Der Spaßvogel und Menschenkenner
Nasreddin Hodscha
Halil Güvenis
Als Kind mochte ich Nasreddin Hodscha sehr. Seine Streiche, seine Anekdoten
waren meine Lieblingslektüre in der Türkei. "Nasreddin
Hodscha beim Kochkesselleihen", "Nasreddein Hodscha verwandelt
den See von Akschehir in Yoghurt" - was für eine Freude, was
für ein Glück, diese Geschichten immer wieder zu lesen und zum
hundertsten Mal erzählt zu bekommen!
Nur die Anekdoten mit seinem Sohn mochte ich nicht so gern - aus verständlichen
Gründen: Hodschas Sohn tat nämlich immer das Gegenteil von dem,
was seine Eltern von ihm verlangten. Und das veranlaßte meine Eltern,
mich mit den Worten zurechtzuweisen: "Sei nicht Hodschas Sohn!"
- Das tat weh! Ich war diesem Vergleich nicht gewachsen. Ich nahm es Hodscha
übel, daß er meinen Eltern eine so gewaltige Waffe in die Hand
gegeben hatte.
Aber was soll's? So wie mir ging es damals den meisten Kindern in der
Türkei. Nasreddin Hodscha war einfach genial. Er hatte für jede
Situation eine passende Anekdote parat - für die Kinder eine, für
die Eltern eine andere. Manchmal spielte er den Spaßvogel, ein andermal
den Menschenkenner - nicht selten beide zugleich. Uns Kindern gefiel er
am besten, wenn er mit seinem mächtigen Bart und überproportionalen
Turban verkehrt 'rum auf seinem Esel saß und uns mit seinen unsterblichen
Witzen in helle Freude versetzte. Daß er ab und zu mal auch das
Pferd der Weisheit ritt und mit Erwachsenen gegen uns Pläne schmiedete,
das wollten wir ihm gern verzeihen.
Ungewisse Lebensdaten
Wer war eigentlich Nasreddin Hodscha? Wann und wo hat er gelebt? Wie
konnte er so spaßig, so weise sein?
Eine erste Antwort auf diese Fragen bekommen wir in seinen Anekdoten:
Nasreddin Hodscha wurde als Sohn armer Eltern im mittelanatolischen Dorf
Horto geboren. Er studierte an der Medrese von Konia und übersiedelte
anschließend nach Akschehir. Hier lebte er bis zu seinem Tode als
Imam, Hochschullehrer und Kadi.
Seine Lebensdaten sind jedoch stark umstritten. Einige Quellenforscher
meinen, daß Nasreddin Hodscha weiter nördlich von Akschehir,
in Kayseri, gelebt hat. Für andere Autoren steht nicht einmal fest,
ob er überhaupt gelebt hat. Sie behaupten, daß Hodscha mit
arabischen und persischen Witzemachern verwechselt wird.
Historische Schriften erwähnen Nasreddin Hodscha zum ersten Mal
im 16. Jahrhundert. Nach seinem Grabstein in Akschehir zu urteilen, muß
er in der Zeit des mongolischen Eroberers Tamerlan, also im 15. Jahrhundert,
gelebt haben. Neuere Befunde sprechen jedoch dagegen. Man muß eher
vom 13. Jahrhundert ausgehen.
Auch die Bürger von Akschehir kommen nach einer interessanten Rechnung
zu diesem Ergebnis: sie weisen darauf hin, daß Nasreddin Hodscha
ein Mensch war, der alles durch sein Gegenteil auszudrücken pflegte
- selbstverständlich auch sein Todesdatum. Wenn man die Zahl auf
seinem Grabstein von hinten nach vorne liest, dann kommt man tatsächlich
auf das 13. Jahrhundert.
Unabhängig von diesen Unstimmigkeiten in seinen Lebensdaten muß
man aber feststellen, daß ein einzelner Mensch unmöglich so
viele Streiche gespielt, unmöglich so viele Anekdoten erlebt haben
kann. Der Verdacht kommt auf, daß sein Anekdotenrepertoire unzulässig
aufgebauscht wurde. Da im einzelnen der Urheber nicht zu ermitteln ist,
passiert es oft, daß eine Anekdote einfach Nasreddin Hodscha zugeschrieben
wird. Nicht selten setzt man eine neue Anekdote in die Welt, um einer
stehenden Redewendung einen geschichtlichen Hintergrund zu geben. Man
muß aber auch davon ausgehen, daß im Laufe der Geschichte
einfach viel hinzugedichtet wurde, um eigene Hoffnungen und Wünsche
realisiert zu sehen.
So gesehen erscheint Nasreddin Hodscha als keine konkrete Gestalt der
Geschichte. Generationen von Menschen mußten an ihm arbeiten, um
sein heutiges Bild hervorzubringen. Müßig ist, an diesem Bild
das Wahre von Unwahrem trennen zu wollen. Nasreddin Hodscha ist erst durch
den geschichtlichen Beitrag nach seinem Tode zu dem geworden, was er heute
ist: das aufgehäufte, humoristische Potential der Menschen in der
Türkei und im Nahen und Mittleren Osten.
Nasreddin Hodscha kann von seinem Wirkungsraum her nur mit Alexander
dem Großen verglichen werden, der ein Menschenleben brauchte, um
von Indien bis zum Balkan alle Länder unter seine Herrschaft zu bringen.
Er geriet jedoch nach seinem Tode in Vergessenheit. Nasreddin Hodscha
hingegen eroberte die Region erst nach seinem Tode und thront heute noch
in diesem Teil der Welt in den Herzen der Menschen.
Nasreddin Hodscha wird in Akschehir wie ein Heiliger verehrt. Sein nach
vier Seiten hin offenes Grab mit einem Riesenschloß an der Tür
ist heute ein Wallfahrtsort, der bei feierlichen Anlässen aufgesucht
werden muß: "Wer das nicht tut, der wird vom Unglück heimgesucht",
sagen die Leute in Akschehir. Noch schlimmer ist es aber, das Grab von
Hodscha aufzusuchen und beim Anblick dieses paradoxen Grabes nicht zu
lachen. "So ein Mensch wird zeit seines Lebens nicht glücklich
werden", prohezeien seine Verehrer in Akschehir.
Hintergründe seines Humors
Nasreddin Hodscha wird in seinen Anekdoten als ein Mensch beschrieben,
der ständig in Geldsorgen lebt. Nachts träumt er vom großen
"Los"; tagsüber schämt er sich, daß die Einbrecher
bei ihm zu Hause nichts finden werden, was mitzunehmen wert wäre.
Neben dem Geld macht ihm seine Frau große Sorgen. Sie redet ununtebrochen,
so daß er immer wieder das Weite suchen muß. Noch im Sterbebett
hofft er, daß sich der Todesengel vielleicht irren und sie mitnehmen
würde.
Die nächstgroße Sorge von Hodscha gilt seinem Esel, seinem
einzig nennenswerten Besitz. Er will das Grautier ans Hungern gewöhnen.
Als aber dieser nicht mitmacht und einfach abstirbt, stellt Hodscha lakonisch
fest: "Beinahe hättest du es geschafft. Leider bist du dabei
gestorben".
Man sieht, Hodscha hat viele Sorgen. Mal ist es seine Frau, die ihm Kummer
bereitet, mal sein Esel, der seinen Träumen nicht entspricht. Mit
jeder Sorge brechen aber bei ihm Witz und Humor hervor. Dort, wo seine
Sorgen zu Hause sind, dort ist auch sein Humor angesiedelt. Er läßt
buchstäblich keine Gelegenheit aus, einen lustigen Streich zu spielen
oder irgendeine menschliche Schwäche aufs Korn zu nehmen. Er macht
dabei vor niemandem und vor nichts halt. Auch nicht vor Tamerlan, der
mit seinen mongolischen Riterarmeen Anatolien überfiel und zum Teil
dem Erdboden gleichmachte.
Als er eines Tages Hodscha fragte, wieviel er in seinen Augen wert sei,
da antwortete dieser: "40 Piaster". "Aber Hodscha",
erwiderte Temerlan, "nur mein Gewand ist 40 Piaster wert". Da
hatte Hodscha keine Scheu, zu bemerken: "Gemeint war dein Gewand.
Du selber bist keinen Piaster wert".
Tamerlan mußte sich geschlagen geben und vor Hodschas Witz kapitulieren.
Eine Bestrafung kam nicht in Frage, weil er, wie fast alle grausamen Herrscher,
nicht als witz- und humorloser Mensch in die Geschichte eingehen wollte.
Tamerlan war aber nicht der einzige Despot, vor dem Hodschas Witz nicht
haltmachte. Auch der größte Despot aller Zeiten, das menschliche
Ego, mußte vor Hodschas Witz kapitulieren. Seine stärksten
Parabeln nehmen gerade diesen Gegner letzter Instanz aufs Korn und zeugen
von tiefer Menschenkenntnis.
Als eines Tages zwei Nachbarn zu Hodscha kamen und ihn in ihrem Streitfall
um Hilfe baten, hörte er ihnen aufmerksam zu und sagte dann, daß
sie beide recht haben. Das verstand aber seine Frau nicht und meinte,
daß zwei Leute nicht gleichzeitig recht haben können. Auf diesen
Einwand hin antwortete Hodscha: "Du hast auch recht, Frau".
Nun werden sich aber sicher die Leser fragen, wie das möglich sei.
Wie können drei Leute in einem Streitfall gleichzeitig recht haben?
Hodscha würde da antworten: "Auch du hast recht, Leser!"
- Ob man Hodscha glauben will oder nicht: Es ist möglich, daß
drei Leute gleichzeitig recht haben können
Nasreddin Hodschas Anekdoten sind zwar auf anatolischem Boden entstanden,
berühren jedoch derart zeitlose menschliche Probleme, daß sie
einen von Ort und Zeit unabhängigen universellen Charakter gewinnen.
Darin liegt Hodschas Beliebtheit begründet. Nur so läßt
sich erklären, warum er unabhängig von nationalen und schichtenspezifischen
Grenzen alle Menschen ansprechen konnte und immer noch kann
Ich muß gestehen, daß mir Nasreddin Hodscha als Kind Rätsel
aufgegeben hat und als Erwachsener immer noch mysteriös erscheint.
Dennoch habe ich bei ihm etwas sehr Wichtiges gelernt: Nasreddin Hodscha
mahnt uns - gleichgültig, was kommen mag - stets an Humor.
Ein Gedicht
Das nun folgende Nasreddin Hodscha-Gedicht habe ich auf Türkisch
geschrieben und anschließend ins Deutsche übersetzt.
Nasreddin Hoca
I
Topsakalý,
Koca kavuðu ile
Eþþeðe tersten binmiþ,
Hababam seðirtiyor
Nasreddin Hoca.
Padiþahlara,
Hükümdarlara inat
Mizah tahtýna çýkmýþ,
Hababam güldürüyor
Nasreddin Hoca.
II
Orasý Konya ise, burasý Akþehir!
Bize Mevlana dergahý ne gerek,
Nasreddin'in mezarýna gel gülerek.
III
Gelsene, dedi.
Gülsene, dedi.
Kalsana, dedi.
Geldim,
Güldüm,
Kaldým.
Nasreddin Hodscha
1
Mit Vollbart
Und mächtigem Turban;
Verkehrt 'rum auf seinem Esel sitzend
Huscht Nasreddin Hodscha
Über alle Berge.
Dem Sultan und
Allen Herrschern zum Trotz;
Auf dem Thron des Humors sitzend
Bringt Nasreddin Hodscha
Alle Menschen zum Lachen.
2
Wenn dort Konia ist, dann ist hier Akschehir!
Wozu brauchen wir das Kloster von Mevlana.
Komm doch und lach über Nasreddins Grab.
3
Er sagte: Komm doch.
Er sagte: Lach doch.
Er sagte: Bleib doch.
Ich kam,
Ich lachte,
Ich blieb.
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