Jahrgang 2 Nr. 28 vom 13.07.02
 

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Kleine Geschichte rund um den türkischen Käse

Was den türkischen Käse anbetrifft, da hatten meine Eltern oft etwas zu erzählen. Vor allem am Frühstückstisch erzählten Mutter und Vater gerne alte Geschichten aus ihrer Jugendzeit, während wir heißen Tee schlürften und Butterbrote mit viel Käse drauf aßen.

So begann mein Vater gerne mit jenen Geschichte, wo er als kleiner Dorfjunge Käse aus der Familienproduktion in der Stadt Erzincan an die dort lebenden Menschen verkaufen sollte. Niemals erzählte er die Geschichte komplett, eher immer aus verschiedenen Perspektiven. Wir waren ja sowieso niemals gute Zuhörer und diese kleinen Geschichten kamen uns recht entgegen. Vor allem erinnerte er sich daran, wie beschwerlich der zeitaufwendige Hin- und Rückweg vom abgelegenen Dorf hoch oben auf dem Berg bis in die Stadt war. Aber interessanter waren für uns die Erzählungen mit den Kunden, die von der Qualität der Familienkäse überzeugt werden mußten. Will man den Aussagen meines Vaters Glauben schenken, dann gelang ihm die Überzeugungsarbeit mit links, im Gegensatz zu meinem Onkel. Aus dem Grund schickten die Großeltern fast immer unseren Vater runter in die Stadt, der zudem auch ein braver und guter Sohn gewesen sein soll. Diese Legende hatten wir ihm niemals abgekauft und brave Kinder wurden wir erst recht nicht.

Unser Vater verdrehte gerne mal die Wahrheit, dazu reichte lediglich ein Blick zu unserer Mutter. Wenn sie bei den Erzählungen grinste, wußten wir Bescheid. Unsere manchmal liebe Mutter kannte das Geheimnis des Käseherstellens und die langwierige Herstellungszeit, die nötig war, um den angeblich weltweit besten ,,Tulum-Käse'' in die Welt zu setzen. Bei ihr gaben wir nur selten Widerreden, denn sonst schränkte sie die Schokoladenzufuhr ein. Dieses Risiko gingen wir nur selten ein. Sie saß nun mal auf dem längeren Hebel. Ihre Macht war fast unantastbar. Nur hin und wieder begaben wir uns doch auf die abenteuerliche Reise, in das Schlafzimmer nämlich, wo die Ressourcen an Schokolade gelagert waren. Aber das ist eine andere Geschichte- zurück zum türkischen Käse!

Was wir kleinen ,,Deutschtürken'' niemals verstanden bzw. auch niemals verstehen werden, ist die Tatsache, dass meine Eltern sich nach dem Türkeiaufenthalt die Mühe machten, Dorfkäse nach Deutschland zu schmuggeln. Dies führte zu schweren Koffern und zu der Erkenntnis, dass Zöllner willkürlich die Koffern kontrollierten. Aber mein Vater führte das Nicht-Erwischen eher auf seine Fähigkeit des ,,Nichtsanmerkenlassen'' zurück und ignorierte einfach das Zufallsprinzip der Zöllner. Uns sagte er immer, man dürfe sich nichts anmerken lassen, so wie beim Kartenspielen. Nichts das wir etwas gegen den türkischen Käse hätten, aber ein Großteil der geschmuggelten Käseware wurde einfach an Verwandte und Bekannte verschenkt. Übrig blieb für uns relativ wenig übrig und dabei schmeckte der Käse aus Erzincan doch so gut. Beim Frühstück warf uns unser Vater daher immer einen bösen Blick zu, wenn wir zu viel Käse für unsere Butterbrote beanspruchten.

Erst recht wurde türkische Käse auf den Tisch gestellt, wenn die älteren Herren Raki tranken. Warum, wieso und weshalb- dafür gab es eigentlich keine logische Erklärungen. Käse war, ist und wird ein fester Bestandteil der türkischen Gesellschaft bleiben. Auch wenn die Jüngeren unter uns die Produkte der Konkurrenz aus Holland und Frankreich probiert, die türkischen Käsesorten gehören weiterhin auf unseren Küchentisch. Und weil Traditionen selten aussterben, müssen wir wohl unweigerlich nach unserem nächsten Türkeiurlaub Dorfkäse aus Großmutters Hand nach Deutschland schmuggeln und hoffen, dass die Zöllner weiterhin nach dem Zufallsprinzip handeln. Wenn's doch schiefgehen sollte, dann würde unser Vater unser Scheitern auf die mangelnde Fähigkeit des ,,Nichtsanmerkenlassen'' zurückführen.

Ali Sirin

 

 

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