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Der grosse BruderWalter Helbling In einer Zeit, in welcher hochoffiziell Kriegsvorbereitungen getrieben und kommuniziert werden, könnte man einen Artikel zum Thema USA erwarten. In einer Zeit, in welcher an Flughäfen sämtliche Passagiere mit Kameras erfasst und computertechnisch gerastert werden, wäre vielleicht eine Besprechung des Kultfilms Fahrenheit 451" aus den 60-er Jahren angebracht. Die minuziöse Beschreibung dessen, was heute eintrifft...Keine Lust, der vergangene Urlaub wirkt noch nach. Deshalb verweile ich heute bei einem andern grossen Bruder, dem Abi. Ich möchte ihm einige Gedanken schenken und uns Europäer darauf hinweisen, mit wie soziale Kompetenz AUCH erworben werden kann. 10 Tage konnte ich den Beiden zuschauen. Ein Junge, ca. 5 Jahre, sein Bruder, der Abi, um die 11 Jahre. Jeden Morgen, jeden Nachmittag tauchen sie am Strand auf. Der Abi mit einem Goldkettchen um den Hals, der Kleine mit einem Schwimmreif, welchen er ab und zu verwendet. Natürlich gibt es auch eine Mutter, doch tritt sie in meiner Geschichte nur einmal in Erscheinung. Dies, als sich der Kleine von seinem Abi bis zum Kinn im Sand einbuddeln lässt, der Abi den Kopf des Jungen vorsichtig der Wind abgeneigten Seite zudreht, weiter Sand aufbeigt. Der Kleine scheint ein grenzenloses Vertrauen zu haben, quasselt und lacht mit seinem Abi. Endlich ist es soweit. Anne!!! Wo ist Orhan?", schreit der Abi. Die Mutter springt auf, stösst ihrerseits einen Schrei aus und ruft nach dem Kleinen. Dieser kann sich kaum mehr ruhig halten, prustet los und ruft seinerseits nach der Anne. Erleichterung bei der Mutter mit gleichzeitiger Schelte für den Abi. Kaum sitzt die Frau wieder, ruft der Abi erneut: Anne bak.!" Wieder ein Schrei des Entsetzens, denn der Abi hüpft auf dem Kleinen rum, welcher immer noch im Sand eingegraben ist. Der kleine seinerseits kreischt vor Lachen. Der gut vorbereitete Scherz ist offensichtlich geglückt. So gäbe es jeden Tag etwas von den Zweien zu erzählen: Abi lässt sich vom Kleinen stundenlang in die Wellen schubsen und spielt den Ertrinkenden. Abi stösst seinen Bruder im Schwimmgurt durch die hohen Wellen und spielt Lokomotive. Abi baut Sandburgen und gräbt Wasserlöcher. Abi lernt den Kleinen Schwimmen. Abi befiehlt:" Jetzt kommst du raus und wärmst dich im Sand." Der Kleine gehorcht, wird für 10 Minuten eingegraben und darf anschliessend wieder ins Wasser. Wenn man nun das Augenmerk auf den Kleinen richtet, so erkennt man unschwer, wie stolz er auf seinen Abi ist, wie bewundernd er zu ihm aufschaut, welche Autorität der Abi aber auch ausstrahlt. Dies wird voraussichtlich ein Leben lang so bleiben. Geprägt wurde dieses Verhältnis von Kind auf. Als Abi ist der älteste Sohn verantwortlich für seine Geschwister (gilt übrigens auch für die Schwester, die Abla) und diese haben zu gehorchen. Später im Leben wird sich der Abi um die familiären Belange wie Versorgung der Eltern, wichtige Entscheide nach dem Ableben der Eltern, zu kümmern haben. Wieder wird er in einer Sonderstellung sein und wieder wird er aller Voraussicht nach von seinen inzwischen erwachsenen Geschwistern akzeptiert und respektiert sein. Bei Familienzwisten kommt ihm oft die Rolle des Vermittlers zu. Bei uns Europäern löst soviel Unterordnung und Respekt oft Kopfschütteln aus. Wie kann ein Erwachsener SOO vor seinem älteren Bruder kuschen?", fragen wir uns. Ja, es wirkt seltsam, wenn 40-Jährige ihren Eltern oder älteren Geschwistern nicht widersprechen. Andererseits werden sie, falls sie wirklich in Schwierigkeiten stecken, auch mit der ungeteilten Aufmerksamkeit der Familie rechnen können. Diese Sicherheit hat ihren Preis, nämlich eine gewisse Form der Verbindlichkeit, was Umgang mit und Pflege der eigenen Familie betrifft. Diese regelmässigen abendlichen Besuche, der gemeinsame Ausflug am Sonntag, das Essen mit zwei Geschwistern und deren Familien, das alles ist uns zu anstrengend. Wir besitzen auch die Zeit nicht, schliesslich jobben wir ja um unsere Existenz. Da kann es auch mal oder immer öfter spätabends werden. Der Arbeitsplatz wird zum Lebenszentrum. Soziale Kontakte reduzieren sich aufs Minimum, sprich, die eigene Frau und das Kind. Falls diese Beziehung zerbricht, sind wir dann ganz alleine, oft verzweifelt, in Lebens- und Berufskrisen. Wir brauchen dann Leute, welche uns aufpäppeln, eine Vision entwerfen, helfen, neuen Mut machen. Da Zeit bei uns gleichbedeutend mit Geld ist, versteht sich von selbst, dass diese Hilfe nicht umsonst zu kriegen ist. Ein Heer von selbsternannten Beratern und Therapeuten übernimmt die Rolle unseres Abis. Mit dem kleinen Unterschied, dass der Abi seinen Bruder liebt und alles in seiner Macht stehende tun wird, dass es ihm weiterhin gut gehen wird, wogegen der Berater oder die TherapeutInnen in Wirklichkeit auch nur um ihre Existenz jobben. Ihr Business: Verkauf von Mitmenschlichkeit. Wir haben es weit gebracht im Westen. Leider sind dabei die Abis verlorengegangen.
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