Jahrgang 3 Nr. 20 vom 17.05.04
 

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Fassen Sie diesen Beitrag Bitte als einen Appell um die "Unschuld" Helenas auf!

von Perihan Ügeöz

Gerade läuft hierzulande der Film Troja an. Fast zeitgleich muß eine Frau öffentlich ihre Unschuld beteuern. Wurde sie geküßt oder wurde sie nicht geküßt? Hat sie gesündigt oder hat sie nicht gesündigt? Darum dreht sich die Frage. "Gewiß, sie habe die Umarmung und die Wangenküsse abzuwehren versucht. Aber leider mit wenig Erfolg. Aber von einer Sünde könne doch nicht die Rede sein. Und überhaupt, ihr ehelicher Herr Gemahl stand doch daneben. Dieser hätte doch soetwas nimmer zugelassen..." Wer weiß, vielleicht hatte dieser seine Faust zu einem festen Knoten zusammengeballt, um dem Gegenpart kräftig eine zu langen. Die Recherche darüber werden wir einem späteren Homer überlassen müssen.

Nein, die Rede ist nicht von der schönen Helena. Auch ist der Herr Gemahl nicht der einstige Spartakönig Menelaos, der es nicht verhindern konnte, daß seine schöne Gemahlin Helena sich auf und davon machte. Weil diese nicht diejenigen sind, die einst den Untergang eines legendären Königreiches angezettelt haben, kann unser Frauenschänder ebensowenig derjenige sein, der hätte lieber dort bleiben sollen, wo einst ihn die Götter verbannt hatten: Paris in der Verbannis. Weil also weder die Personen noch ihre Motive mit denen der einstigen Kriegstreiber übereinstimmen, kann ebensowenig die Rede davon sein, daß sich der türkische Generalstabchef Özkök in einen Agamemnon verwandelt. Dafür sei den ewigen Göttern gedankt.

Die Geschichte hier handelt von der "First Lady" des Landes, Frau Emine Erdogan. Vor kurzem reiste sie an der Seite ihres Mannes, dem Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan, nach Griechenland. Zum Abschied wurde sie von dem jüngst gewählten griechischen Ministerpräsidenten Karamanlis umarmt und dabei auch noch auf die Wangen geküßt. Eigentlich eine nette und rührende Geste, würde man denken. Zu einer anderen Zeit und mit einer anderen herrschenden Geisteshaltung hätte man vielleicht auch so gedacht und das Ganze nicht zu einer Krise über Ehre und Sünde verwandelt. Nun ist es aber so gekommen, wie es gekommen ist. Nachdem der Pressereferent mit Nachdruck verboten hat, daß die entsprechenden Photos abgedruckt werden, muß Emine Erdogan manche peinliche Fragen und Szenen über sich ergehen lassen. Hat sie gesündigt oder hat sie nicht gesündigt?

Es ist nicht das erste Mal, daß die protokollarischen Regeln bei staatlichen Empfängen und Besuchen für Frauen, die ihr Leben nach den strengen Geboten des Islam ausrichten, zu einem Problem werden. Und es ist ebensowenig das erste Mal, daß Debatten des protokollarischen Gebots auf den Schultern von Frauen ausgetragen und die Lösungen zu Lasten eben der Frauen konzipiert werden. Vor kurzem gab es einen ähnlichen Vorfall. Der Parlamentspräsident Arinc hatte vielleicht etwas "enfant terrible" spielen wollen als er seine kopftuchtragende Ehefrau an seiner Seite mitnahm, um den Staatspräsidenten Sezer anläßlich einer Auslandsreise zu verabschieden. Bald darauf wurde Frau Arinc zur Zielscheibe islamistischer Sensationsblätter. Die "Sünde" war geschehen, weil ein anderer als ihr Ehemann ihre Hand berührt hatte. Der Staatspräsident hatte nämlich ihr zum Abschied die Hand gereicht, und sie hatte sie nicht zurückgewiesen. Wenn auch aus einem anderen Motiv heraus, der Staatspräsident Sezer versetzte ein übriges. In einer Note ließ er es für die Zeit seiner Amtsperiode verewigen, daß Kopftücher auf protokollarischen Begebenheiten nichts zu suchen hätten. Seither ist Frau Arinc kaum noch in der Öffentlichkeit gesehen worden.

Solcherlei Pseudokrisen, die dieses Land immer wieder hervorzubringen vermag, sind banal, peinlich und gleichzeitig aufschlußreich. Sie werfen Licht auf das kulturelle Dilemma, in dem dieses Land steckt. Auf der einen Seite lächzt die Türkei seit Jahrzehnten danach, sich für sogenannte westliche Werte und Normen zu öffnen, stimmt eine Hymne nach der anderen über ihre Modernität und Errungenschaften an, gleichzeitig aber strampelt sie sich ab im Netz religiöser Kummer und Besorgnisse. Und dieses Dilemma steht bestimmt nicht erst seit dem Wahlsieg der islamistisch orientierten Kreise auf der Tagesordnung. Der Unterschied gegenüber der Vergangenheit zeichnet sich einzig dadurch aus, daß man es nicht mehr so einfach hinter einem Vorhang verschleiern kann, selbst dann nicht, wenn die eine oder andere verschleierte Ministerehefrau keinen Schritt mehr vor die Haustür tut. Für etwas Entspannung könnte vielleicht sorgen, wenn es gelänge, die Schuldfrage um die Sünde endlich mal an einen Mann zu stellen. Zum Beispiel an den türkischen Ministerpräsidenten oder meinethalben an den Außenminister, die ja auf zahlreichen Staatsbesuchen so mancher fremden Frau ebenfalls die Hand reichen. Auf alle Fälle würde das anließende Theater gewiß für mehr Unterhaltung sorgen.

 

 

 

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