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Çay Sohbetleri Teegespräche Wenn man mich fragt, was mich am Leben in der Türkei eigentlich reizt, dann spielt der Tee eine große Rolle. Ich bin kein Snob oder Gourmet. Aber Tee zu trinken, ist in der Türkei ein Kulturgut - beim Teetrinken spielt neben der richtigen Zubereitung vor allem das Gespräch eine Rolle. Das gilt natürlich umso mehr, wenn man den Tee nicht zu Hause sondern unterwegs trinkt. Fast an jedem Ort wird man einen Teegarten finden - mindestens aber ein Teehaus. Betritt man als Fremder ein Geschäft und beginnt ein Gespräch, wird meist bald Tee bestellt. Tee in kleinen Gläsern, auf dem Untersetzer ein kleiner Löfel und zwei Stück Würfelzucker. Damit sind die dann Weichen für eine Plauderei gestellt, bei der beinahe über alles gesprochen wird. Man erfährt, was die Menschen bewegt, ihre Lebensgeschichten und was sie denken. Deutsche wirken hier manchmal etwas grob - ein gutes Gespräch hat einen hohen Wert und die zielstrebige Geschäftigkeit, die Ausländer häufig dazu verleitet, den angebotenen Tee und damit das Gespräch, auszuschlagen, unterstreicht ihr "fremd-sein". Dabei sind es gerade die Teegärten und die unterwegs angebotenen Tees, die die Möglichkeit geben, außerhalb des ohnehin Bekannten etwas Neues zu entdecken. Ob ein Netze flickender Fischer die Technik des Fischfangs erklärt oder ein Tankstellenbesitzer die Konjunktur seiner Kundschaft - Teegespräche bieten Einblicke, wenn man sich auf sie einläßt. Leidenschaftlich gesprochen wird beim Tee auch über Politik. Selbst in abgelegenen Ortschaften finden sich brilliante Analysen der Dörfler über die Hintergründe dieses oder jenes Schachzuges einer Partei, über die Aussichten und die Krise ... Dabei habe ich es noch nicht erlebt, daß es dabei zu einem Streit gekommen wäre. Wohl wird heftig diskutiert, doch kennt man sich meist gut genug, um nicht ernsthaft aneinander zu geraten. Hinzu kommt, daß - ist der Ort groß genug - es mehrere Teegärten/-häuser gibt. Man teilt sich auf. In Kuzguncuk, dem Staatquartier Istanbuls, in dem ich lebe, gibt es acht. Manche sind die typischen, die den Männern vorbehalten sind. Sie sitzen dort und spielen. Manche sagen, daß Gäste dort den ganzen Tag über nur ein einzige Glas Tee trinken. Sie sind die öffentlichen Treffpunkte der Männer. Dann gibt es die Teegärten, die die Funktion eines deutschen Cafes erfüllen. Sie sind für Männer und Frauen geöffnet, Plätze für eine Pause, zum lesen oder sich zu treffen. Viele Leute im Ort haben einen oder zwei Teegärten, die sie regelmäßig aufsuchen. Man weiß, wo sie zu finden sind, ohne erst zu Hause vorbeigehen zu müssen und "Gast" zu werden. Istanbul ist voller Teegärten - entlang des Bosporus, aber auch bis hinein in die äußersten Vorstädte. Manche sind Ausflugsorte, wie der Teegarten im Salacak, einer Siedlung von Üsküdar. Dort laufen zwischen den Tischen Enten und Hühner herum - eine kleine Sensation, die sich bezahlt gemacht hat, weil Familien mit Kindern hier etwas länger verweilen können, ohne daß die Kinder quengeln. Andere sind geschäftig wie der Teegarten an der Schiffsanlegestelle in Besiktas. Es gibt die alltäglichen Teegärten der Siedlungen, die die Zusammensetzung der Bewohnerschaft des Viertels wiederspiegeln. Selbst die Teegartenversion der "fliegenden Händler" gibt es: kleine Karren, auf denen alle notwendigen Utensilien für den Teeausschank untergebracht sind und kleine Hocke, auf denen man sitzen kann. Und es gibt die besonderen Teegärten - beispielsweise den unterhalb der Festung von Anadolu Kavagi oder den neben dem tütün deposu in Besiktas, die von der Persönlichkeit ihres Wirtes leben. Letzterer fiel leider im letzten Ramazan den Bauarbeiten zum Opfer, die aus den alten Tabaklagerhäusern ein Museum des Tabak- und Alkoholmonopolisten Tekel machten. Stefan Hibbeler |
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