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Istanbul Post |
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„Die Türkei hat Spuren in meinen Bildern hinterlassen.“Ein Gespräch mit Ursula Soltermann Katipoglu Von Dr. Perihan Ügeöz Ursula Soltermann Katipoglu ist Malerin und stammt aus der Schweiz. Alljährlich werden ihre Bilder in verschiedenen Galerien oder auf Kunstmessen in der Türkei, Schweiz und Deutschland ausgestellt. Ursula ist verheiratet mit Yusuf Katipoglu, ebenfalls Maler, und sie ist die Mutter von zwei Söhnen im Alter von 20 und 17 Jahren. Beim Anblick ihrer beiden Söhne ist der schweizerische Part in der Familie kaum erkennbar, und das ist überwiegend auf Ursula selbst zurückzuführen. Als die Söhne noch klein waren, legten ihr viele Leute aus der Nachbarschaft immer wieder nah, sie möge sie unbedingt in eine private oder in die deutsche Schule schicken. Über diesen nachbarschaftlichen Druck setzte sie sich hinweg und schickte ihre Kinder schließlich doch in die Dorfschule. Das Fremdsein sei ihren Söhnen ohnehin in die Wiege gelegt worden, weil sie nicht nur ein Künstlerehepaar als Eltern hatten, sondern auch eine ausländische Mutter. Darum wollte sie, daß ihre Kinder zumindest in der Schule in das soziale Umfeld eingebettet sind, in dem sie lebten. Heute ist sie besonders froh über diese Entscheidung. Denn ihren Söhnen haftet der Zweifel nicht an, wo sie hingehören, und haben doch gleichzeitig auch den Horizont, daß sie die Schweiz kennen. Mittlerweile lebt Ursula schon seit über 20 Jahren in Istanbul. Das ist eine recht lange Zeit, die im nachhhinein betrachtet, vielleicht in unzähligen Dingen flugs vergangen sein mag. Aber in ihrer Malerei hat diese Zeit dennoch gravierende Spuren hinterlassen. Noch bevor sie sich vor über 20 Jahren in Istanbul niederließ, war sie Malerin und arbeitete schon flächig mit Kontrasten. In Sachen Form und Farbe sei die Türkei für sie das Land, das doch sehr großen Einfluß ausgeübt hat. Diese Worte lassen eine Menge Vertrautheit sowie Zugehörigkeit vermuten. Für die heutige Zeit, die Gegenwart, ist Ursula ohne Widerspruch und Zögern bereit, diese Vermutung zu bestätigen. Aber es war nicht immer so einfach. Anfangs mußten doch verschiedene Schwierigkeiten erst mühsam aufgebrochen und überwunden werden. Einst aufgewachsen in Wallis, einem Tal in den südwestlichen Alpen der Schweiz, lernte Ursula anläßlich einer Türkeireise ihren späteren Ehemann, den Maler Yusuf Katipoglu kennen. Das war im Jahre 1978. Zwei Jahre später waren sie bereits verheiratet und hatten sich beide in Kuzguncuk, einem Stadtteil von Istanbul niedergelassen. Warum hast Du dich entschieden, hier zu bleiben und seid nicht gemeinsam in die Schweiz übergesiedelt? Es ist vielleicht auch eine Sache des Alters, in ein fremdes Land zu ziehen. Yusuf war damals schon 39 Jahre alt. In der Schweiz konnte ich ihn mir einfach nicht vorstellen und dachte, daß er sich immer wieder nach Hause sehnen und womöglich auch mit der Sprache Schwierigkeiten haben würde. Ich war damals 30 Jahre alt und stellte mir vor, daß mir die Anpassung leichter fallen würde. Und ist Dir die Anpassung leicht gefallen? Natürlich nicht. Anfangs gab es doch viele Momente, in denen ich mich sehr nach Hause und meiner Familie sehnte. Und die Vorstellung, daß ich immer hier bleiben würde, war ganz schrecklich. In der Schweiz hatte ich meinen Platz gehabt. Wonach ich mich hier sehnte, waren weder Luxus noch Städte wie Zürich oder Bern. In der Schweiz war ich ja auf dem Land aufgewachsen. Meine Sehnsucht richtete sich stets nach ganz bestimmten Sachen, vielleicht nach einem gewissen Wind, Berge oder Natureindrücke. Gleichzeitig gab es in der Anfangszeit gewiß auch eine Menge Eindrücke, die neu und interessant waren. Aber in vielen Sachen war dieses Gefühl von Fremdheit dennoch sehr stark. Kannst Du dieses Gefühl von Fremdheit noch etwas ausführen? Anfangs war ich viel von Frauen aus der Nachbarschaft umgeben, die mich
immer wieder wie ein kleines Kind behandelten. Stets belehrten sie mich,
gaben mir Anweisungen und erklärten unermüdlich, daß man
bestimmte Sachen bei ihnen anders macht. Mal ging es ums Kochen, mal um
das Wickeln von Babys usw. Vermutlich taten sie es aus einem Verständnis
von Fürsorge und Anteilnahme heraus. Aber für mein Selbstwertgefühl
war es eine sehr schwierige Zeit. In diesen Momenten hatte ich oft das
Gefühl, daß ich unmündig und dumm bin. Zum Glück
hatte ich meine Arbeit und wurde sehr von meinem Mann unterstützt.
Er konnte sich ziemlich gut in mich hineinfühlen und machte mir Mut
und half mir auch viel mit der Sprache. Yusuf und ich hatten die Malerei,
sie war unsere Hauptverständigungsebene. Wie hast Du diese Krise überwunden? Das ging eigentlich ziemlich schnell. Es war beinahe plötzlich, daß mir auffiel, wie schön eigentlich diese Stadt Istanbul ist. Mit dieser Entdeckung war es mit meiner Krise vorbei. Ich hatte das Gefühl, über einen schwierigen Berg zu sein. Auf einmal neigte sich die Waage wieder, so daß ich erneut Freude an meiner Arbeit empfand und begann, mich hier sogar Zuhause zu fühlen. Es hat bei Dir quasi über 3 Jahre gedauert, bis Du das Gefühl entdecken konntest, hier Zuhause zu sein? Ja, es hat wirklich so lange gedauert, bis ich sagen konnte, daß
dies der Platz ist, wo ich bleibe und mich wohlfühle. Gewiß,
als halbwegs denkender Mensch kann man sich nirgends beständig und
ununterbrochen wohlfühlen. Das ist gar nicht möglich. Wirst Du immer noch als Ausländerin betrachtet? Natürlich bin ich nicht mehr in diesem Sinne eine Ausländerin. Aber auf eine bestimmte Art bleibt man immer etwas Spezielles, schon allein aufgrund der Religion. Ich glaube, daß sie ein sehr wichtiger Punkt ist. Meines Erachtens wird ihre Bedeutung von vielen Leuten unterschätzt. Die Religion hört ja nicht einfach beim Ausüben auf, sondern die ganze Erziehung und Kultur, das ganze Verhalten eines Volkes wird davon geprägt. Mußtest Du etwa rechtfertigen, daß Du eine andere Religion hast? Nein, eigentlich nicht. Aber für manche Sachen kann ich nach wie vor kein Verständnis aufbringen. Zum Beispiel? Nehmen wir das Opferfest, das Schlachten auf offenen Plätzen. Oft habe ich mich gefragt, ob man dieses Ritual nicht anders ausdrücken kann. Und hast Du eine Lösung gefunden? Ich frage mich, ob es zum zum Beispiel nicht möglich ist, eine Art symbolisches Schlachten zu initiieren, womit man diesen Brauch umkrempeln könnte. Zum Glück findet dieses Fest nur einmal im Jahr statt. Davon abgesehen, kann man sich hier doch recht wohlfühlen. Könntest Du dieses Wohlgefühl auch auf andere Schweizer verallgemeinern? Ich denke schon. Mir scheint, daß die Schweiz immer noch recht gute Punkte in der Türkei hat. Grundsätzlich wird die Schweiz als demokratisch und freundlich angesehen. Vielleicht hängt das damit zusammen, daß die Schweiz keine Kolonien gehabt hat, und die Schweizer nie Kolonialherren waren. Zum Beispiel hatten wir in der Schweiz keine Adeligen gehabt. Es mag damit zusammenhängen, daß wir Schweizer nicht von oben herabschauen. Das öffnet uns viele Türen, auch in der Türkei. Gilt das für die gesamte Türkei? Ist dieses insgesamt ein Land, in dem man sich als Ausländer grundsätzlich wohlfühlen kann? Wahrschein hängt es letztenendes wesentlich davon ab, wohin man in diesem Land zieht und welche Erwartungen man stellt. Die Türkei ist ein riesiges Land. Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, in einem fernen anatolischen Dorf zu leben, obschon ich in der Schweiz auf dem Land aufgewachsen bin. Welchen Unterschied macht es, ob man in der Schweiz oder in Anatolien auf dem Land lebt? Ist Dorf nicht gleich Dorf? Ich glaube, es ist ein riesen Unterschied. Nach meinem Eindruck wird in manchen anatolischen Dörfern sehr einfach gelebt. Sie wirken sehr kläglich und vielleicht wichtiger noch sehr abgeschnitten von allem. Vermutlich ist in diesen Dörfern der Anpassungsdruck besonders hoch. In der Schweiz hingegen ist alles viel näher. Man kann einfach in einem Dorf leben, ohne sich zuviel mit den Leuten abgeben zu müssen. Die Entfernung zur nächsten Stadt ist nicht so riesig. Es wäre nicht der Komfort, den ich vermißte. Damit habe ich nie Probleme gehabt, das ist für mich wahrlich kein Gegenstand. Wohl könnte ich mir auch vorstellen, mich soweit anzupassen, daß ich koche, Handarbeit mache, mich um die Tiere kümmere. Aber damit wäre nur ein kleiner Teil meiner Persönlichkeit ausgefüllt und der andere hätte beständig Hunger. Gibt es denn nach Deiner Meinung irgendwelche Ähnlichkeiten zwischen der schweizerischen und der türkischen Kultur? Für jene Schweizer meiner Generation ist Familie sehr wichtig. In Sachen Familienbindungen sind wir sehr traditionell. Das ist aber auch die einzige Ähnlichkeit, die mir jetzt einfällt. Demnach überwiegen also die Unterschiede. Könntest Du einen wichtigen Unterschied zwischen der schweizerischen und der türkischen Kultur nennen? Ich bin so erzogen worden, daß ich die Leute erst einmal anschaue, kennenlerne und erst danach anfange, zu urteilen, ob ich einem Menschen vertrauen kann oder nicht. Hier hingegen habe ich oft das Gefühl, daß zuerst gar nicht geguckt oder gefragt wird. Für die Beurteilung scheint hier viel entscheidender zu sein, wer mit wem befreundet ist und woher er stammt. Nähe oder Distanz werden überwiegend über Beziehungen bestimmt. Das ist meines Erachtens eines der größten Probleme, warum die Türkei manchmal nicht weiterkommt. Dieser Vergleich klingt etwas negativ. Natürlich gibt es auch viele positive Unterschiede. Könntest Du einen nennen? Wenn ich hier zum Beispiel aus dem Haus gehe, finden sich auf der Straße immer Leute, mit denen man einige Worte austauschen kann. Das erlebe ich als sehr schön. Gibt es denn Dinge, die Dich nach Jahren Aufenthalt immer noch stark befremden? Was ich vielmehr schade finde, ist, daß die Leute zu wenig Bezug zu ihrem öffentlichen Umfeld haben. Von der Natur wird viel zu wenig Besitz ergriffen. Sie ist etwas, was nicht ihnen gehört, sondern irgendeinem abstrakten Besitzer, wie etwa dem Staat. Darum wird leider zu wenig Engagement für die Natur und ihren Schutz entwickelt.
Vielleicht hängt es auch damit zusammen, daß viele Türken meine Landschaftsbilder nicht erfassen können. Ich meine insbesondere jene Türken, die in einem intellektuellen Stadtmilleu stecken. Bei ihnen habe ich oft den Eindruck, daß sie Landschaft nicht aufnehmen können. Auf sie wirken meine Bilder fremd. Aber interessanterweise verhält es sich mit Türken, die z.B. in Deutschland leben, völlig anders. Sie wiederum haben Zugang zu meinen Landschaftsbildern. Außerdem fällt mir immer wieder auf, daß viele Leute beständig von außen Hilfe und Rettung erwarten, anstatt sich selber stark genug anzustrengen, um eine Lösung zu finden. Meines Erachtens hat das mit Intelligenz oder etwas ähnlichem überhaupt nichts zutun. Ich glaube wirklich, daß diese Haltung vielmehr mit der patriarchalischen Erziehung innerhalb der Familie zusammenhängt. Viele Türken schätzen sich selbst als fürsorglich, offen, warmherzig ein. Stimmt diese Selbsteinschätzung mit Deinen Erfahrungen überein? Es fällt schwer, das zu verallgemeinern. Es gibt überall verschiedene
Charaktere. Die meisten Türken, die ich kenne, sprechen einfach mehr
als die Schweizer. Wenn man sich umsieht, kann man auch feststellen, daß
die Berührungen zwischen den Menschen stärker vorhanden sind.
Kommen Frauen oder Männer zusammen, umarmen sie sich. Wo Worte nicht
ausreichen, gibt es immerzu Brücken, um die Lücke aufzufangen.
Das ist etwas urprüngliches, etwas, was noch erhalten ist. Jetzt möchte ich Dir eine letzte Frage stellen: Kannst Du Dir auch vorstellen, eines Tages in diesem Land begraben zu werden? Im letzten Jahr sind meine Eltern gestorben. Seither beschäftigt
mich diese Frage schon. Ich glaube, es ist ein wichtiger Punkt, daß
man sich überlegt, wo man begraben sein möchte. Ich habe mich
noch nicht entschieden. |
Die Türkei: Land, Leute und Kultur aus dem Blickfeld von Ausländern Reklame
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Stefan Hibbeler Redaktion: redaktion@istanbulpost.net |
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