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Die Kultur der Toleranz. Oder wie man Überheblichkeit in Tugend verwandeltvon Perihan Ügeöz Sprache formt das Bewußtsein. Kraft ihrer (Mit-)Wirkung kann man erheben und niederschmettern. Ein flüchtiges Gefühl vermag mit ihrer Hilfe in die erlesenen Kreise eines Liebesgedichts aufsteigen oder , wie es beliebt, in einem Sumpf von Haß landen. Sie befähigt, Leiden in Schaftlichkeit zu transformieren, eine Mücke in einen Elefanten aufzublasen. Sie hat die Macht, Überheblichkeit in Tugend zu verwandeln. Das Wort "Toleranz" ist ein Paradebeispiel dafür. Für meinen Geschmack ist es gleichzeitig eine der verlogensten Wortschöpfungen, die die Sprachwelt je hervorgebracht hat. Mit Herrn Adorno läßt es sich freilich auch gewählter ausdrücken: "Der Bürger aber ist tolerant. Seine Liebe zu den Leuten, wie sie sind, entspringt dem Hass gegen den richtigen Menschen." (Theodor W. Adorno, 1947: Minima Moralia) Laut Definition versteht man unter Toleranz einen Zustand, nicht verändern zu wollen, mit dem man dennoch nicht einverstanden ist. Nach dem Fachvokabular etwa des Ingenieurwesens bedeutet Toleranz auch eine "zulässige Abweichung von der Norm." Das Türkische bedient sich nicht des Lateinischen. Es hat eine eigene Wortschöpfung für Toleranz: Hoschgörü. (Der einfachen Lesbarkeit wegen habe ich die Schreibweise verdeutscht). Sinngemäß bedeutet es, etwas von der schönen Seite zu sehen. Die Bedeutung des türkischen Gegenparts für Toleranz kann man auch mit der Parole umschreiben: "Siehe es doch Mal von der schönen Seite!" So mancher Türke stimmt zuweilen ein Hohelied auf die "Hoschgörü-Kultur" der türkischen Geschichte am Beispiel des Osmanischen Reiches an. Wieviel davon Wahrheit und Dichtung ist, soll dem Aufgabenfeld von Historikern überlassen bleiben. Ob "Hoschgörü" oder "Toleranz", die Logik dahinter bleibt bei beiden Wörtern schließlich ziemlich gleich: Auf der einen Seite gibt es dasjenige Wesen, das Krarft seines Vermögens tolerant zu sein bzw. etwas von der schönen Seite betrachten zu können, höhergestellt wird. Es ist dasjenige Wesen, das mit den Segnungen der Norm ausgestattet ist. Der Andere hingegen ist der Abweicher, er bleibt defizitär, weil er nicht umhin kommt, Fehler und Flecken mit sich zu schleppen. Die Aufforderung ist, über diese Schmach des Anderen hinwegzusehen. Aber genau das reizt die Sinne, erst recht darauf zu gucken, und zwar so lange, bis man gesehen hat, was nicht zu sehen gibt. Wo es einen Ansporn gibt, dort gibt es schließlich auch einen Weg. * * * Übrigens: Als Kinder spielten wir zusammen. Damals, in den sechziger Jahren, lebten in unserem Kiez in einem kleinen Stadtteil von Istanbul neben muslimischen Kindern zahlreiche Kinder jüdischer, armenischer und griechischer Familien. Mal zankten und kloppten wir uns, mal umarmten wir uns. Sicherlich gab es zwischen uns jede Menge Unterschiede. Sie rankten sich um die Zahl der Murmeln, die Höhe des Taschengeldes und die Noten in der Schule. Daran, daß auch nur einem von uns "Hoschgörü" eingebläut worden wäre, erinnere ich mich nicht. Das war auch gut so. So sahen wir nichts, was eh nicht zu sehen gab. Eines späten Abends schepperten im Haus nebenan die Scheiben. Es
war in der Zeit, als es auf der Insel Zypern gärte und zwischen Türkei
und Griechenland die Kriegstrommeln dröhnten. Sämtliche Bewohner
der Nachbarschaft rannten auf die Straße. Eine Horde gedankenverpesteter
junger Männer hatten die Scheiben unserer griechischstämmigen
Nachbarn mit schweren Steinen zerschlagen. Angeblich hatten diese Nachbarn
sich der Verdunkelung widersetzt. Wenn das wahr wäre, hätten
in der Nachbarschaft sämtliche Scheiben zerschlagen werden müssen.
Denn hinter den mit dickem Papier und Vorhängen zugeklebten Scheiben
sämtlicher Häuser und Wohnungen brannte allerorten Licht. Es
war in der Zeit darauf, daß man anfing, von "Hoschgörü"
zu reden. |
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