Jahrgang 2 Nr. 38 vom 21.09.02
 

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Reisen zur eigenen und zur fremden Religion

Jeder Türkeibesucher weiß, daß er ein muslimisches Land besucht. Wenigen jedoch ist bewußt, daß Kleinasien nach Israel die Landschaft ist, in der das Christentum am frühesten Wurzeln geschlagen hat und die Türkei viele christliche Zeugnisse birgt.
Da ist im Südosten Tarsus, die Stadt des Saulus, der später zum Paulus wurde. Da ist an der Ägäis Ephesus, wo er seine mitreißendsten Predigten hielt. Da sind die sieben Kirchen Asiens in der heutigen Westtürkei, an die die meisten der Apostelbriefe geschrieben wurden. Im heutigen Iznik, unweit von Istanbul stritt man 325 auf den Konzil von Nicäa über die Natur Christi. Und auf dem Konzil von Chalkedon, dem heutigen Kadiköy gegenüber von Istanbul, wird 431 dem Patriarchen von Konstantinopel die Ranggleichheit mit dem römischen Papst zuerkannt.
Später dann, als das Römische Reich geteilt wurde, wird Konstantinopel, das heutige Istanbul zur Hauptstadt Ostroms und zum Zentrum der orthodoxen Christenheit.
Schon vorher waren im Osten die alten Nationalkirchen entstanden: die georgische, die armenische und die syrisch-aramäische. Wichtige Zentren der Armenier und der Aramäer lagen in Kleinasien.
Eine Reise in die Türkei kann deshalb zur Begegnung mit der eigenen Glaubenstradition werden. Sei es als Pilgerreise in Begleitung eines Geistlichen, sei es als Auseinandersetzung mit der Geschichte des Christentums und als Wiederentdeckung von Gemeinden, die aus dem Horizont der Europäer zu entschwinden drohen.
Unter den muslimischen Ländern gebührt der Türkei ein besonderer Platz. Sie hat sich als erster Staat der islamischen Welt konsequent von der islamischen Rechtsprechung gelöst, europäische Gesetze eingeführt und die Religion von der Politik getrennt.
Doch auch der Vorläufer der heutigen Türkei, das Osmanische Reich, war ein außergewöhnliches Gebilde. Große Teile des Reiches lagen auf dem Balkan, und die Osmanen herrschten jahrhundertelang über christliche Gebiete. Sie herrschten jedoch nicht nur über eine christliche Bevölkerung, sie erlaubten ihr auch eigene Schulen, eigene Sozialfürsorge und sogar eigene Gerichtsbarkeit. Dieser lange Tradition von Leben und Leben lassen ist es wohl zusammen mit den modernen Reformen zuzuschreiben, daß der türkische Islam als tolerant und offen gilt.
Auch nach dem 11. September, als viele Touristen nicht mehr in muslimische Länder fahren wollten, hat der Besucherstrom in die Türkei nicht nachgelassen. Tatsächlich wurde die Türkei zum Vermittler zwischen Ost- und West. Um der Entfremdung zwischen Abend- und Morgenland entgegenzuwirken, die durch den Anschlag ausgelöst worden war, fand im letzten Februar in Istanbul ein Außenministertreffen zwischen der EU und den Länder der Islamischen Konferenz statt.
Austausch funktioniert jedoch auch auf der persönlichen Ebene. Türkische Theologen und Laien sind offen für alle Fragen des interreligiösen Dialogs, sind interessiert und gesprächsbereit. Und das ist gut so, denn zunehmend ist der Islam auch in Europa zuhause, und in Deutschland ist es insbesondere seine türkische Version.
Reise als Begegnung mit dem anderen ist deshalb sinnvoll und notwendig. Schüler- und Studentenaustausch, Besuche von Lehrern und Pädagogen aber auch von Mitgliedern der Verwaltung bis hin zu Justiz und Polizei. Diese Form des Reisens kann helfen, Mißverständnisse zu vermeiden und Vieles in neuem Licht zu sehen.
Andere dagegen hungern einfach nach neue Erfahrungen. Auch ihnen macht es die Türkei nicht allzu schwer. Man denke nur an die Musik. Während die Theologen Saudi Arabiens Musik verbannen, ist Musik im türkischen Islam ein Mittel zur Erfahrung Gottes. Die Musik der Mevlevi, der sogenannten ‚tanzenden Derwische' etwa oder die Musik der Aleviten, die ihre Wurzel in alten türkischen Traditionen hat.

Informationen zu Reisen rund um die Religion

Peri Tours, Istanbul, Tel. 0090-212-240 16 47, Internet: www.peritours.com

The Way Tours, Istanbul, Tel. 0090-216-4925531, Internet: www.thewaytours.com

 

 

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