Jahrgang 2 Nr. 26 vom 29.06.02
 

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Moderne und Tradition

von Walter Helbling

Die Türkei ist ein Land mit gewaltigen Ausmassen. 2300 km von Ost nach West. Völlig klar also, dass sich dieses Land nicht als Einheit präsentieren kann. DEN Türken oder DIE Türkin gibt es nicht.

Oft wird in Europa von der „modernen" oder der „traditionellen" Türkei gesprochen. Gemeint sind mit „modern" wohl die Regionen, welche sich seit 1930 gedanklich und wirtschaftlich auf den Weg nach Europa gemacht haben und auch davon profitieren konnten. Entstanden ist ein extremes wirtschaftliches OST- WEST-Gefälle. Die grossen, wesentlichen Industrien sind im Westen der Türkei angesiedelt. Dort gibt es Arbeit und verhältnismässig guten Lohn. Dies wiederum bewirkt eine ungeheure Landflucht im Osten. Den Zurückgebliebenen bleibt der Fernseher. In ihrem Steinhaus ohne fliessend Wasser sehen sie sich die Prachtsvillen in Izmir, Bodrum, Antalya an und fragen sich: Lebe ich in der Türkei oder in einem Entwicklungsland? Wie ist es möglich, dass jemand vier Villen besitzt und ich kriege für meine Tomaten knapp das, was ich für die Bezahlung der Zinsen meiner Sera benötige?

Im Weiteren gibt es die Küstengebiete, welche sich im Buhlen um europäischen Massentourismus während der letzten 20 Jahre vorerst in gigantische Baugruben und anschliessend in Betonburgen verwandelt haben. Konkret heisst dies: Resorts für Europäer, welche es lieben, im Badeanzug auf Strassen zu flanieren, sich in Restaurants ausgiebig Alkohol zu genehmigen und dabei recht laut werden können. Indem diese Infrastruktur bereitgestellt wird, schafft man sich die Möglichkeit, Geld zu verdienen. Ist das nun "moderne" Türkei oder eine europäische Enklave in der Türkei? Kolonialismus der Moderne?

Die Landstriche hinter dem 5 Kilometer breiten Küstenstreifen der herrlichen Mittelmeerküste, sind sie moderne Türkei oder traditionelle Türkei? Ich würde jetzt mal behaupten, dass rund 3000km Küste weitgehend europäisch standardisiert worden sind, um möglichst viele ausländische Feriengäste anzulocken. Ob diese Entwicklung der letzten 15 Jahre von den Menschen auch innerlich vollzogen wurde, stelle ich in Frage. Wohl leben sie hier und verdienen ihr Geld. Aber: „Der Körper ging auf Reise, die Seele reist hintennach", lautet ein Sprichwort.

Diese Leute wenden sich mehr und mehr den Traditionen zu. Der Schnellzug nach Westen ist ohne sie abgefahren. Erstmals deutlich wurde dies vor 6 Jahren mit der Regierung Erbakan. Und gleich begann Europa zu zittern. Wovor? Angst vor einem zweiten Iran. Zum Lachen!!! Nicht mal diese Unterschiede sind in Europa bekannt!!

Ich denke, wir Europäer tun gut daran, die Türkei zu sehen, wie sie ist und auf eine der grössten Stärken des türkischen Volkes zu setzen. Geduld und Zeit zum Dialog. In diesen haben wir Ausländer uns nicht einzumischen. Vor allem sollten wir das türkische Volk in seiner Ganzheit und Viefältigkeit vielleicht etwas mehr zur Kenntnis nehmen. Damit meine ich, moderne und traditionelle Türkei in unserer Urlaubsplanung zu berücksichtigen. Oft wirken nämlich europäische Urlauber wissend oder nichtwissend wie Elefanten im Porzellanladen und tragen damit zu einer wesentlichen Verschärfung der kulturellen Gegensätze bei.

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