Die Führungspersonen des neuen sozialdemokratischen Aufbruch
Als Ismail Cem am Freitag (12.07.02) seinen Rücktritt vom Amt des
Außenministers begründete, wurde seine Rede zugleich als Rahmen
für das zukünftige Programm einer neuen sozialdemokratischen
Partei bewertet. Tatsächlich wurde deutlich, daß in er die
Führungsperson der neugegründeten Partei werden wird - begleitet
von Hüzamettin Özkan, der am Montag vom Amt des stellvertretenden
Ministerpräsidenten zurückgetreten und wie Cem aus der DSP ausgetreten
war. Als dritte Führungsperson gilt Kemal Dervis, der zur Zeit die
Wirtschaftspolitik koordiniert. Angelegt werden soll diese neue Partei
explizit als sozialdemokratische Sammlungsbewegung und sie ist damit ein
weiteres Glied einer ganzen Reihe von türkischen Parteien, die sich
selbst als "links" verstehen. Mit der Positionierung als Linkspartei
erklärte Cem auch Spekulationen, die neu zu gründende Partei
werde eine breitere Sammlungsbewegung des "Zentrums" werden,
eine Absagte.
Ismail Cem
Der heute 62-jährige Ismail Cem ist eine der prominenten Personen
der türkischen gemäßigten Linken. Sein 1970 veröffentlichtes
Buch "Zur Geschichte der türkischen Rückständigkeit"
(Türkiye'de geri kalmisligin tarihi) machte Cem, der zu dieser Zeit
als Journalist arbeitete, breiten Kreisen bekannt. In diesem Buch legt
Cem dar, daß die Position der Türkei nicht mit den ehemaligen
Kolonien Afrikas verglichen werden könne, da sie auf das Osmanische
Reich zurückgehe und selbst eine imperiale Vergangenheit habe. Die
Rückständigkeit habe statt dessen in einem Versagen des Osmanischen
Reiches bei der Herausbildung eines Bürgertums und später des
Bürgertums zu republikanischen Zeiten bei der Bewältigung der
Modernisierung ihre Wurzel. Die Lösung bestehe darin, Arbeiter und
Bauern als die eigentlichen Kräfte, die eine moderne und entwickelte
Türkei schaffen könnten, in den Vordergrund zu stellen.
Cem gehörte zu den Kritikern des Militärputsches von 1970.
In einer Kurzbiographie von CNBC-N wird angemerkt, daß eine große
Nähe der Positionen von Cem und Bülend Ecevit in der Analyse
des Putsches festzustellen sei.
Auf die politische Bühne trat Cam, als er von Bülent Ecevit
zum Generaldirektor des Türkischen Rundfunk und Fernsehens (TRT)
ernannt wurde. Die Ernennung von Cem führte zu heftigen innenpolitischen
Debatten und Cem konnte sich nur 500 Tage im Amt halten, bis er seinen
Rücktritt erklärte und als Chefredakteur und Mitinhaber der
linksprofilierten Zeitung "Politika" weiterarbeitete. Diese
Zeitung wurde mit dem Militärputsch vom 12. September 1980 verboten.
Cem trat dann in die nach dem Putsch gegründete Sozialdemokratische
Volkspartei (SHP) ein und wurde 1987 und 1991 als Abgeordneter für
Istanbul gewählt. Nach dem Zusammenschluß von CHP (Republikanische
Volkspartei unter Führung von Deniz Baykal) und SHP (damals und heute
wieder unter Führung von Murat Karayalçin) trat Cem 1995 in
die DSP über.
In der 1995 gegründeten 50. Regierung übte Cem zunächst
das Amt des Kulturministers aus, bis er zum Außenminister ernannt
wurde. Seit 1997 übte er ununterbrochen diese Funktion aus und gehört
damit zu den am längsten amtierenden Außenministern der Republikgeschichte.
Cem genießt im Ausland hohes Ansehen, zu dem sicher auch die Hoffnungen
auf eine Verbesserung der türkisch-griechischen Beziehungen beigetragen
haben, die in der Zusammenarbeit mit seinem griechischen Kollegen Papandreu
genährt wurden.
Demgegenüber hatte sich Cem weitgehend aus den innenpolitischen
Auseinandersetzungen im vergangenen und in diesem Jahr herausgehalten.
Cem soll sich noch bis Mittwoch dieser Woche dafür eingesetzt haben,
die Spaltung in der DSP zu verhindern. In seiner Rücktrittsrede erklärte
er, daß bei aller Dankbarkeit für Bülend Ecevit und seine
Parteifreunde in der DSP, die Partei und die von ihr getragene Regierung
handlungsunfähig geworden sei.
Hüzamettin Özkan
Özkan war bisher wie der Schatten hinter Bülend Ecevit - er
trat selten in den Vordergrund: ein Bericht der Tageszeitung "Radikal"
vor zwei Jahren weist darauf hin, daß es fast unmöglich ist,
in den Zeitungsarchiven ein Bild zu finden, in dem Özkan ohne Ecevit
zu sehen ist. Özkan weder durch profillierte politische Positionen
noch durch wichtige Reden aufgestiegen. Er war beständig der Organisator
im Hintergrund, der Verbindungen knüpfte, die Partei und die Koalitionspartner
bei der Stange hielt, Überzeugungsarbeit leistete. Özkan, der
bis zum Schluß erklärte "Ich bin mit Ecevit gekommen und
werde auch mit ihm gehen", erreichte dabei eine Schlüsselstellung,
die ihn als einen der aussichtsreichsten Kandidaten für die Führung
einer Regierung ohne Ecevit erscheinen ließ. Dies scheint ihm zum
Verhängnis geworden zu sein, denn als sein Sturz in der vergangenen
Woche Freitag (6.07.02) durch eine Rede des Abgeordneten Halici eingeleitet
wurde, kursierten Gerüchte, Özkan habe zusammen mit dem Koalitionspartner
Mutterlandspartei (ANAP) daran gearbeitet, eine neue Regierung ohne Ecevit
und ohne MHP-Beteiligung aufzustellen. Das Zusammentreffen der Wahlaufforderung
des MHP-Vorsitzenden Bahçeli und dem Rücktritt Özkans
auf Wunsch des Parteivorsitzenden Ecevit erscheint darum nicht zufällig.
Dabei trat Özkan als "Ersatzkandidat" in die Politik ein.
Einem Bericht von CNBC-E zufolge, soll Ecevit im Vorfeld der Wahlen von
1991 eigentlich den Bruder Özkans, Necdet Özkan, angesprochen
haben, ob er nicht in der Partei mitarbeiten wolle. Dieser jedoch schlug
stattdessen seinen Bruder Hüsamettin vor. Zu den hervorragendsten
Eigenschaften Özkans soll sein Kommunikationstalent, seine Fähigkeit,
Kompromisse auszuhandeln und Beziehungen zu pflegen gehören. Tatsächlich
hat Özkan zu allen wichtigen staatlichen Stellen, dem Militär,
den religiös orientierten Parteien und zur Mutterlandspartei gute
Beziehungen. Das heftigste öffentliche Bedauern über das Ausscheiden
Özkans äußerste dann auch Mesut Yilmaz in seinem Fernsehgespräch
im "Kanal D", als er Özkan als den "Leim der Regierung"
charakterisierte. Aufgrund seiner guten Beziehungen nach allen Seiten
war Özkan einer der Kandidaten für die Nachfolge von Staatspräsident
Demirel - Ministerpräsident Ecevit soll aber eingewandt haben, daß
er auf Özkan angewiesen sei.
Lautete der offizielle Vorwurf der DSP, der auch von Ministerpräsident
Ecevit in einem Fernsehinterview mit "CNN-Türk" (8.07.02)
aufgegriffen wurde, daß Özkan nichts gegen die "öffentliche
Kampagne gegen den Minsterpräsidenten" aufgrund seiner Krankheit
unternommen habe, so war bereits seit Wochen berichtet worden, daß
die Verbindung zwischen Özkan und Bülend Ecevit seit seiner
Krankheit weitgehend unterbrochen sei.
Als eine weitere Lesart des Konflikts in der Führungsspitze der
DSP, bei der immer Ecevits Frau, Rahsan Ecevit, die gleichzeitig Gründerin
der Partei ist, als treibende Kraft dargestellt wurde, wird auf den Ausbruch
der Wirtschaftskrise im vergangenen Jahr verwiesen. Hintergrund des Streits
im Nationalen Sicherheitsrat, der den Auslöser der Februar-Krise
bildete, waren Untersuchungsberichte des Staatspräsidenten über
Unregelmäßigkeiten bei den staatlichen Banken. Sezer hatte
Ecevit vorgeworfen, in dieser Frage nicht tätig zu werden. Özkan,
dessen Name in diesen Untersuchungsakten fallen soll, habe Ecevit manipuliert
und zum Verlassen der Sitzung aufgefordert, wodurch der Streit öffentlich
wurde und die Krise ihren Ausgang nahm. Tatsächlich spekuliert die
Tageszeitung "Yeni Safak" in ihrer Ausgabe vom 12. Juli darüber,
ob die Untersuchungsakten des Präsidenten jetzt neu geöffnet
und die Beteiligung Özkans an fragwürdigen Bankgeschäften
jetzt öffentlich gemacht werden soll.
Kemal Dervis
Die Position Kemal Dervis, der gelegendlich als 4. Koalitionspartner
der amtierenden Regierung bezeichnet wird, kann nicht überschätzt
werden. Ob zu Recht oder Unrecht, gilt Dervis als Architekt des laufenden
Wirtschaftsprogramms mit Unterstützung durch den Internationalen
Währungsfond (IMF) und die Weltbank. Dementsprechend genießt
Dervis ausgesprochen hohes Prestige auf den Finanzmärkten, was vermutlich
dazu geführt hat, daß am vergangenen Donnerstag (11.07.02)
Staatspräsident Sezer den Rücktritt Dervis zurückgewiesen
hat.
Kemal Dervis übt seit April 2001 das Amt eines Staatsminsiters in
der 57. Regierung aus und koordiniert die Wirtschaftspolitik. Er selbst
gehört keiner Partei an und charakterisierte seine Rolle bisher als
"Techniker". Gleichwohl sprach Dervis immer wieder davon, daß
er sich auch der aktiven Politik widmen wolle und daß diese Tätigkeit
im Rahmen einer sozialdemokratischen Partei erfolgen solle.
Im vergangenen Jahr hatte Dervis mehrere heftige Auseinandersetzungen
mit der MHP und es erscheint nicht verwunderlich, wenn insbesondere die
MHP heute erklärt, daß die Bedeutung von Dervis weit überschätzt
werde und er eigentlich "überflüssig geworden" sei.
Dervis war bis zum vergangenen Frühjahr einer der stellvertretenden
Präsidenten der Weltbank und dort zuständig für Armutsbekämpfungsprogramme.
Er genießt weltweit sehr hohes Ansehen und hat in diesem Jahr mehrere
Preis von internationalen Fachzeitschriften als "erfolgreichster
Wirtschaftsminister des Jahres 2001" erhalten.
Auch wenn Dervis sich seit seiner Rückkehr in die Türkei vor
allem auf die Wirtschaftspolitik konzentrierte, so führte seine These,
daß vorzeitige Neuwahlen die Wirtschaft nicht negativ beeinflussen
werden, die er in den letzten Wochen immer wieder öffentlich vertrat,
zu Spannungen mit den Koalitionsparteien.
Nachdem Ministerpräsident Ecevit am Freitag (12.07.02) erklärte,
mit der Aussetzung des Rücktritts von Staatsminster Dervis werde
dieser auch aus dem Parteineugründungsprojekt ausscheiden, entgegnete
Dervis in einer Presseerklärung, daß er dies nicht zu tun gedenke.
Kommentaren rechnen in nächster Zukunft mit seinem Ausscheiden aus
der Regierung.
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