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Jahrgang 3 Nr. 12 vom 22.03.2004
 

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Kulturelle Werte kann man allenfalls spüren

von Perihan Ügeöz

Welche sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Grundwerte der türkischen Kultur? Wann immer ich türkische Studenten diese Frage stelle, erhalte ich zuerst die Beispiele mit "Familie" und "Hierarchie" als Antworten. Diese Antworten drücken gleichzeitig einen Versuch aus, ein vorhandenes Gefühl von Andersartigkeit in der Beschaffenheit von Familie und Hierarchie zu umreißen. Nun gehen die genannten Beispiele zwar in die richtige Richtung, aber sie sind dennoch nicht ganz zutreffend. Denn sowohl die Familie als auch die Hierarchie sind soziale Phänomene, die auch außerhalb der Grenzen der Türkei weit verbreitet sind.

Zugegeben, Werte lassen sich in keiner Kultur einfach und mühelos benennen. Das hängt schlicht damit zusammen, daß man Werte nicht sehen, nicht halten, nicht hören, nicht riechen kann. Man kann sie allenfalls spüren. Das gilt auch für die genannten Beispiele. So sind es denn nicht Familie und Hierarchie an sich, sondern spezifische Formen des Umgangs innerhalb von Familie und hierarchischer Strukturen, die gespürt werden. Sie bringen das Gefühl hervor, daß hier etwas anders läuft als andernorts.

Die türkische Kultur hat einen Hang zum Kollektivismus. Am Beispiel vieler türkischer Familien drückt sich dieser Hang vor allem an Werten wie Hörigkeit gegenüber den Älteren innerhalb der Familie, Verbundenheit mit den Familienmitgliedern, Gastfreundschaft sowie Traditionalismus aus. Die Familie ist das Kollektiv. Um den Preis lebenslanger Loyalität sowohl gegenüber den Familienangehörigen als auch jedoch gegenüber allen Sitten und Gebräuchen, zu denen sich die Familie bekennt, gewährt sie umgekehrt lebenslangen Schutz und Geborgenheit. Den Namen oder die sogenannte Ehre der Familie in Verruf zu bringen, bedeutet vielfach eine große Sünde bzw. Schande, unter der nicht nur ein einzelnes Mitglied, sondern das Kollektiv, in diesem Fall die ganze Familie zu leiden hat.

Ein weiterer Hang, den die türkische Kultur zeigt, ist eine relativ hohe Bereitschaft, ungleiche Machtverteilung innerhalb der Gesellschaft zu akzeptieren. Bezogen auf die Umgangsweise mit Hierarchie können vor allem Werte wie z.B. Respekt gegenüber Autorität und Gehorsam genannt werden. Damit hängt es auch zusammen, daß viele Türken oft große Mühe haben, gegenüber Vorgesetzten oder Menschen, die einen höheren sozialen Status besitzen als sie, das Wort "nein" auszusprechen. Wenn sie "ja" sagen, ist aber nicht unbedingt anzunehmen, daß sie tatsächlich "ja" meinen. In Unkenntnis der kulturellen Bezüge, kann diese Haltung leicht als Zeichen von Unseriosität oder gar Falschheit der betreffenden Person ausgelegt werden.

Das spannende an kulturellen Werten, die menschliches Handeln fast unbewußt lenken, ist nicht nur ihre Unsichtbarkeit. Spannend an ihnen ist auch, daß sie in unterschiedlichen sozialen Handlungskontexten innerhalb ein und derselben Kultur sehr unterschiedlich, zuweilen sogar recht widersprüchlich sein können. Das trifft übrigens nicht nur auf die türkische Kultur zu. Da aber augenblicklich die türkische Kultur Gegenstand ist, sei daraus ein kleines Beispiel etwa aus dem öffentlichen Raum genannt. Die Werte, die dort überwiegend auf das menschliche Handeln wirken, haben mit jenen innerhalb der Familie vielfach wenig gemeinsam. Während in den meisten Familien Hörigkeit und Verbundenheit dominieren, sind hier Werte wie Regellosigkeit, Gleichgültigkeit sowie zuweilen Aggressivität spürbar.

An der Widersprüchlichkeit von kulturellen Werten ist ebenfalls interessant, daß diese uns kaum bewußt ist solange wir unseren Alltag mit Menschen aus dem selben gesellschaftlichen Umfeld teilen. Interkulturelle Kommunikationserlebnisse können dabei ein Vehicle sein, insofern als sie zu einem Aha-Erlebnis um der Widersprüchlichkeit und damit auch der Relativität von kulturellen Werten beitragen können.

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Last modified: 28.12.2003