Jahrgang 3 Nr. 16 vom 19.04.2004
 

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Über die polychrone Neigung der türkischen Kultur

von Perihan Ügeöz

Die Deutschen haben für alles einen Plan. Busse und Züge haben planmäßige Abfahrts- und Ankunftszeiten. Geschäfte öffnen und schließen planmäßig. Gegenseitige Besuche sind mit Plänen geregelt. Dort scheint halt nichts ohne Plan zu gehen. Bei uns in der Türkei hingegen scheint nichts mit Plan zu laufen. ... Solcherart sind die ersten Vergleiche, die viele Türken anstellen, wenn sie nach vielen Jahren aus Deutschland wieder in die Türkei zurückgekehrt sind. Auf den "Plan" kommt auch mancher Deutsche zu sprechen, der in dienstlichen Angelegenheiten mit Türken in der Türkei zusammenkommt. So sagt zum Beispiel Walter: "Wir Deutschen wollen gerne für alles einen Plan haben, am liebsten 6 Monate vorher. Haben wir es geschafft, mit unseren türkischen Partnern einen Arbeitsplan zu machen, stellen wir fest, daß er ohnehin nicht so gehalten wird. Aber wir sind nicht wenig überrascht, wenn am Ende trotzdem alles klappt."

Können die Türken etwa keine Pläne machen? Oder haben sie vielleicht Probleme, die Zeit plangemäß einzuhalten? Selbstverständliche können sie das. Wenn es sehr darauf ankommt, stehen sie in diesen Dingen ihren deutschen Partnern oder Freunden in keinster Weise nach. Das ist nicht der Punkt. Dennoch gibt es im kulturellen Alltag einige Unterschiede in der Umgangsweise mit Zeit sowie zeitlichen Belangen. Etwas lapidar ließe dieser Unterschied sich folgendermaßen ausdrücken: Wenn in Deutschland aus welchem Grund auch immer Pläne plötzlich nicht eingehalten werden können, kann leicht Tumult, Aufregung und, vielleicht bemerkenswerter noch, Hilflosigkeit innerhalb der Bevölkerung entstehen. In der Türkei hingegen ist die Überraschung groß, wenn Dinge des Alltags über längere Strecken - etwa über einen Zeitraum von etwa 6 Monaten - plangemäß laufen.

Monochron versus polychron stehen als Bezeichnungen für kulturell unterschiedliche Umgangsweisen mit Zeit. In die interkulturelle Kommunikationsforschung wurde dieses Begriffspaar von Edward Hall eingeführt. Es handelt sich dabei um eine Kulturkategorie, die, wie zahlreiche andere Kulturkategorien auch, eine Art Analyseinstrument darstellt, mit dessen Hilfe eine idealtypische Veranschaulichung eines bestimmten kulturellen Prinzips oder Systems ermöglicht werden soll. Das Wort "chronos" ist griechischen Ursprungs und bedeutet Zeit und "mono" stammt aus dem Lateinischen und steht als Äquivalent für eins. Das ebenfalls griechischstämmige Wort "poly" hingegen bedeutet viel oder vieles. Übertragen auf den kulturellen Umgang mit Zeit läßt die Bedeutung des Begriffspaares sich folgendermaßen veranschaulichen: Wie gehen Menschen mit ihrer Zeit um? Teilen sie sie ein und gehen sie den Erledigungen möglichst vorausgeplant und strukturiert, d.h. systematisch eines nach dem anderen nach? Oder erledigen sie viele Dinge gleichzeitig nach einem lockeren, stets für Überraschungen offenen System? Während für eine monochrone Ausrichtung demnach ein linearer, plangemäß vorausschaubarer Umgang mit Zeit als charakterisch genannt werden kann, zeichnet sich die polychrone Herangehensweise dadurch aus, daß verschiedene und mehrere Aktivitäten gleichzeitig angegangen und darum Pläne sowie Termine flexibler gehandhabt werden.

Nun weiß man von Kulturkategorien, daß sie generell die Neigung haben, auf extreme Pole hinzuweisen. Das trifft gewiß auch auf das soeben kurz vorgestellte Begriffspaar monochron - polychron zu. In der Praxis des kulturellen Alltags wird man daher weder der einen noch der anderen Umgangsweise mit Zeit wohl nirgends in der Ausschließlichkeit einer Reinkultur begegnen. Meistens liegen unterschiedliche Kulturen zwischen den Extremen und innerhalb jeder Kultur können gewiß auch zahlreiche Beispiele von Mischformen ausfindig gemacht werden. Hinzu kommt, daß Kulturen einem ständigen Wandel unterworfen sind. Unterschiedliche Herangehensweisen aus unterschiedlichen Kulturen beeinflussen sich gegenseitig und bedingen wiederum gegenseitige Modifizierungen von Ansätzen und Lebenspraktiken. Das trifft zweifellos auch auf die türkische Kultur zu. Und dennoch kann man sagen, daß innerhalb der türkischen Kultur eine relativ hohe Neigung für eine polychrone Umgangsweise mit Zeit besteht. Übrigens kann umgekehrt die deutsche Kultur als eine Repräsentantin für einen monochronen Umgang mit Zeit genannt werden.

Die polychrone Neigung der türkischen Kultur erfordert von ihren Angehörigen einige elementare Bewältigungsstrategien. Nennenswert sind hierbei allen voran ein hohes Maß an Flexibilität sowie Offenheit für Stör- und Krisenfälle. Sie beide tragen wesentlich dazu bei, daß die Türken zuweilen rekordverdächtige Leistungen in Sachen Improvisation und Überraschungseffekte hervorzubringen imstande sind. Als zum Beispiel vor fast zwei Jahren in einer beinahe Nacht- und Nebelaktion im türkischen Parlament die Todesstrafe abgeschafft wurde, soll die Grünenenabgeordnete Claudia Roth vor Freude geweint haben. Das wurde in einigen türkischen Zeitigungen berichtet. Dabei ist vermutlich weniger die Abschaffung der Todesstrafe an sich das rührend sensationelle Ereignis, als vielmehr sein Zeitpunkt. Über einen Zeitraum von mehreren Jahren stand vor dem türkischen Parlament die Aufgabe, die EU-Anpassungsgesetze, darunter auch die Abschaffung der Todesstrafe in die Wege zu leiten. Bedingt durch zahlreiche unvorhergesehene Ereignisse, wie etwa Finanzkrisen, Zerwürfnisse zwischen den Parteien u.s.w., u.s.w., wurde diese Aufgabe immer wieder hinausgezögert. Und nur knapp vor Ablauf der Frist machten die Türken aus der Perspektive des Auslands beinahe Unmögliches möglich: In einer nächtlichen Maratonsitzung schafften sie die Todesstrafe ab. Und nicht nur das. In der selben Nacht wurden an die 100 weitere EU-Anpassungsgesetze vom türkischen Parlament verabschiedet. Das ist eine Leistung, die sich wahrscheinlich nicht so leicht nachmachen läßt.

Vielleicht weniger politisch sensationell und dennoch fast ebenso rekordverdächtig sind manche der Überlebensstrategien, die die polychrone Ausrichtung des türkischen Alltags vom einfachen Bürger abverlangt. Erwähnenswert sind zum Beispiel die häufigen Wasser- und Stromausfälle, die plötzlich eintreten, aber dafür von mehrstündiger bis hin zu mehrtägiger Dauer sein können. Vor solchen Ereignissen kann vermutlich kein Plan erfolgreich bestehen. Umgekehrt sind es aber solcherlei plötzliche, unvorhergesehene Vorkommnisse, die ihrerseits zur Verfestigung sowie Fortdauer polychroner Gestaltung und Bewältigung des Alltags beitragen.

Auf insbesondere Vertreter von monochronen Kulturen mag die polychrone Neigung der türkischen Kultur zuweilen etwas befremdlich wirken. Es kann zum Beispiel vorkommen, daß Dienstbesprechungen nicht pünktlich anfangen können, mit Terminen jongliert wird oder verschiedene Projekte zu zerfließen drohen, wenn die türkische Seite anfängt, mit Fakten und Umständen zu jonglieren oder während eines Dienstgesprächs der Gesprächspartner mehrere Telefongespräche führt bzw. empfängt. Da insbesondere in kleineren bis mittleren Unternehmen die Grenzen zwischen dienstlichem und privatem Leben fließend ineinander übergreifen, kann es auch oft vorkommen, daß Verwandte einen plötzlichen Besuch abstatten und der Arbeitsgang sodann nach dem Wohlbefinden dieser Besucher gerichtet wird. Je nach Laune und Gemütsverfassung kann man derlei Vorkommnisse sicher als Ausdruck von Unseriosität, Unzuverlässigkeit, Willkür oder gar Unberechenbarkeit interpretieren. Aber mit etwas Humor, Gelassenheit sowie selbstverständlich Kenntnis der Tatsache, daß unterschiedliche Kulturen unterschiedliche Umgangsweisen mit Zeit haben und diese Unterschiede wiederum eine Reihe in sich logischer Denk- und Verhaltensweisen erzeugen, kann man dieselben Vorkommnisse auch als Chance sehen, um Dinge und Abläufe des Alltags auch Mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

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