischer Fassung zu haben ist. ,,Mit dieser Broschüre wollen wir innerhalb der türkischen Migrantengruppe für Aufklärung sorgen'', sagt Abdurrahman Mercan, der zu den ständigen ehrenamtlichen Organisatoren von TÜRK GAY AND LESBIANS zählt. Leicht haben es die türkischen Homosexuellen nicht, wird doch ihre sexuelle Ausrichtung als krankhaft angesehen und könne gar geheilt werden, so die Annahme vieler ihrer Landsleute. Homosexuelle vermeiden ihr ,,Coming Out'', um nicht von der Familie ausgestoßen zu werden und führen daher ein Doppelleben.
Daher wurde die Türk Gay&Lesbians Gruppe im März 1996 von zwei türkischen Schwulen gegründet. Die Studenten wollten den türkischen Homosexuellen einen Anlauf- und Treffpunkt verschaffen. Vor allem Angehörige der zweiten und dritten Generation türkischstämmiger MigrantInnen sind in der Türk Gay&Lesbians tätig. In der Mehrzahl sind es Männer. Unter dem Dach LSVD-NRW hatte sich 1996 erstmalig eine türkische homosexuelle Selbsthilfegruppe gebildet, die ihre Aufgaben darin sieht, für mehr Akzeptanz, Toleranz und Aufklärungsarbeit zu sorgen. ,,Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass sowohl unter den homo- als auch unter den heterosexuellen Türken immenser Aufklärungsbedarf besteht'', erklärt Abdurrahman Mercan, der mit einem Deutschen zusammen ist. TürkGay&Lesbians ist zum Anlaufpunkt für Schwule und Lesben mit türkischer Herkunft aus ganz Nordrhein-Westfalen geworden. Der Standort der Gruppe ist bis heute in den Räumen des LSVD in Köln.
Als besonders wichtig hatte sich die Präsentation von Türk-Gay&Lesbian mit einem eigenem Wagen am Christopher Street Day letztes Jahr in Köln erwiesen, wo zu ihrer Überraschung selbst die konservative Hürriyet positiv berichtete. ,,Damit können Leitbilder für Jugendliche und Erwachsenen in der türkischen Gesellschaft vermittelt werden, die noch Probleme im ,,Coming-Out" haben'', schreibt die schwul-lesbische Gruppe auf ihrer Homepage. Außerdem haben heterosexuelle (türkische und deutsche) Menschen die Möglichkeit zu erfahren, dass es auch lesbisch-schwule Türken gibt.
Weiterhin organisiert die Türk-Gay&Lesbian Gruppe jeden vierten Freitag im Monat für die türkischen Homosexuellen in dem schwul-lesbischen Zentrum ,,Schulz'' in Köln eine Party. Mit diesen Partys sollen neue potenzielle Mitglieder gewonnen werden, die aus ganz Deutschland nach Köln anreisen. Zahlreiche Beiträge über Türk-Gay&Lesbian im Hörfunk und im Fernsehen haben bereits auf die Arbeit der Selbsthilfegruppe aufmerksam gemacht. Homosexuelle sollen dadurch ermuntert werden, nicht länger ihre Identität zu verleugnen, so die Absicht der Gruppe.
Vom 23. Juni bis zum 29. Juni wurde eine multikulturelle Woche unter der Schirmherrschaft von Marieluise Beck (Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen) und Edith Müller (Vizepräsedentin des Landtages von NRW) veranstaltet. Mitbeteiligt an der Veranstaltung sind Ermis Köln (Griechische lesbischschwule Gemeinschaft) und Yachad NRW/Köln (Jüdische Lesben und Schwule). Mit dieser multikulturellen Woche soll die derzeitige Situation der türkischen Homosexuellen in den Vordergrund gerückt werden. Azize T. wies in der Podiumsdiskussion am 25.Juni darauf hin, ,,dass die Palette von unterdrückten bis hin zu modernen Schwulen und Lesben reicht.'' Viel hänge von der Familie ab. Die selbstbewußte Studentin kam in Istanbul auf die Welt und ihre sexuelle Ausrichtung wurde ihr auch in derselben Stadt bewußt. An der Podiumsdiskussion war unter anderem Lale Akgün, Leiterin des Landeszentrum für Zuwanderung NRW beteiligt. Eine Lesung der jüdischen Autorin Adriana Stern am 24. Juni und eine Party am 28. Juni rundeten die Veranstaltungswoche ab.
Abdurrahman Mercan weiß, dass noch viel Aufklärungsarbeit getan werden muss. Bisher traut sich nur ein Bruchteil der Schwulen und Lesben ihre Identität preiszugeben. ,,Daher ist es unser Ziel, die Leute auf unsere Gruppe aufmerksam zu machen und ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie nicht allein sind'', so der Student. Dazu sei es notwendig, die Vorurteile der Landsleute abzubauen.
Kontakte: TÜRK GAY AND LESBIANS c/o LSVD, Pipinstr. 7, 50677 Köln, www.tuerkgay.com

 

 

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