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Jahrgang 2 Nr. 18 vom 5.05.2003
 

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Meine Familie

von Ali Sirin

Mutterliebe konnte für kleine Lausebuben erdrückend wirken. Die Fürsorglichkeit meiner Mutter brachte mir den Ruf eines Muttersöhnchens ein. Mein Vater wiederum wollte aus mir einen richtigen Mann machen, was auch immer darunter zu verstehen war.

Meine Geschwister waren meine Konkurrenten. Wir alle wetteiferten um die Zuneigung, die Geborgenheit und die Aufmerksamkeit unserer Eltern. Dies führte zu Geschwister-Streitereien, wir verfluchten uns gegenseitig und warfen mit Beschimpfungen um uns. Aber trotzdem waren wir (und sind es immer noch) ein Herz und eine Seele, wenn einer von uns mit Problemen konfrontiert wurde.

Tränen flossen über unsere Wangen, als unsere älteste Schwester heiraten musste. Würde unser zukünftiger Schwager sie auch gut behandeln? Wir schworen damals, ihr zur Seite zu stehen, falls ihre Ehe nicht vom Glück gesegnet sein sollte. Doch zum Glück entpuppte sich unser Schwager als ein Prinz ohne patriarchalische Allüren.

Gelüstete es uns nach Schokolade, schlichen wir uns ins Schlafzimmer, wo Mutter das kostbare Gut versteckt hielt. Einer hielt immer Wache, alles war gut geplant und überlegt. Natürlich gab es auch Pannen, dann erlebten wir den Zorn unserer Mutter. Bei unserem Vater fanden wir Schutz und Asyl. Grinsend versuchte dieser unsere Mutter zu beruhigen. Andererseits bewahrte uns auch Mutter oft genug vor Vaters Wutanfällen.

Wahre Genialität entwickelten wir darin, unsere Eltern gegeneinander auszuspielen. Unter uns Geschwistern bildeten wir stets neue Koalitionen, die aber nicht lange von Bestand waren.

Wir waren wahrlich keine Engel. Kronleuchter wurden aus der Decke herausgerissen, Betten hielten unseren Sprungübungen nicht stand und Fensterscheiben gingen zu Bruch. Uns ereilte der Ruf voraus, des Teufels Dämonen zu sein. Ach, ich vergass zu erwähnen, Fernseher blieben bei uns zu Haus ebenfalls nicht verschont.

Ja, wir brachten unsere Eltern und die halbe Verwandtschaft zur Verzweiflung. Keine Strafen oder Drohungen konnten uns vor unseren Vorhaben abhalten. Wir fühlten uns wie richtige Rebellen.

Manchmal mussten wir ins Exil, meistens im Sommer und die Reise führte uns in die Türkei. Alles war etwas anders, keiner sprach Deutsch, eher unsere Familiensprache, die türkische Sprache nämlich.

Wir liebten unsere Großeltern sehr, denn sie verwöhnten uns und ließen alles durchgehen, sehr zum Missfallen unserer Eltern. Sie gaben uns das Gefühl, nicht fremd sondern Teil einer großen Dorfclique zu sein.

Statt Schokolade bekamen wir von Großmutter lediglich Dorfkäse zum Naschen. Wir gaben uns bescheiden und akzeptierten die Bestechung.. Wir hielten uns ruhig, unseren Großeltern zuliebe, aber auch deswegen, um die neue Umgebung wahrzunehmen. Wir mussten ja austesten, wie weit wir gehen konnten.

So lernten wir von frühester Kindheit an zwei Welten kennen und versuchten für uns das Beste heraus zu picken. Unseren Eltern verdanken wir eine humanistische Erziehung und dafür liebe ich sie.

 

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Last modified: 28.12.2003