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Jahrgang 2 Nr. 18 vom 5.05.2003
 

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Der Spaßvogel und Menschenkenner
Nasreddin Hodscha

Halil Güvenis

Als Kind mochte ich Nasreddin Hodscha sehr. Seine Streiche, seine Anekdoten waren meine Lieblingslektüre in der Türkei. "Nasreddin Hodscha beim Kochkesselleihen", "Nasreddein Hodscha verwandelt den See von Akschehir in Yoghurt" - was für eine Freude, was für ein Glück, diese Geschichten immer wieder zu lesen und zum hundertsten Mal erzählt zu bekommen!

Nur die Anekdoten mit seinem Sohn mochte ich nicht so gern - aus verständlichen Gründen: Hodschas Sohn tat nämlich immer das Gegenteil von dem, was seine Eltern von ihm verlangten. Und das veranlaßte meine Eltern, mich mit den Worten zurechtzuweisen: "Sei nicht Hodschas Sohn!" - Das tat weh! Ich war diesem Vergleich nicht gewachsen. Ich nahm es Hodscha übel, daß er meinen Eltern eine so gewaltige Waffe in die Hand gegeben hatte.

Aber was soll's? So wie mir ging es damals den meisten Kindern in der Türkei. Nasreddin Hodscha war einfach genial. Er hatte für jede Situation eine passende Anekdote parat - für die Kinder eine, für die Eltern eine andere. Manchmal spielte er den Spaßvogel, ein andermal den Menschenkenner - nicht selten beide zugleich. Uns Kindern gefiel er am besten, wenn er mit seinem mächtigen Bart und überproportionalen Turban verkehrt 'rum auf seinem Esel saß und uns mit seinen unsterblichen Witzen in helle Freude versetzte. Daß er ab und zu mal auch das Pferd der Weisheit ritt und mit Erwachsenen gegen uns Pläne schmiedete, das wollten wir ihm gern verzeihen.

Ungewisse Lebensdaten

Wer war eigentlich Nasreddin Hodscha? Wann und wo hat er gelebt? Wie konnte er so spaßig, so weise sein?

Eine erste Antwort auf diese Fragen bekommen wir in seinen Anekdoten: Nasreddin Hodscha wurde als Sohn armer Eltern im mittelanatolischen Dorf Horto geboren. Er studierte an der Medrese von Konia und übersiedelte anschließend nach Akschehir. Hier lebte er bis zu seinem Tode als Imam, Hochschullehrer und Kadi.

Seine Lebensdaten sind jedoch stark umstritten. Einige Quellenforscher meinen, daß Nasreddin Hodscha weiter nördlich von Akschehir, in Kayseri, gelebt hat. Für andere Autoren steht nicht einmal fest, ob er überhaupt gelebt hat. Sie behaupten, daß Hodscha mit arabischen und persischen Witzemachern verwechselt wird.

Historische Schriften erwähnen Nasreddin Hodscha zum ersten Mal im 16. Jahrhundert. Nach seinem Grabstein in Akschehir zu urteilen, muß er in der Zeit des mongolischen Eroberers Tamerlan, also im 15. Jahrhundert, gelebt haben. Neuere Befunde sprechen jedoch dagegen. Man muß eher vom 13. Jahrhundert ausgehen.

Auch die Bürger von Akschehir kommen nach einer interessanten Rechnung zu diesem Ergebnis: sie weisen darauf hin, daß Nasreddin Hodscha ein Mensch war, der alles durch sein Gegenteil auszudrücken pflegte - selbstverständlich auch sein Todesdatum. Wenn man die Zahl auf seinem Grabstein von hinten nach vorne liest, dann kommt man tatsächlich auf das 13. Jahrhundert.

Unabhängig von diesen Unstimmigkeiten in seinen Lebensdaten muß man aber feststellen, daß ein einzelner Mensch unmöglich so viele Streiche gespielt, unmöglich so viele Anekdoten erlebt haben kann. Der Verdacht kommt auf, daß sein Anekdotenrepertoire unzulässig aufgebauscht wurde. Da im einzelnen der Urheber nicht zu ermitteln ist, passiert es oft, daß eine Anekdote einfach Nasreddin Hodscha zugeschrieben wird. Nicht selten setzt man eine neue Anekdote in die Welt, um einer stehenden Redewendung einen geschichtlichen Hintergrund zu geben. Man muß aber auch davon ausgehen, daß im Laufe der Geschichte einfach viel hinzugedichtet wurde, um eigene Hoffnungen und Wünsche realisiert zu sehen.

So gesehen erscheint Nasreddin Hodscha als keine konkrete Gestalt der Geschichte. Generationen von Menschen mußten an ihm arbeiten, um sein heutiges Bild hervorzubringen. Müßig ist, an diesem Bild das Wahre von Unwahrem trennen zu wollen. Nasreddin Hodscha ist erst durch den geschichtlichen Beitrag nach seinem Tode zu dem geworden, was er heute ist: das aufgehäufte, humoristische Potential der Menschen in der Türkei und im Nahen und Mittleren Osten.

Nasreddin Hodscha kann von seinem Wirkungsraum her nur mit Alexander dem Großen verglichen werden, der ein Menschenleben brauchte, um von Indien bis zum Balkan alle Länder unter seine Herrschaft zu bringen. Er geriet jedoch nach seinem Tode in Vergessenheit. Nasreddin Hodscha hingegen eroberte die Region erst nach seinem Tode und thront heute noch in diesem Teil der Welt in den Herzen der Menschen.

Nasreddin Hodscha wird in Akschehir wie ein Heiliger verehrt. Sein nach vier Seiten hin offenes Grab mit einem Riesenschloß an der Tür ist heute ein Wallfahrtsort, der bei feierlichen Anlässen aufgesucht werden muß: "Wer das nicht tut, der wird vom Unglück heimgesucht", sagen die Leute in Akschehir. Noch schlimmer ist es aber, das Grab von Hodscha aufzusuchen und beim Anblick dieses paradoxen Grabes nicht zu lachen. "So ein Mensch wird zeit seines Lebens nicht glücklich werden", prohezeien seine Verehrer in Akschehir.

Hintergründe seines Humors

Nasreddin Hodscha wird in seinen Anekdoten als ein Mensch beschrieben, der ständig in Geldsorgen lebt. Nachts träumt er vom großen "Los"; tagsüber schämt er sich, daß die Einbrecher bei ihm zu Hause nichts finden werden, was mitzunehmen wert wäre.
Neben dem Geld macht ihm seine Frau große Sorgen. Sie redet ununtebrochen, so daß er immer wieder das Weite suchen muß. Noch im Sterbebett hofft er, daß sich der Todesengel vielleicht irren und sie mitnehmen würde.

Die nächstgroße Sorge von Hodscha gilt seinem Esel, seinem einzig nennenswerten Besitz. Er will das Grautier ans Hungern gewöhnen. Als aber dieser nicht mitmacht und einfach abstirbt, stellt Hodscha lakonisch fest: "Beinahe hättest du es geschafft. Leider bist du dabei gestorben".
Man sieht, Hodscha hat viele Sorgen. Mal ist es seine Frau, die ihm Kummer bereitet, mal sein Esel, der seinen Träumen nicht entspricht. Mit jeder Sorge brechen aber bei ihm Witz und Humor hervor. Dort, wo seine Sorgen zu Hause sind, dort ist auch sein Humor angesiedelt. Er läßt buchstäblich keine Gelegenheit aus, einen lustigen Streich zu spielen oder irgendeine menschliche Schwäche aufs Korn zu nehmen. Er macht dabei vor niemandem und vor nichts halt. Auch nicht vor Tamerlan, der mit seinen mongolischen Riterarmeen Anatolien überfiel und zum Teil dem Erdboden gleichmachte.

Als er eines Tages Hodscha fragte, wieviel er in seinen Augen wert sei, da antwortete dieser: "40 Piaster". "Aber Hodscha", erwiderte Temerlan, "nur mein Gewand ist 40 Piaster wert". Da hatte Hodscha keine Scheu, zu bemerken: "Gemeint war dein Gewand. Du selber bist keinen Piaster wert".

Tamerlan mußte sich geschlagen geben und vor Hodschas Witz kapitulieren. Eine Bestrafung kam nicht in Frage, weil er, wie fast alle grausamen Herrscher, nicht als witz- und humorloser Mensch in die Geschichte eingehen wollte.

Tamerlan war aber nicht der einzige Despot, vor dem Hodschas Witz nicht haltmachte. Auch der größte Despot aller Zeiten, das menschliche Ego, mußte vor Hodschas Witz kapitulieren. Seine stärksten Parabeln nehmen gerade diesen Gegner letzter Instanz aufs Korn und zeugen von tiefer Menschenkenntnis.

Als eines Tages zwei Nachbarn zu Hodscha kamen und ihn in ihrem Streitfall um Hilfe baten, hörte er ihnen aufmerksam zu und sagte dann, daß sie beide recht haben. Das verstand aber seine Frau nicht und meinte, daß zwei Leute nicht gleichzeitig recht haben können. Auf diesen Einwand hin antwortete Hodscha: "Du hast auch recht, Frau".
Nun werden sich aber sicher die Leser fragen, wie das möglich sei. Wie können drei Leute in einem Streitfall gleichzeitig recht haben? Hodscha würde da antworten: "Auch du hast recht, Leser!" - Ob man Hodscha glauben will oder nicht: Es ist möglich, daß drei Leute gleichzeitig recht haben können…

Nasreddin Hodschas Anekdoten sind zwar auf anatolischem Boden entstanden, berühren jedoch derart zeitlose menschliche Probleme, daß sie einen von Ort und Zeit unabhängigen universellen Charakter gewinnen. Darin liegt Hodschas Beliebtheit begründet. Nur so läßt sich erklären, warum er unabhängig von nationalen und schichtenspezifischen Grenzen alle Menschen ansprechen konnte und immer noch kann…

Ich muß gestehen, daß mir Nasreddin Hodscha als Kind Rätsel aufgegeben hat und als Erwachsener immer noch mysteriös erscheint. Dennoch habe ich bei ihm etwas sehr Wichtiges gelernt: Nasreddin Hodscha mahnt uns - gleichgültig, was kommen mag - stets an Humor.

Ein Gedicht

Das nun folgende Nasreddin Hodscha-Gedicht habe ich auf Türkisch geschrieben und anschließend ins Deutsche übersetzt.

Nasreddin Hoca

I

Topsakalý,
Koca kavuðu ile
Eþþeðe tersten binmiþ,
Hababam seðirtiyor
Nasreddin Hoca.

Padiþahlara,
Hükümdarlara inat
Mizah tahtýna çýkmýþ,
Hababam güldürüyor
Nasreddin Hoca.

II

Orasý Konya ise, burasý Akþehir!
Bize Mevlana dergahý ne gerek,
Nasreddin'in mezarýna gel gülerek.

III

Gelsene, dedi.
Gülsene, dedi.
Kalsana, dedi.

Geldim,
Güldüm,
Kaldým.

Nasreddin Hodscha

1

Mit Vollbart
Und mächtigem Turban;
Verkehrt 'rum auf seinem Esel sitzend
Huscht Nasreddin Hodscha
Über alle Berge.

Dem Sultan und
Allen Herrschern zum Trotz;
Auf dem Thron des Humors sitzend
Bringt Nasreddin Hodscha
Alle Menschen zum Lachen.

2

Wenn dort Konia ist, dann ist hier Akschehir!
Wozu brauchen wir das Kloster von Mevlana.
Komm doch und lach über Nasreddins Grab.

3

Er sagte: Komm doch.
Er sagte: Lach doch.
Er sagte: Bleib doch.

Ich kam,
Ich lachte,
Ich blieb.

 

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Last modified: 28.12.2003