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Probleme der Schule und türkische WirklichkeitJedes Jahr im September, wenn die Schulen neu eröffnet werden, beginnt die Diskussion über das Schulwesen. In diesem Jahr beginnen 1,2 Millionen Schüler neu mit der Schule. Insgesamt gibt es 16 Millionen Schülerinnen und Schüler. Es fehlen Lehrer, Klassenräume und ganze Schulen. In Gebieten, die von Naturkatastrophen heimgesucht wurden, beginnt der Unterricht häufig in Provisorien, in den Abendnachrichten war gelegentlich aber auch zu sehen, daß eine Gruppe Lehrerinnen und Lehrer ihre Schule renovierte - die Materialien seien von Händlern der Umgebung gespendet worden. Kinder sind Reichtum - wenn die Türkei international sich als Wirtschaftsstandort präsentiert, so ist immer auch von der jungen Bevölkerung die Rede. Das Kinder aber auch Armut bedeuten, zeigen nicht nur Armutsstatistiken aus Deutschland, man muß sich nur ausmahlen, in welchem Maße Bildungsausgaben gesteigert werden müssen, um bei der Ausbildung Chancengleichheit im Land und internationale herstellen zu können. Hier war der Bildungsminister ins Fettnäpfchen getreten. Der Schulanfang fällt in die letzte Phase der Tarifverhandlungen für die Beamten und die Lehrerschaft hatte sich ebenfalls an Aktionen beteiligt und in einer öffentlichen Aktion ihre Lohnlisten verbrannt. Der Bildungsminister jedoch erklärte, sie könnten sich auch selbst verbrennen, in seinem Haushalt gäbe es keinen Spielraum für Gehaltserhöhungen. Später ging er - als erster türkischer Bildungsminister - zur Zentrale der Lehrergewerkschaft Egitim Sen und entschuldigte sich für diese Worte. Gleichwohl: Weder für eine ausreichende Bezahlung oder Einstellung von Lehrern noch für ausreichende Investitionen in Schulen und Ausstattung stehen ausreichend Gelder zur Verfügung. Viele Lehrer gehen weiteren Beschäftigungen nach - die glücklicheren geben Nachhilfeunterricht in den privaten Nachhilfeschulen, die weniger glücklichen verkaufen an Marktständen oder fahren Taxi. Natürlich kann man die auch in Deutschland häufig bemühte Formel "Senkt die Militärausgaben, dann gibt es auch Geld für Bildung" auch in der Türkei bemühen. Schaut man jedoch in den Haushalt, so sind die größten Titel Schulden- und Zinsleistungen. Und dies wird voraussichtlich noch über Jahre anhalten. Sein Ventil findet dieser Engpaß in Privatisierung. Zwar klagen die Privatschulen über einen Rückgang der Schülerzahlen. Aber nach wie vor geht in vielen staatlichen Schulen nichts mehr ohne Beteiligung der Eltern - auch wenn die Eintreibung von "Zwangsspenden" verboten wurde und wohl insgesamt nachgelassen hat. Da pro Schule jedoch nur ein Etat von durchschnittlich 100 Millionen TL Sachkosten zur Verfügung steht, ist ein ordentlicher Betrieb des Unterrichts dann kaum aufrecht zu erhalten. Eine weitere Ebene im Privatisierungsprozeß sind die beständig steigenden Anforderungen in den nationalen Auswahlprüfungen. Sowohl beim Übergang von der Volksschule zur gymnasialen Oberstufe als auch beim Übergang von dort zur Universität müssen Prüfungen absolviert werden. Sie zu bestehen, hängt nicht nur von Fleiß und Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler ab - die Prüfungsbögen sind als Ankreuzfragebögen aufgebaut, die trainiert werden müssen. Dafür gibt es eigens Nachhilfeschulen, die sogenannten Dershane. Ohne Dershane keine hohe Punktzahl und damit auch nicht die Schule oder Universität der Wahl. Privatisierung greift natürlich nur dort, wo die Elternschaft oder das Schulumfeld in der Lage sind, Gelder zu mobilisieren. Angesichts der zunehmenden Einkommens- und Vermögensunterschiede fällt dies geographisch weit auseinander: Innerhalb der Städte und von West nach Ost. Hinzu kommt die geschlechtsspezifische Diskriminierung: Der Grund, ein Mädchen nicht in die Schule zu schicken, hat nicht unbedingt einen religiösen Hintergrund, sondern vielfach auch einen finanziellen - das Familienbudget reicht nicht für die Schulausstattung aller Kinder; also setzt man die Priorität auf die Söhne. Betrachtet man die statistischen Daten zur Kinderarbeit kann man zusätzlich erkennen, daß eine nicht unbeträchtliche Zahl von Familien weit davon entfernt ist, überhaupt Schulausgaben tätigen zu können - hier werden die Kinder als Mitverdiener gebraucht. Dies betrifft nicht nur bäuerliche Familien, sondern auch städtische - es gibt eine Reihe von Beschäftigungsfeldern, in denen vor allem Kinder arbeiten: die augenfälligsten sind die Schuhputzer und die Verkäufer von Kugelschreibern und Taschentüchern. Aber auch schwere Erwerbsarbeit in Kfz-Werkstätten, Lackierereien oder auch Bergwerken sind anzutreffen. Die Türkei ist dabei wiederholt seitens der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) für die Maßnahmen gegen Kinderarbeit gelobt worden. Es gibt eine gemeinsame Initiative von Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften gegen Kinderarbeit, in die auch staatliche Stellen einbezogen sind. Eine große Zahl von Projekten wurde ins Leben gerufen. Realistischer Weise gehen diese Initiativen jedoch nicht vordergründig die Kinderbeschäftigung an, sondern versuchen Arbeitsbedingungen zu verbessern und die Qualifizierung der Kinder zu gewährleisten - das hinter der Kinderarbeit stehende Armutsproblem läßt sich nicht verbieten. In diesem Umfeld sind die Spielräume für Bildungspolitik gering. Mit der Entscheidung zur Neustrukturierung der nationalen Auswahlprüfungen, bei der den Vornoten ein stärkeres Gewicht zukommt, wird versucht, dem reinen Auswendiglernen von Prüfungsfragen entgegenzuwirken. Außerdem soll die Zahl der Schulformen in der gymnasialen Oberstufe reduziert werden. Gleichzeitig werden Computer zunehmend in die Schulausstattungen aufgenommen, in einzelnen Provinzen werden Systeme entwickelt, Schulmanagement und Lehrerfortbildung via Internet zu verbessern. Zudem ist noch in diesem Jahr - nach der Gesetzesänderung vom 3. August - geplant, an privaten Bildungseinrichtungen Sprachkurse zuzulassen, in denen die in der Türkei jenseits des Türkischen gesprochenen Sprachen unterrichtet werden. Aber es ist absehbar - unabhängig davon wie die Wahlen am 3. November ausgehen werden - daß auch beim Beginn des nächsten Schuljahres sich am Problempanorama wenig geändert haben wird. |
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