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Jahrgang 3 Nr. 14 vom 12.03.2004
 

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Am Ortseingang von Akbaba steht ein Museum

von Perihan Ügeöz

Und am Ortsausgang von Akbaba steht ebenfalls ein Museum. Beide haben nichts miteinander gemeinsam, außer daß sie sich innerhalb der Grenzen desselben Dorfes befinden. Das zweite ist eine kleine Moschee, eine der ältesten der Stadt Istanbul. Das erste hingegen ist eigentlich eine kleine Dorfhütte. Darin befinden sich die Kunstsammlungen und Bilder eines einfachen Mannes, bei dem man bestimmt nicht auf den Gedanken kommt, die Frömmigkeit als eine seiner ersten Eigenschaften zu nennen. Er heißt Mustafa Berksu, ist 62 Jahre alt und wird im folgenden schlicht Mustafa Bey genannt.

Mustafa Bey hat eine Begabung, aufzufallen. Er sammelt nicht nur Kunstgegenstände und malt Bilder, er ist auch ein talentierter Geschichtenerzähler, als stamme er aus den Büchern von Rafik Schami, einem in Deutschland lebenden und arbeitenden syrischen Autor. Die meisten seiner Tage verbringt er von morgens bis abends im Kaffee des Dorfes und ist stets von andächtig lauschenden Männern umgeben. Während Mustafa Beys Lippen an seinen Geschichten arbeiten, arbeiten seine Hände unaufhörlich an kleinen bunten Glasperlen oder Papierstücken. Er verwandelt sie in Ketten oder Vorhänge und verdient damit seinen Lebensunterhalt.

Viele der Geschichten von Mustafa Bey sind Anekdoten aus Deutschland, wo er einst 20 Jahre seines Lebens als Arbeiter verbracht hat. Als er 1964 mit nur 22 Jahren nach Deutschland ging, war er sehr neugierig auf die Deutschen. Damals hätte er zum Beispiel ohne weiteres auch nach Holland oder in die Schweiz gehen können. Doch die türkischen Geschichtsbücher in der Schule sprachen so ruhmvoll von den Deutschen und der Zusammenarbeit mit ihnen während des ersten Weltkrieges.So kam es, daß er sich für Deutschland entschied. In den Erinnerungen von Mustafa Bey ist dieses immer noch das Land, wo das gesprochene Wort den Wert eines Schuldscheins gehabt hat. Auf die Frage, ob es denn wirklich so gewesen sei und ob er vielleicht nicht einen etwas romantisch verklärten Blick aufsetzt, sagt er mit einem Lächeln in den Augen: "Das Schöne ist ohnehin bloß der verlogene Schein eines Traums".

Heute sitzt Mustafa Bey in einem Rollstuhl. Zuerst wurde ihm eines seiner Beine amputiert, später verlor er auch das zweite Bein. Gewiß ist das ein großes Unglück. Für so manchen Menschen wäre das Grund genug, um in Groll und Bitterkeit zu verfallen. Aber Mustafa Bey betrachtet sein Schicksal gelassen und überhaupt mit viel Humor. Er vertritt die Auffassung, daß dieses Unglück ihm im wahrsten Sinne des Wortes auch eine Menge Glück beschert hätte. Denn besäße er noch seine Beine, hätte er womöglich mit so mancherlei Freuden und Lastern des Lebens seine Gesundheit ruiniert. Außerdem hat er erst dadurch die Kunst entdeckt. Es begann damit, daß er Farbe und Pinsel in die Hand nahm und anfing zu malen. In seinem ersten Werk stellte er eines seiner amputierten Beine als Vase dar und steckte bunte Blumen hinein. Das Bild gefiel ihm sehr. Übrigens auch seinen Freunden. So entdeckte er, daß in ihm eine Fähigkeit schlummerte, die jetzt aus dem langen Dämmerschlaf ausbrechen wollte. Danach malte er eine Reihe anderer Bilder. Sie handeln von Menschen und Landschaften. Gleichzeitig wurde er in dieser Zeit ein aufmerksamer Beobachter, sein Blick bekam eine Schärfe. Er begann in seinem Umfeld Dinge zu sehen, die ihm vorher gar nicht aufgefallen wären oder allenfalls als Abfall und Müll. Mal war es ein Krug, mal ein alter Tisch oder eine Kommode und noch viele, viele andere Dinge. Sie alle stammten aus vergangenen Zeiten. Mustafa Bey entdeckte, daß diese alten Gegenstände seine Phantasie anregten, wie er sich das nie hätte vorstellen können. Er begann, diese Dinge mit Menschen und ihren je unterschiedlichen Lebensläufen in Zusammenhang zu bringen. Das war für ihn Grund genug, sie alle einzusammeln und aufzubewahren. Doch dann stellte sich ein Problem: Wohin damit? Die Erdgeschoßwohnung, wo er mit seiner Frau zur Miete wohnt, begann langsam aus allen Nähten zu platzen, und seine Frau wurde immer ungehaltener. Plötzlich fiel ihm ein, daß er ein Grundstück am Ortseingang von Akbaba besaß. Ein anderer Mensch hätte es womöglich vorgezogen, alle Wege und Möglichkeiten zu mobilisieren, um dort ein Wohnblock zu errichten. Mustafa Bey aber beschloß, auf diesem Grundstück eine Dorfhütte bauen zu lassen, um seine Kunstsammlungen darin aufzubewahren. Inzwischen hat sich darin eine ansehnlich Menge an Sehenswürdigkeiten zusammengefunden. Es macht Mustafa Bey ein großes Vergnügen, wenn Leute in dieser Hütte vorbeischauen und mit ihm der Phantasie freien Lauf geben. In dem kleinen Vorgarten seines selbstgemachten Museums sind Sojabohnen eingefplanzt, deren rötlich braun schmimmernden Blätter in den Sommermonaten riesig wachsen und sich sehr exotisch anmuten. Genauso, wie auch die Gegenstände in der Hütte.

 

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Last modified: 28.12.2003