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Heimatvon Walter Helbling Nirgendwo dürfte der Prokopfverbrauch von Fondue und Raclette höher sein, als in den vielen Clubs von Auslandschweizern. Nirgendwo dürfte mehr traditionelle Schweizer Volksmusik gehört werden, als in ihren Treffpunkten. Nirgendwo werden urschweizerische Traditionen wie Fahnen- oder Talerschwingen, Volkstanz- und -liedergut so hoch gehalten, wie in diesen Vereinigungen. Das Bild der Schweiz ist dort das einer weitgehend heilen Welt. Diese Pflege des Brauchtums schafft Zusammenhalt. Umfragen bei Lehrabschlussprüfungen in der Schweiz haben ergeben, dass über dreissig Prozent der italienischen Lehrlinge, welche inzwischen in der dritten Generation in der Schweiz leben, wieder nach Italien zurückzukehren gedenken. Sie möchten dort eine eigene Existenz gründen. Diese jungen Erwachsenen fahren Fiat, tragen italienische Labels und verkehren bevorzugt in italienischen Bars und In-Lokalen. Obwohl sie ihr Heimatland" nur noch aus dem Urlaub kennen, fühlen sie sich weiterhin als Italiener. Sie behalten auch ihren italienischen Pass. In der Schweiz wird zur Zeit vor allem die Entwicklung der italienischen Einwanderer sehr aufmerksam verfolgt. Sie waren die erste grosse Gruppe, welche von der Schweiz als Arbeitskräfte angeworben wurde. Die stranieri" hatten einen schweren Stand, zuerst alleine als Saisoniers, dann nach 5 Jahren der Familiennachzug, die Kinder in eine Schweizer Schule, welche man nicht kannte, die Sprache welche den Eltern Mühe bereitete und dem Kind scheinbar in den Schoss fiel. Ja, die Menschen waren in der Fremde und da rückt man selbstverständlich zusammen, wenn man Landsleute trifft. Die zweite Generation wurde gross, gründete Familien, die Kinder besuchten die Schule. Weiterhin wird zu Hause konsequent italienisch gesprochen, die Kinder vermögen sich in beiden Sprachen auszudrücken, beherrschen sie jedoch nicht. Heimat aufgeben und Heimat finden ist offenbar ein Prozess, welcher mehrere Generationen dauert. Oder eben, mitten in diesem Prozess stemmt sich in den jungen Leuten etwas gegen den Verlust EINER Heimat und sie denken, mit einer Rückkehr nach Italien würden sie sich besser fühlen, könnten sie die Italianita behalten. In Deutschland und inzwischen auch in der Schweiz geht es vielen türkischen Familien ähnlich. Hinzu kommt die Tatsache der unterschiedlichen Kultur und Religion. Aus unserer Sicht könnte man sagen: Die Türkei ist für uns fremder als Italien. Genauso fremd müssen sich also Menschen aus der Türkei bei uns fühlen. Und um so grösser ist der Wunsch, mit Landsleuten zusammen zu sein. Traditionen zu pflegen. Man bleibt ja schliesslich nicht für ewig. Spätestens mit dem Eintritt der Kinder in die Grundschule dürfte diese Heimatverbundenheit noch mehr wachsen. Das Kind wird ja in andere Hände gegeben. Es wird nun die deutsche oder schweizerische Kultur erleben. Und wo bleibt das Türkische? Sind es nicht die Eltern, welche diesen Teil der Identität am Leben erhalten müssen? So besteht die Gefahr, dass über eine Generation hinweg ein Bild Italiens, der Türkei oder der Schweiz aufrechterhalten wird, welches in der Realität längst nicht mehr existiert. Eigentlich wissen das alle. Bei jedem Urlaub wird dies bewusst. Die Türken erkennen jeden alman-türk und dieser fühlt sich von seinen Landsleuten über den Tisch gezogen. Aber wehe, jemand stellt kritische Fragen! Dann geht nichts über die Türkei. Die Italiener beklagen nach jedem Urlaub mafiose Zustände, unfähige Regierung, aber sie identifizieren sich weiterhin mit ihrem Land. Die Auslandschweizer haben praktisch unisono für eine Staatsbeteiligung an der neuen swiss plädiert. Mit wem sonst könnte man denn auf Heimaturlaub fliegen? Gelandet in der Schweiz nehmen sie geschockt zur Kenntnis, dass ehemals gesunde Konzern am Bröckeln sind, das Land in einer ernsthaften wirtschaftlichen und politischen Krise steckt. Jetzt erst wird die Kluft zwischen Heimatkult und Realität sichtbar. Wie viele Generationen wird es wohl dauern, bis wir unseren Planeten als Heimat bezeichnen werden???
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