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Jahrgang 2 Nr. 18 vom 5.05.03
 

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Erdbeben in Bingöl und die türkische Wirklichkeit

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag erschütterte ein Erdbeben mit der Stärke 6,4 auf der Richter-Skala die Provinz Bingöl. Bei dem Erdbeben kamen 162 Menschen ums Leben, 537 Menschen wurden verletzt. Bis Sonntag waren 17 Schüler im eingestürzten Wohnheim einer Schule noch nicht geborgen.

Die meisten Toten forderte der Einsturz eines Schulheims, wo allein mehr als 80 Tote geborgen wurden.

Das Erdbeben, wenn auch der Tag nicht feststand, kam nicht überraschend. Ohnehin ist Bingöl ein Erdbebengebiet und der Geologe Prof. Dr. Ahmed Ercan hatte bereits im Oktober eine Warnung herausgegeben, in der er auf die wachsende Spannung der Bruchspalten hinwies und dazu aufforderte, die Region unter eine ständige Kontrolle zu nehmen.

Bereits drei Jahre zuvor hatte eine Gebäudeerhebung des Staatlichen Statistikinstitutes ergeben, dass von den 17.209 gezählten Gebäuden 698 einer umfassenden Reparatur bedürften bzw. abgerissen werden müßten. Dem Direktor der Schule, zu der das eingestürzte Schulheim gehörte, hatte seine Besorgnis bereits zuvor dem Schulamt mitgeteilt. Es sei auch eine Kontrollkommission gekommen, die Ergebnisse der Untersuchungen seien ihm jedoch nicht mitgeteilt worden. Erste Schadensbilanzen weisen daraufhin, dass es wieder vor allem öffentliche Gebäude sind, die besonders schwere Schäden aufweisen. Erneut wird über schwerwiegende Mängel bei der Bauausführung berichtet.

Gleichzeitig wird gemeldet, dass nur eine geringe Zahl der Gebäude bei der seit drei Jahren eingeführte staatliche Pflichtversicherung versichert waren.

Wäre das Erdbeben an einem anderen Ort in der Türkei aufgetreten, so sähe die Bilanz wahrscheinlich nicht anders aus. Nach wie vor ist der Versicherungsgrad der Gebäude gering. Weil ganze Siedlungen illegal auf Staatsland errichtet wurden, hat man sich auch die Einholung einer Baugenehmigung gespart. Selbst wo diese Genehmigungen vorlagen, war, zumindest bis zu den beiden großen Mamara Erdbeben 1999, die Bauaufsicht so lückenhaft, dass nicht gewährleistet ist, dass die Gebäude nach den eingereichteten Plänen errichtet wurden. Inwieweit die seitdem gesetzlich vorgesehenen zusätzlichen Kontrollstrukturen, die durch Privatfirmen abgedeckt werden, tatsächlich greifen, wird sich erst noch erweisen müssen.

Bingöl gehört zu den armen Provinzen der Türkei. Die Provinz erhält mehr Mittel aus dem Staatshaushalt, als sie an Steuern abführt. Die Haushaltseinkommen liegen unter dem türkischen Durchschnitt. Es verwundert darum nicht, dass hier der Anteil versicherter Gebäude gering bleibt oder dass die nötigen Instandsetzungsarbeiten beschädigter Gebäude nicht rechtzeitig durchgeführt wurden.

Und es ist wohl auch eine Tatsache, dass alle Aktivitäten der Architekten- und Ingenieurkammern bisher nichts daran geändert haben, dass Bauplanung und -kontrollen zu einer Selbstverständlichkeit geworden wären. Dies zeigt sich nicht nur bei Erdbeben, sondern auch bei den Überschwemmungen und Erdrutschen, die in den Wintermonaten immer wieder für große Schäden sorgen.

Ob die Siedlungszentren der Türkei heute besser auf ein schweres Erdbeben vorbereitet sind, als 1999 ist ungewiß. Im vergangenen Jahr wies die Archtiketenkammer Istanbul erneut darauf hin, dass sich der Staat vor allem auf die Entwicklung von Katastrophenschutzmaßnahmen nach einem Beben konzentriert habe. Die Untersuchung und Verstärkung von Brücken und öffentlichen Gebäuden sei vernachlässigt worden. Selbst intensive Recherche erbringt in den meisten Fällen keinen Aufschluß über den Zustand von Wohngebäuden - dementsprechend schwierig ist es festzustellen, ob das eigene Wohnhaus gefährdet ist oder nicht. Die Erdbebenforscher warnen aber, dass mit dem Beben von Bingöl entlang der gesammten nordanatolischen Bruchspalte neue Aktivitäten ausgelöst werden könnten - das bedeutet vom Marmara Meer bis Erzincan.

 

 

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Last modified: 28.12.2003