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Jahrgang 3 Nr. 14 vom 5.04.2004
 

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Mit Edith hat das Grün von Akbaba einen Namen

von Perihan Ügeöz

Als ich die Sprache entdeckte, lernte ich sehen. So ähnlich klingt einer der wunderschönen Sätze von Pablo Neruda, den ich in meinen jüngeren Jahren mit Begeisterung las. Als ich letzte Woche mit meiner Freundin Edith einen Spaziergang in den Wäldern von Akbaba machte, wurde ich wieder an diesen Satz von Neruda erinnert und stellte fest, daß er wirklich schön klingt und darüber hinaus sehr bedeutungsvoll ist.

Diese riesige Metropole Istanbul ist voller Überraschungen. Nur wenige Schritte vom städtischen Gewühl und Tumult entfernt, kann man immer wieder Orte entdecken und sich verblüfft fragen: Bin ich noch in der Stadt? Akbaba ist einer dieser Orte. Er ist sehr nahe am Gewühl und doch sehr weit abgerückt davon. Akbaba ist ein typisches kleines Dorf mit verschiedenen Besonderheiten. Die erste ist das Wasser. Durch den Ort fließt ein Bächlein. Haufenweise Fische und Frösche sollen in diesem Bächlein einst Zuhause gewesen sein. Das erzählen ältere Dorfbewohner und bedauern, daß es sie nicht mehr gibt. Als Kinder haben sie mit diesen Bachbewohnern zusammen ihre ersten Schwimmübungen gemacht. Demnächst soll ein Dorfverein gegründet werden und auf dem Programm steht, mit vereinten Kräften der Dörfler, den Bach für seine alten Bewohner wieder lebenswert zu machen. Wer weiß, vielleicht kehren die Fische und Frösche tatsächlich wieder haufenweise zurück.

Eine andere Besonderheit von Akbaba ist, daß das Dorf von einem Wald umgeben ist. Einige aus dem Schwarzmeergebiet der Türkei stammende Dörfler, die vor Jahren für Arbeit nach Istanbul kamen, ließen sich in Akbaba nieder, weil das Grün so ähnlich ausschaue, wie daheim.

Letzte Woche kam nun Edith für einen Tagesausflug vorbei. Die Hündin namens Venüs, Edith und ich gingen ab in die Wälder. Da Venüs und ich schon mehrere Waldausflüge hinter uns hatten, ernannten wir uns zu kompetenten Pfadführern. Was wollten wir unserer Freundin nicht alles zeigen: zum Beispiel eine riesige Wiese an einem Hang mit einer Vielfalt an Grünschattierungen oder einen unvermittelten Ausblick auf beide Brücken des Bosphorus. Beide Ausblicke sollten ein festliches Panorama für die Augen von Edith sein. Wir brannten also darauf, diese unsere Entdeckungen mit unserer Freundin zu teilen. Aber bis es soweit war, sollte uns Edith so manche andere Überraschung zeigen.

Bald nachdem wir den Waldweg betreten hatten, ließ uns Edith mit einem freudigen Jauchzen aufschrecken. Sie nahm ein Stück Erde in die Hand und vermittelte freudestrahlend, das sei eine gute Sorte Lehmboden und Ton. Was man doch alles mit Sprache anstellen kann. Diese Erde hatten wir letzte Woche noch einfach nur als Schlamm wahrgenommen und uns darüber geärgert, daß er uns die Füße schmutzig machte. Dieselbe Erde verwandelte sich in meinen Augen und Ohren nun plötzlich in etwas wertvolles. Wenige Schritte weiter zeigte Edith auf eine etwas dunkelgrüne und recht große Pflanze mit weißen Spitzen und identifizierte diese als Heide. Aber haben sie nicht rötliche Spitzen und sind sie nicht viel kleiner? Von Deutschland her kenne ich sie nämlich in kleinen Blumentöpfen. Es gäbe eben verschiedene Heidesorten. Wieder bald zeigte sie nun auf viele am Boden rankende Pflanzen und fragte, ob ich sie kenne. Nicht die Spur! "Das sind Walderdbeeren", sagte Edith und ließ damit den aromatischen Duft leise in der Nase aufsteigen. Unser Spaziergang verwandelte sich immer mehr in eine Einführung in Botanik. Als nächstes lernte ich, wie Salbei aussieht. Davon gab es haufenweise und zwischendrin rankte immer wieder Efeu. Riesig war mein Staunen, als Edith anfing, von Lorbeerbäumen zu sprechen. Sie brach ein Blatt ab und ließ mich daran riechen. Tatsächlich Lorbeer! Auch davon gab es rechts und links so viele.

Was haben wir nicht noch alles entdeckt. Schachtelhalm, Johanniskraut, Wolfsmilchgewächse, Löwenzahn und viele, viele Veilchen und Primeln. Leider sind das nur einige wenige der Pflanzennamen, die mir von unserem Spaziergang haften geblieben sind. Bei meinem nächsten Waldausflug mit Edith werde ich bestimmt ein Notizbuch mitnehmen und alles sofort aufschreiben. Anders ist mein Erinnerungsvermögen schlicht überfordert.

Als wir unseren Spaziergang beendeten, sagte Edith, das sei wie ein Urlaub im Urlaub gewesen. Es sei so, als hätte sie einen Ausflug in die Alpen gemacht. Ist das zu fassen? Die Alpen beinahe inmitten der riesigen Metropole Istanbul.

 

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Last modified: 28.12.2003