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Ein Menschenleben ist doch zu kurz, um nur schlecht vom ANDEREN zu denkenvon Perihan Ügeöz Für die griechische Mythologie habe ich schon immer eine besondere Zuneigung empfunden. Einst brannte ich darauf, in meiner Phantasie der Mythologie einen anderen Verlauf zu verabreichen. An Ort und Stelle wollte ich mir gerne ausmalen, was alles hätte geschehen können, wenn die an der Seite Agamemnons nach Kreta verschleppte junge Kassandra aus Troja mit der ebenfalls jungen Elektra, der Tochter Agamemnons, zusammengekomen wäre und sie sich beide angefreundet hätten. Heute möchte ich an einen alten Mann namens Nikos aus Kreta gedenken. Als junger Mann war er in den Krieg gegen den Feind, die Türken, gezogen. Als wir uns vor ungefähr fünfzehn Jahren kennenlernten, war er schon weit über achtzig. Er begrüßte und umarmte mich mit der Melodie und den Worten eines alten türkischen Klagelieds gegen den Krieg. Er sang es mir auf Türkisch vor. Die Erinnerung an meine erste Reise nach Kreta bringt auch etwas Scham hervor. Einerseits brannte ich darauf, diese Reise anzutreten, um über Kassandras und Elektras Schicksalsverläufe zu phantasieren. Aber gleichzeitig war in mir die Angst vor den Griechen. Was könnten sie mir alles antun! Schließlich sagte mir ein türkischer Freund, der selber einst als Soldat auf Zypern stationiert war, "selbst wenn Du es schaffst, 100 Jahre alt zu werden, ein Menschenleben ist doch zu kurz, um nur schlecht vom Anderen zu denken." Mit diesen Worten machte er mir viel Mut, aber nicht genug, um die Angst völlig zu vertreiben. Ich beschloß, mir diesen Satz einzuprägen und darüber hinaus notfalls meine Abstammung zu verleugnen. Schließlich war ich deutsche Staatsangehörige und niemand, der es erfahren wollte, mußte wissen, daß ich aus der Türkei stammte. Auf der Insel ist es mir nicht gelungen, Kassandra und Elektra zusammenzubringen. Dazu kam ich gar nicht. Auch kam ich nicht dazu, meine Abstammung verleugnen zu müssen. Im Gegenteil, gerade wegen meiner türkischen Abstammung wurde mir soviel rührende Aufmerksamkeit entgegengebracht, wie ich sie mir nie hätte ausmalen können, wenn ich es nicht geschafft hätte, den inneren Schweinehund doch zu überlisten. In den drei Wochen meines Kreta-Aufenthaltes wurde mein kleines Hotelzimmer regelrecht belagert von Menschen, die mir gerne ihre eigenen oder die Geschichten ihrer Verwandten mitteilen wollten. Sie handelten davon, wie entweder sie selber oder Angehörige ihrer Familien in kleinen Boten auf die türkische Seite jenseits des Meeres geflüchtet waren und dort weder verprügelt noch vertrieben wurden. Man hatte sie alle mit Menschlichkeit aufgenommen und versteckt. So waren die Erinnerungen, sie stammen aus der Zeit der 40er Jahre, als Griechenland dem Faschismus erlegen war. Und dann war da die Begegnung mit dem alten Nikos. Leute hatten ihm erzählt,
daß eine Frau türkischer Abstammung sich im Ort aufhielt. Kaum
noch fähig auf den Beinen zu stehen, ließ er sich in ein Kaffe
tragen und wartete darauf, daß ich vorbei lief. Er begann gegen
die Scheibe zu klopfen, als Leute im Kaffe auf mich zeigten und sagten,
daß ist die, die da vorbeiläuft. Mit Tränen in den Augen
begrüßte und umarmte er mich, als wäre ich seine Enkeltochter,
die endlich heimkehrt. Und dann begann er plötzlich leise zu singen.
Es war ein vertrautes Lied in der vertrauten Sprache meines Heimatlandes:
"Canakkale içinde vurdular beni...." Natürlich lernte ich auch Leute kennen, die in den Türken die
schlimmsten Schlächter sahen, die die Menschheitsgeschichte je hervorgebracht
hatte. Auch gab es viele, die nicht über sich bringen konnten und
auch nicht wollten, Istanbul als Istanbul zu bezeichnen, sondern stattdessen
dem alten Traum von Konstantinopolis nachtrauerten. Nun hatte ich aber
Nikos und die Anderen kennengelernt. Darum konnten mir diese Leute gerne
den Buckel runterrutschen. |
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Impressum Istanbul Post Dr.
Stefan Hibbeler Redaktion: redaktion@istanbulpost.net |
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Copyright © 2001 Istanbul Post Last modified: 28.12.2003 |
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