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Management ist eine Kunstsachevon Perihan Ügeöz Zeitgenössisches, modernes Management hat zur Zeit Hochkonjunktur in der Türkei. Zahlreiche Universitäten des Landes überschlagen sich nahezu, um Studiengänge im Bereich modernes Management anzubieten. Auch die politische Landschaft steht dem nicht nach. Gerade bei den jüngst abgelaufenen Wahlkampagnen anläßlich der Kommunalwahlen gab es kaum einen Kandidaten, der/die nicht zeitgenössische Führung betreiben wollte. Manche von ihnen wurden von seiten der Medien nach ihrem Verständnis von zeitgenössischem Management gefragt. Partizipation, Beteiligung der Bürger an Entscheidungen, Dialog waren die Schlagworte, die fast als einheitliche Antworten formuliert wurden. Diese Schlagwörter stimmen in der Tat mit den wichtigsten Leitlinien neuerer Managementliteratur überein. Damit sie aber aus der Schwelle wohlgemeinter politischer Parolen oder auswendiggelernter Lehrinhalte hinaustreten und tatsächlich verwirklicht werden können, müssen sie sich innerhalb der Gesellschaft in erlebte und erlebbare Lebensqualitäten verwandeln. Bis dahin kann es jedoch noch eine Weile dauern. Eines der wichtigsten Probleme bei der Verwirklichung von modernem, zeitgenössischem Management in der Türkei hängt mit dem Importcharakter von Nachschlagewerken zusammen. Bei den als Vorbilder fungierenden einschlägigen Modellen und Theorien handelt es sich beinahe ausnahmslos um Quellen, die insbesondere im westlichen Ausland verfaßt wurden. Darum stehen sie unter dem Einfluß unterschiedlicher kultureller Voraussetzungen und sind mit den Erfahrungen und Gewohnheiten innerhalb der türkischen Kultur vielfach nicht kompatibel. Versuche, aus dem Ausland importierte Vorbilder in die türkische Praxis zu kopieren, scheitern sodann zwangsläufig an verschiedenen Widerständen und Hindernissen. Als fast makaber zeigt sich dieses Problem zum Beispiel an einem Thema wie "Zeitmanagement", das zur Zeit ebenfalls Modecharakter besitzt. Es handelt sich hierbei um eines der Vorbilder, das in sogenannten monochronen Kulturen entstanden ist. Charakteristisch für diese Kulturen ist ein linearer Umgang mit der Zeit sowie die verbreitete Einstellung, daß Zeit Geld kostet ("time is money"). Nun gehört aber die Türkei, ähnlich wie etwa Mexiko oder Portugal, zu jenen Kulturen, die gemäß der Terminologie interkultureller Managementforschung als polychron bezeichnet werden. Übertragen auf den Umgang mit der Zeit bedeutet das, daß innerhalb dieser Kulturen die Neigung stärker verbreitet ist, verschiedene und mehrere Aktivitäten parallel anzugehen, Pläne und damit auch Termine kurzfristig zu ändern bzw. zuweilen nicht einzuhalten. (Auf den Unterschied zwischen monchronen und polychronen Kulturen am Beispiel der Türkei werde ich in einem späteren Beitrag etwas detaillierter eingehen.) Der angesprochene Unterschied hinsichtlich der kulturellen Erfahrungen im Umgang mit der Zeit ist ein gravierender und zugleich prädestiniert dafür, so manche Vorbilder des Zeitmanagements, mögen sie noch so beeindruckend sein, zum Scheitern zu verurteilen. Management ist eine Kunst. Ebenso wie alle anderen Kunstarten, wie zum Beispiel Musik, Malerei, Folklore u.s.w., entwickelt und gestaltet auch sie sich unter dem Einfluß sowie in Abhängigkeit von den kulturellen Besonderheiten eines jeweiligen Landes. Ob der Mensch sich als aktiven und handelnden Bürger zu identifizieren lernt oder sich als passives und hilfloses Geschöpf erlebt, hängt immer wieder davon ab, welche Kräfteverhältnisse zwischen Individuum und seinem Umwelt bestehen. In manchen Gesellschaften ist es verbreiteter, daß die Individuen unabhängig davon, ob und welchem Kollektiv sie angehören, Rechte als Einzelbürger besitzen sowie Mitgestaltungsmöglichkeiten haben. Unter dieser Voraussetzung haben die Bürger bessere Ausgangschancen, um sich sowohl als handelnde und kontrollierende Akteure zu begreifen als auch leichter in Partizipation und Beteiligung einzuüben. Aufgrund der Existenz von pyramidal autoritären Strukturen mit teilweise abgrundtiefen Abständen zwischen oben und unten haben es die meisten Bürger in der Türkei hingegen wesentlich schwerer, derlei Erfahrungen zu entwickeln. Wohl sind innerhalb der türkischen Kultur Werte wie Nähe, Fürsorge, Zuwendung und Solidarität stark vertreten. Ihre Wirksamkeit in vielen Bereichen der Arbeitswelt ist aber beschränkt. Hier dominieren vielmehr Menschenbilder, die dem Gross der türkischen Bevölkerung die Fähigkeit zur Kreativität und Produktivität beinahe absprechen. Diese Menschenbilder basieren überwiegend auf der Vorstellung, daß ein Großteil der Türken eine Antipathie gegenüber Arbeit besitzen, faul sind und bei jeder passenden Gelegenheit nach Wegen suchen, um sich der Arbeit zu entledigen. Es ist in der Natur solcher Annahmen verankert, daß sie weniger Dialog und Partizipation nahelegen als vielmehr Kontrolle und Bestrafung als Führungsinstrumente legitimieren. Der Stellenwert dieser Menschenbilder ist interessanterweise nicht nur im Bewußtsein von führenden Personen, sondern gleichzeitig auch der Beschäftigten verankert. Das ist die ironische Kehrseite der Medaille und vielleicht auch der Grund dafür, warum trotz Kritik und Befreiuungsversuche die Gesinnung "Der König ist tot. Es lebe der neue König" dennoch nicht leicht überwunden wird. In meinem früheren Beitrag "Kulturelle Werte kann man allenfalls
spüren" erwähnte ich bereits, daß innerhalb der türkischen
Kultur eine relativ hohe Bereitschaft besteht, ungleiche Machtverteilungen
innerhalb der Gesellschaft zu akzeptieren. Dabei verwies ich auf den Zusammenhang,
daß viele Türken Mühe haben, gegenüber ihren Vorgesetzten
oder Personen, die einen höheren gesellschaftlichen Status bestitzen,
das Wort "nein" auszusprechen. Etwas anders als in Japan beispielsweise,
wo gegenseitige Kritik sowie das "Nein" zu den Tabus innerhalb
der japanischen Kultur zählen, sind in der türkischen Kultur
sowohl das "Nein" als auch Kritik durchaus bekannte Phänomene,
die sich aber überwiegend von oben nach unten artikulieren dürfen.
So ist zum Beispiel die Parole "Probleme auf den Tisch packen"
sehr wohl bekannt. In zahlreichen meiner Seminare mit türkischen
Studenten machte ich dazu folgende Übung: Ich ließ meine Studenten
diese Parole mit Inhalt füllen und stellte freudig fest, daß
sie um Antworten keinesfalls verlegen waren. Noch während wir an
diesem Thema arbeiteten, kam ich in einem für sie plötzlichen
Augenblick mit einer meinerseits vorher einstudierten Ankündigung,
gegen die sie eigentlich hätten protestieren müssen: Verlängerung
unserer Arbeitszeiten. Daß ihnen diese Ankündigung nicht paßte,
war ihrem Gesichtsausdruck immer wieder abzulesen. Obwohl ich diese und
ähnliche Übungen mehrfach und mit vielen verschiedenen Studenten
machte, kann ich mich nicht an einen einzigen Studenten erinnern, der
mir widersprochen hätte. Mögen derlei Übungen dem ersten
Anschein nach simpel oder banal wirken. Mit etwas Nachdenklichkeit zeigen
sie aber dennoch, wie tief die Kluft reicht zwischen dem theoretischen
Wissen um der Existenz und Notwendigkeit von Kritik und dem kulturell
bedingten Unvermögen, daraus Konsequenzen für das eigene Handeln
zu ziehen. Der Mangel an gesetzlich geschützten Mitbestimmungsrechten
bzw. die fehlende Erfahrung von ihrer Existenz in vielen sozialen Bereichen
des Alltags leistet freilich ein übriges, daß die kulturelle
Konditionierung zu Fügsamkeit und Gehorsam sich in ihren Erscheinungsweisen
fast wie angeborene Wesenszüge des durchschnittlichen türkischen
Menschen anmuten. |
Reihe Interkulturelle Beiträge Halil Güvenis: Die Zwischentür Management ist eine Kunstsache Kulturelle Werte kann man allenfalls spüren Die türkische Kultur hat einen Hang zur Femininität Wozu braucht man interkulturelle Kommunikation?
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