Jahrgang 3 Nr. 13 vom 29.03.2004
 

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Normal ist relativ

von Perihan Ügeöz

"Der türkische Außenminister Abdullah Gül sieht aus wie ein Bär." Das sagte vor kurzem ein deutscher Freund, der seit einiger Zeit in der Türkei lebt und inzwischen recht gut mit der türkischen Sprache umgehen kann. Sobald ich diese Bemerkung hörte, warnte ich ihn vor einem solchen Vergleich, da man sich damit viel Ärger einhandeln kann. Daraufhin zeigte sich mein deutscher Freund ziemlich irritiert. Was hat er denn getan? Eigentlich nichts und doch eine Menge. Der Bär ist nun einmal nicht allerorten derselbe Bär. Vollkommen unabhängig von der Sorte oder Gattung steht der Bär im Türkischen als Zeichen für Grobheit, Manierlosigkeit usw. Auf jeden Fall macht man damit weder Komplimente noch Zärtlichkeitsbeteuerungen. Im Gegenteil! Will man einen Menschen beleidigen, sagt man "ayý", sprich Bär. Daraufhin kann man sich dann auf einige deftige Gegenreaktion gefaßt machen. Im deutschen hingegen mag sich so mancher wohlig und geschmeichelt fühlen, wenn er mit einem Bären verglichen wird.

Wahrscheinlich haben die wenigsten Türken oder Deutschen in ihrem eigenen Leben jemals selber eine persönliche Bekanntschaft mit einem echten Bären gemacht. Beim Vergleich mit diesem Geschöpf reagieren dennoch beide, aber eben in sehr unterschiedlicher Weise. Diese Reaktionen wiederum sind kaum oder vielleicht nur selten Ausdruck von persönlichen Erfahrungen der jeweiligen Individuuen, sondern vielmehr die Folge kulturell unterschiedlicher Konditionierungen. Natürlich sind es nicht die Dinge oder Phänomene an sich, die unterschiedliche Reaktionen oder Herangehensweisen hervorbringen. Es sind vielmehr die Bedeutungen und Konnotationen, die in diese hineinprojiziert werden. Diese Projektionen wiederum können von Kultur zu Kultur recht unterschiedlich sein.

Ob es sich um den Bären handelt oder zahlreiche andere Beispiele, demnach können viele Dinge, die man in der einen Kultur als normal und selbstverständlich zu sehen und deuten lernt, in einer anderen Kultur vollkommen andere Bedeutungen haben, unterschiedliche Assoziationen hervorrufen oder ganz und gar unbedeutend sein. Genau darin liegt meines Erachtens die Faszination, die mit dem Thema Kultur und interkulturelle Kommunikation verbunden ist.

Damit interkulturelle Kommunikationserlebnisse tatsächlich dazu beitragen können, daß man anfängt Dinge, die man als normal und selbstverständlich zu deuten gelernt hat, mit Humor und Gelassenheit zu hinterfragen, muß jedoch zuerst eine Sensibilisierung über den Zusammenhang zwischen Kultur und menschlichem Handeln erfolgen. Das ist eine Grundvoraussetzung. Wie kommt man als Türke dazu, zum Beispiel den Vergleich mit einem Bären als Beleidigung aufzufassen, obwohl man selber nie die Bekanntschaft eines Bären gemacht hat? Warum bestehen meine türkischen Studenten darauf, mich nur mit "Hocam", meine Lehrerin, anzusprechen, obwohl ich ihnen mehrfach meinen Namen sage und sogar laut anbiete? Warum stehen Türken abrupt auf und rücken ihr Aussehen zurecht, sobald ein Vorgesetzter das Zimmer betritt? Oder viele Türken stehen auf dem Standpunkt, daß die Türken im Unterschied zu Deutschen oder Engländern warmherziger (im Türkischen sagt man warmblütiger) sind. Wenn ich sie daraufhin frage, um wieviele Temperaturgrade es sich bei diesem Unterschied konkret handelt, wissen sie freilich keine Antwort und sind sichtbar irritiert. Verschiedene Settings und Rollenspiele in interkulturellen Programmen können dazu beitragen, daß viele der Handlungen und Herangehensweisen, die zum Beispiel diesen Eindruck von sogenannter Warmherzigkeit hervorbringen, wie etwa Begrüßungsrituale, einen Bezug zur türkischen Kultur haben, aber gleichzeitig aus der Perspektive anderer Kulturen wiederum andere Interpretationen nahelegen können. Gleiches gilt selbstverständlich auch für andere Kulturen.

Reihe Interkulturelle Beiträge

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