Jahrgang 2 Nr. 31 vom 3.08.2002
 

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Çay Sohbetleri

Teegespräche

Neben all den großen Ereignissen der Tagesordnung verliere ich manchmal den Sinn für das Wesentliche. Natürlich unterscheidet sich in der Türkei wie in Deutschland die Diskussion in den Medien von den alltäglichen Fragen der Menschen.

Gestern mußte ich einige Besorgungen machen - Gegenstände außer der Reihe, die nicht so leicht zu finden sind. In Deutschland hätte ich ein Branchenbuch bemüht oder im Internet gesucht. Hier ist es erfolgversprechender auf die Straße zu gehen und sich durchzufragen. Natürlich führt nicht jede Frage zum richtigen Ergebnis. Die Menschen sind gutmütig und versuchen zu helfen, auch wenn sie manchmal selbst nicht so genau bescheid wissen. Das kann, wenn man nach dem Weg fragt, schon einmal zu einem gewissen Umweg führen. Aber es ist wie bei den amerikanischen Spielfilmen: In der Regel gibt es ein "happy end" und zurück bleibt ein positives Gefühl menschlichen Kontakts.

So auch gestern. Zunächst brauchte ich Marmorpulver (wozu ist eine längere und darum andere Geschichte). Marmorpulver sollte es in Marmorwerkstätten geben, die hier weit verbreitet sind, weil die gute, neue türkische Küche mit einer marmornen Arbeitsplatte versehen sein muß. Nun hatte jedoch die nächstgelegene Werkstatt, die ich kannte, in der Zwischenzeit geschlossen. Gespräche mit Passanten und Taxifahrern brachten mich dann zum großen alten Friedhof in Üsküdar - eine Totenstadt seit mehreren 100 Jahren. Natürlich gibt es in der Umgebung eine große Zahl von Steinmetzwerkstätten, die Grabsteine herstellen. Aber weder ich noch meine wohlmeinenden Informanten hatten damit gerechnet, daß die moderne Produktionstechnik auch hier eine entscheidende Veränderung hervorgebracht hatten: In der Regel werden nur noch vorgeschnittene Steine verwendet - es entsteht kaum noch Staub und dementsprechend ist bei diesen Werkstätten auch kein Marmorpulver mehr zu haben. Aber im Baustoffhandel - so wurde mir versichert und der verschlungene Weg über den riesigen Friedhof zur nächstgelegenen Baustoffhandlung beschrieben.

Friedhöfe sind in der Türkei wie in Deutschland abgelegene und friedliche Plätze. Der größte Unterschied ist wohl, daß die Grabpflege meist nicht so intensiv erfolgt, so daß viele Grabstätten überwachsen sind. Alte Grabsteine mit ihren Verzierungen neigen sich vielfach bedenklich - aber es ist ein Erlebnis aus dem Trubel der Stadt mit nur wenigen Schritten diese Ruhe zu erleben.

Ich fand den Baustoffhändler. Das Marmorpulver hat er mir geschenkt - eine "Ehrensache", weil es sich nur um eine kleine Menge handelte.

Danach mußte ich noch bei einem Tischler vorbei, den ich hin und wieder aufsuche. "Lange nicht gesehen", war die Begrüßung, die zugleich die Einladung für eine kleine Plauderei war. Natürlich hatte ich es eilig, natürlich mußte ich noch ein Dutzend anderer Dinge erledigen. Aber dann ist es doch wieder zu verlockend: Das Gespräch drehte sich um dies und das - und dann war es wie eine Klammer um die Erlebnisse des gestrigen Tages: Der Tischler erklärte, eigentlich vergehe das Leben doch rasend schnell und wo es ende, sei offensichtlich. Ob man nun Deutscher, Engländer oder Türke sei, jeder komme schließlich auf den Friedhof. Nach dieser philosophischen Einlassung erklärte er mir, daß sein Sohn gerade dabei sei, sich in England niederzulassen - er habe gerade eine Amerikanerin dort geheiratet und wird wohl nun dauerhaft dort bleiben. Verschmitzt meinte er dann noch: Man diskutiert im Moment ja viel darüber, ob die Türkei in die EU komme oder nicht. Tatsächlich sei sie aber doch schon längst dabei - man heirate ins Ausland, Ausländer heirateten in die Türkei. Was zähle, sei das Mensch-sein.

Zur gleichen Zeit tobte im Parlament die Diskussion über die Abschaffung der Todesstrafe. Politik und die Menschen bewegen sich mit ungleicher Geschwindigkeit. Der Tischler bot mir einen Tee an ...

Stefan Hibbeler

Zum Ausbau unserer Marktstellung auf dem Werkzeugsektor suchen wir für unsere Niederlassung in der Türkei zum sofortigen Eintritt folgende Mitarbeiter:

 

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