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An der (Schein-) Heiligkeit wird noch die Frömmigkeit zugrunde gehenvon Perihan Ügeöz Die Institution Ehe ist gefährdet. Das ist die Schlagzeile einer jüngsten Zeitungsmeldung. Das Institut für Familienforschung hat geforscht und herausgefunden, daß der türksichen Ehe ernsthafte Verfallsprobleme drohen. Diese Meldung will selbstverständlich ernstgenommen werden. Schließlich handelt es sich hierbei nicht um ein beliebiges Institut, das aus jucks und dollerei düstere Prognosen daherschütten könnte. Es ist dasjenige, das eigens dem Ministerpräsidenten unterstellt ist. Genau, die Rede ist von dem selben frommen Ministerpräsidenten, dessen Minister für Kultur mit dem Slogan "Unser Lächeln erwartet Sie" um Tourismus wirbt. Und die Schönheit, die da auf Plakaten ihre glänzenden Zähne für ein riesiges Lächeln hergibt, ist keine andere türkische Miss als diejenige, die letztes Jahr auf einem internationalen Wettbewerb zur Miss Univers erkoren wurde. Laut Befund dieses höchst würdevollen Instituts steht es also um die Zukunft der türkischen Ehe schlecht. Wer nun anfangen könnte, zu vermuten, daß dafür vielleicht die Korruption, die Arbeitslosigkeit, die Massenarmut, die Verelendung, die Landflucht, die Kinderarbeit oder die massive Bildungnot sowie zahlreiche andere Probleme von ähnlichem Kaliber verantwortlich sein könnten, ist im Begriff, einen gehörigen Holzweg einzuschlagen. Nichts dergleichen. Schuld sind nämlich einige Fernsehsendungen, die ohne Rücksicht auf Sitte und Tradition Paare in einer Wettbewerbsatmosphäre nicht etwa gegeneinander, sondern miteinander verkuppeln. Wer es bis dahin nicht wußte, kann es nun Dank dem Forschungsaufwand dieser edlen Moralapostel erfahren. Die Phasen der türkischen Eheschließung sind nämlich ausgesprochen komplex und erfordern in jedem Fall die Einbeziehung von Eltern sowieVerwandten. Sitte und Traditon schreiben überhaupt vor, daß man zuerst um die Hand der Frau anhält, daran hat sich eine Verlobung anzuschließen. Und wenn sie vor lauter Sitte und Tradition nicht gestorben sind oder es sich zwischenzeitlich anders überlegt haben, wird eines Tages doch noch geheiratet. Den Forschern, die hier am Werk waren, kann man nicht vorwerfen, sie hätten Arbeit und Mühe gescheut. Fleißig wie sie waren, haben sie es nicht bei der Beschreibung der Phasen belassen, die die türkische Eheschließung zu durchlaufen hat. In einem weiteren Schritt haben sie auch noch fein säuberlich die wichtigsten Grundprinzipien sowie die Werte herausgearbeitet, an denen sich die türkische Familie zu halten habe: Ehrlichkeit, Geduld, Verantwortungsbewußtsein, bedingungslose Liebe, Solidarität, Gerechtigkeit, konsequente Haltung... Angesichts soviel heiler Welt in einem von Elefanten zerschlagenen Porzellanladen
könnte nun so mancher Mensch womöglich ernsthaft ins Grübeln
verfallen, ob er es mit der Ehe nicht ein für allemal sein lassen
sollte. Aber wie gut ist es doch, daß es zwischen Tradition und
den guten Sitten auch soetwas wie die Liebe gibt, von der es ja heißt,
daß sie die Sinne und den Verstand zu trüben bis gar zu rauben
imstande ist. |
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